Eugen Gutnov (Gutnoff) und Gappo Baev — Osseten im Ausland: Briefwechsel
Im Sommer 1921 teilte die Russische Delegation in Berlin dem Verleger Eugen Gutnov (Gutnoff) mit, dass Gappo Baev nach ihm suche. Der frühere Bürgermeister von Wladikawkas war vor der Sowjetmacht geflohen und mittellos in Konstantinopel gestrandet. Aus dieser Nachricht entstand ein halbjähriger Briefwechsel: Von Juli bis Dezember 1921 bemühten sich Eugen und seine Frau Frida Schritt für Schritt um ein deutsches Visum für Baev, schickten ihm Geld, Bücher und Zeitschriften und beglichen seine Schulden. Im Januar 1922 kam Baev nach Berlin und wurde Mitarbeiter von Gutnovs Verlag. Die erhaltenen Dokumente zeigen auch die Fortsetzung dieser Geschichte: Auf die beinahe familiäre Einladung folgten ernsthafte Meinungsverschiedenheiten über die gemeinsame Arbeit.
Dreiundzwanzig Briefe und Postkarten aus dem Jahr 1921 werden im Wissenschaftlichen Archiv des Nordossetischen Instituts für geistes- und sozialwissenschaftliche Forschungen W. I. Abajew (Bestand T. A. Zomajewa) aufbewahrt und wurden von Swetlana Dartschijewa veröffentlicht. Drei weitere Dokumente — ein Einreisegesuch, das Fragment eines undatierten Briefes und ein Brief vom 6. Juni 1922 — veröffentlichte Vittorio Springfield Tomelleri aus dem Nachlass Gappo Baevs in der Staatsbibliothek zu Berlin. Im Folgenden werden beide Veröffentlichungen zu einer gemeinsamen Chronologie verbunden.
Zitierempfehlung: Dartschijewa, S. W.: „Ein ‚Gutenberg‘ aus Ossetien in Berlin: der Briefwechsel von E. A. Gutnov (Gutnoff) und G. W. Baev (1921)“. In: Iswestija SOIGSI, 2026, H. 60 (99), S. 164–195. DOI: 10.46698/VNC.2026.99.60.007. Vollständiger Artikel (PDF).
Zusätzliche Dokumente: Tomelleri, Vittorio Springfield: „Seiten aus Gappo Baevs Leben im Ausland: neue Erkenntnisse“. In: Aktuelle Probleme der Philologie und der pädagogischen Linguistik, 2025, Nr. 1, S. 207–228. DOI: 10.29025/2079-6021-2025-1-207-228. Vollständiger Artikel (PDF).
Lehrer und Schüler
Georgi (Gappo) Wassiljewitsch Baev (1869–1939) war ein ossetischer Politiker und Publizist, Pädagoge und Übersetzer, einer der Gründer des ersten ossetischen Verlags Ir und langjähriger Bürgermeister von Wladikawkas. Eugen Gutnov (Gutnoff) lernte ihn als Jugendlicher kennen, als er eine Stelle als einfacher Setzer in einer Druckerei in Wladikawkas antrat. Baev, der bereits über verlegerische Erfahrung verfügte, leitete den angehenden Setzer an und half ihm, das Druck- und Buchgewerbe zu erlernen. Gutnov vergaß dies sein Leben lang nicht. „In meinem Leben bin ich niemandem so dankbar wie dir; ja, dir allein verdanke ich alles und niemandem sonst“, schrieb er Baev 1921. Baev wiederum nannte Gutnov „meinen Schüler“.
1908 ging Gutnov nach St. Petersburg, wo er studierte und in der Druckerei des Finanzministeriums arbeitete. 1912 wurde er wegen seiner Beteiligung an Unruhen verhaftet; ein Gericht untersagte ihm den Aufenthalt in den zentralrussischen Gouvernements. Er kehrte nicht nach Ossetien zurück, sondern zog nach Berlin, in die Heimat Johannes Gutenbergs, um sich im Druckerhandwerk weiterzubilden. Dort arbeitete er als Setzer in einer kleinen Privatdruckerei, heiratete Frida Lemke, die Tochter des Inhabers, und erbte nach dem Tod seines Schwiegervaters den Betrieb. Im Mai 1919 eröffnete Gutnov in Berlin eine russische Druckerei; im Juni 1921 begann er mit eigenen Verlagsausgaben. Noch im selben Jahr wurde sein Verlag im russischen Berlin durch das Erscheinen des Almanachs Spolochi und der Reihe Bibliothek der „Spolochi“ bekannt.
Fünf Monate Ringen um das Visum
Baev, der die Sowjetmacht ablehnte und seine Verhaftung fürchtete, zog im März 1920 nach Tiflis und 1921 weiter nach Konstantinopel. Auf der Flucht vor den Bolschewiki verlor er alles: sein Land, sein Haus in Wladikawkas, sein persönliches Archiv und seine Bibliothek, seine Stellung und sein gesellschaftliches Ansehen. „Das Jahr 1920 verbrachte ich in Tiflis in großer Armut, 1921 in Konstantinopel in noch größerer. Mehrmals war ich dem Tode nahe“, erinnerte er sich später.
Am 16. Juli 1921 benachrichtigte die Russische Delegation in Berlin Gutnov, dass Baev sich nach ihm erkundige. Gutnov antwortete noch am selben Tag und begann gemeinsam mit Frida, Baevs Visum zu beschaffen. Die Bemühungen dauerten fünf Monate und führten das Ehepaar durch die Passstelle des deutschen Auswärtigen Amts, die Handelskammer, das Rote Kreuz, die Polizei, das Wohnungsamt und das deutsche Konsulat in Triest. Über jeden Schritt unterrichtete Gutnov Baev unverzüglich in Konstantinopel. Zugleich sandte er ihm Geldüberweisungen, ein von ihm verlegtes Rechtschreibwörterbuch zum Verkauf und Ausgaben der Spolochi, beglich Schulden und sprach ihm Mut zu.
In einem Gesuch an die Passstelle des Auswärtigen Amts vom 25. August 1921 stellte Gutnov Baev als bedeutenden Fachmann des Druckwesens dar, der für die Leitung des Verlags unentbehrlich sei. Gegenüber der Polizei bürgte er für Baevs politische Zuverlässigkeit und finanzielle Absicherung. Um das Verfahren zu vereinfachen, gab er ihn als nahen Verwandten aus — „nur für die Behörden“, wie er Baev in einem Brief warnte. Auch Baron Woldemar Jakowlewitsch Uexküll, ein „treuer Freund des ossetischen Volkes“, half: Am 7. November 1921 schickte er aus Meran ein Empfehlungsschreiben an das deutsche Konsulat in Triest und versicherte den Behörden, Baev sei kein Bolschewik, sondern „ein großer Verehrer des deutschen Volkes und seiner Kultur“.
Baev hatte kein Geld für die Reise. Zweimal bat Gutnov ihn, die goldene Uhr mit der Widmung „Dem Rechtsanwalt G. W. Baev von der Kleinen Kabarda“ nicht zu verkaufen, und versprach, ihm die nötigen Mittel zu schicken. Am 24. Dezember 1921 verkaufte Baev die Uhr dennoch für vierzig Lire; das Geld reichte für eine Fahrkarte auf dem nach Europa fahrenden Dampfer Remo. Im Januar 1922 traf er in Berlin ein, wohnte bei den Gutnovs und unterstützte Eugen bei der Zeitschrift Spolochi sowie bei der Veröffentlichung von Büchern ossetischer Autoren. Zwischen 1922 und 1925 wurden elf von Gutnov und Baev gemeinsam herausgegebene Buchauflagen von Berlin nach Nordossetien geschickt.
Nach der Ankunft: unterschiedliche Erwartungen
Vor Baevs Ankunft wandte sich Gutnov an ihn wie an einen Lehrer und beinahe wie an ein Familienmitglied, versprach, ihn „wie unseren Vater“ aufzunehmen, und erwartete zugleich einen erfahrenen Leiter für die Verlagsabteilung. Nach ihrem Zusammentreffen in Berlin gerieten diese persönlichen und geschäftlichen Erwartungen miteinander in Konflikt. Gutnov erwartete, dass Baev sich sofort an der täglichen Arbeit der Druckerei beteiligen, ein Vorwort zu einer Ausgabe Kosta Chetagurows verfassen und die Abteilung „Handel und Industrie“ der Spolochi leiten würde. Baev verbrachte dagegen viel Zeit in Bibliotheken, schrieb sich an der Universität ein und nahm seine wissenschaftlichen Studien wieder auf.
Am 6. Juni 1922 schrieb Gutnov ihm einen langen und scharfen Brief. Er erinnerte an die Hilfe bei der Übersiedlung und an die finanzielle Unterstützung, zählte die seiner Ansicht nach unerfüllten Versprechen auf und kündigte an, die materielle Hilfe einzustellen, falls Baev sich nicht an der Arbeit der Firma beteilige. In den hier ausgewerteten Veröffentlichungen ist keine Antwort Baevs überliefert; Gutnovs Vorwürfe können deshalb nicht als vollständige und unwidersprochene Darstellung der Situation gelten. Der Brief vermittelt jedoch deutlich seine Enttäuschung und zeigt, dass die Differenzen nicht nur geschäftlicher, sondern auch persönlicher Natur geworden waren.
Vittorio Springfield Tomelleri bringt diesen Konflikt mit dem Verschwinden der von Baev betreuten Abteilung „Handel und Industrie“ aus den Spolochi ab der Septemberausgabe 1922 in Verbindung. Einen endgültigen Bruch belegen die Dokumente jedoch nicht: Archivalischen Angaben zufolge arbeitete Baev bis zur Schließung der Druckerei 1924 weiter bei Gutnov. In einer Denkschrift von 1925 schrieb er Gutnovs Verlagstätigkeit eine „überaus segensreiche Rolle“ für die Entwicklung des ossetischen Schrifttums und für das wachsende Interesse an Ossetien in Deutschland zu. In einem späteren Aufsatz über Adolf Dirr erinnerte Baev ebenfalls daran, dass er Anfang 1922 mit Gutnovs Unterstützung in Berlin begonnen hatte, Bücher in ossetischer Sprache herauszugeben.
Briefe und Dokumente (Juli 1921–Juni 1922)
Gutnovs Briefe sind auf dem Briefpapier seines Verlags geschrieben, Fridas russische Briefe von Hand. Gutnov unterschreibt nicht immer gleich: „Elbas“, „Elbas-Duko“ oder „Jelbas“, abgeleitet von seinem ossetischen Namen Jelbysdyko; „Duko“ und „Dsiborka“ waren seine Kosenamen in der Familie seit der Kindheit. Die ossetischen Zeilen, mit denen Gutnov einige Briefe beendet, stammen aus Kosta Chetagurows Gedicht „Tschi dæ?“ („Wer bist du?“). In den zusätzlichen, von Tomelleri veröffentlichten Dokumenten wurde die vorrevolutionäre russische Orthografie modernisiert; der undatierte Text wird nur in dem erhaltenen Fragment wiedergegeben.
Gutnov an Baev. Berlin, 16. Juli 1921
Lieber Gappo!
Soeben hat mir die hiesige Russische Delegation mitgeteilt, dass sich der Bürgermeister von Wladikawkas, Rechtsanwalt G. W. Baev, nach mir erkundigt! Eine solche Freude hatte ich von der Russischen Delegation gewiss nicht erwartet. Ich werde ihnen von Herzen danken. Und nun zur Sache: Ich wünschte sehr, sehr, Gappo käme hierher nach Berlin; auch meine Frau besteht darauf. Ich bin seit zwei Jahren verheiratet — mit einer Deutschen. Ich habe eine eigene Druckerei. Ich bewältige große Sachen, das heißt, ich drucke große Sachen. Um Gottes willen, Gappo, ich freue mich mehr, als wenn ich meinen Vater oder Bruder träfe. Ich bin Gappo doch von Herzen und auf ewig dankbar. Gappo, ich bin nicht mehr jener dumme Junge; nun weiß auch ich alles und weiß, wem ich dankbar sein kann.
Ich schreibe nicht viel. Ich warte auf Antwort. Von zu Hause erhalte ich nichts. Vor vier Monaten erhielt ich die Nachricht, dass innerhalb einer Woche einer meiner Brüder, meine Schwester und zwei ihrer Kinder gestorben sind. Alles ist so tragisch, aber das erzähle ich Ihnen persönlich!?
Hochachtungsvoll, Elbas.
Osdan læg næ dæn… Æs raiguyrdtæn chochy, næ chædkul skæt… — „Ich bin nicht von vornehmer Herkunft… Ich wurde in den Bergen geboren, unser Schuppen aus Balken…“
Frida Gutnov an Baev. Berlin, Juli 1921
Lieber Herr Gappo!
Wie mein Schenja sich immer über diese gute Nachricht freut, so freue auch ich mich. Ich bitte Sie sehr, zu uns zu kommen. Bei uns erwartet Sie auch eine Heimat. Ich habe so viel Gutes von Ihnen gehört und werde mich sehr freuen, Sie zu sehen.
Herzliche Grüße, Frida Gutnov.
Baev an Gutnov. Konstantinopel, 17. August 1921
Der Brief wurde auf Deutsch geschrieben; russische Übersetzung von A. W. Dartschijew.
Lieber Eugen!
Unmittelbar vor dem Krieg erhielt ich deinen letzten Brief aus Berlin. Und nun habe ich zusammen mit der Nachricht der Russischen Delegation in Berlin (Uhlandstraße 156) zu meiner riesigen Freude auch deinen Brief erhalten. Du bist noch immer voller Energie und Unternehmungsgeist. Ich freue mich sehr, dass du einen Verlag gegründet hast, und wünsche dir Erfolg.
Besonders gefreut hat mich die Nachricht, dass ich die Leitung deines Verlags übernehmen kann. Du weißt ja noch aus Russland, dass ich dort Bücher herausgegeben habe, darunter, wie dir bekannt sein dürfte, die „Bibel“ in ossetischer Sprache und dergleichen. Ich denke mit großer Freude an diese Tätigkeit und bin sogar bereit, dir mehrere Vorhaben vorzuschlagen, denn hier im Verband der Schriftsteller und Gelehrten haben wir viele literarische Ideen besprochen, die sich nun vielleicht in die Praxis umsetzen lassen. Wie man mir im hiesigen deutschen Konsulat mitteilte, muss die Einreisegenehmigung für mich beim dortigen Auswärtigen Amt eingeholt werden. Ich hoffe, dass dies keine Schwierigkeiten bereitet, [und daher] bin ich in Gedanken schon ganz bei dir. Bitte schreibe oder telegrafiere mir, sobald du Nachricht über die Einreisegenehmigung erhältst.
Auf Wiedersehen. Die herzlichsten Grüße an dich und deine Gemahlin. Dein Gappo.
Gutnov an Baev. Berlin, 19. August 1921
Lieber Gappo!
Nun schicke ich schon den zweiten Brief, habe aber noch keine Antwort erhalten. Die Russische Delegation in Berlin teilte mir mit, dass G. W. Baev nach mir suche. Du kannst dir vorstellen, welche Freude das für mich ist; meine Frau freute sich ganz besonders.
Um Gottes willen, rasch ein paar Worte. Antworte. Damit wir die Verbindung herstellen.
Dein Elbas-Duko.
Gutnov an das Auswärtige Amt. Berlin, 25. August 1921
Gesuch um Einreiseerlaubnis für Herrn G. Baev aus Konstantinopel
Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit erlaube ich mir die ergebene Bitte um Einreiseerlaubnis für den russischen Staatsangehörigen Herrn Rechtsanwalt Georgi Baev, ehemaligen Bürgermeister der Stadt Wladikawkas im Kaukasus bis zur bolschewistischen Revolution und Mitglied des Schriftsteller- und Gelehrtenverbandes in Konstantinopel. Herr Baev ist Ossete, griechisch-orthodoxen Glaubens und zurzeit in Konstantinopel wohnhaft.
Ich bin der Besitzer der Buchdruckerei Eugen Gutnov (Gutnoff), Berlin S. 14, Dresdnerstraße 82–83, und habe meiner Buchdruckerei einen Verlag angegliedert, zu dessen Leitung ich dringend eine literarisch gebildete Persönlichkeit benötige. Herr Baev war in Russland mein Erzieher, und seine Fachkenntnisse auf dem Gebiet des Verlagswesens sind mir genau bekannt, sodass er die geeignetste Persönlichkeit für die Leitung meines Verlags ist. In meinem Verlag werden ausschließlich wissenschaftliche Werke in russischer Sprache herausgegeben. Ein russisches Wörterbuch ist bereits erschienen; dabei haben sich Schwierigkeiten ergeben, die dringend einen umsichtigen Leiter mit großer Fachkenntnis erfordern.
Ich bürge dafür, dass Herr Baev sich in Deutschland in keiner Weise politisch betätigen wird. Ferner bürge ich dafür, dass er weder der Stadt noch dem Wohnungsamt zur Last fällt, da er mein nächster Verwandter ist und ich meine Zweizimmerwohnung mit ihm teilen und ihm alle notwendigen Mittel zur Verfügung stellen werde.
Ich bitte nochmals ganz ergebenst um Bewilligung meines Gesuchs und zeichne
hochachtungsvoll.
Alle entstehenden Kosten, etwa für die telegrafische Benachrichtigung, werde ich selbstverständlich sofort begleichen.
Staatsbibliothek zu Berlin, Handschriftenabteilung, Nachlass Georg Gappo Baiew, Mappe VIII, Akte 2, Bl. 35–35v.
Gutnov an Baev. Berlin, 27. August 1921
Lieber Gappo!
Gestern erhielt ich deinen Brief, und heute wurde das Gesuch bereits über die Handelskammer beim Auswärtigen Amt eingereicht, da diese Instanz in der Angelegenheit eine bedeutende Rolle spielt. Beiliegend übersende ich Übersetzungen deines Briefes und eine Abschrift des Gesuchs an das Auswärtige Amt. Ich nehme an, man wird dir telegrafisch Nachricht geben — und, wie ich glaube, die Einreise gestatten. Erkundige dich dort beim Deut[schen] Konsulat der Botschaft. Mein Verlag kann also ohne dich nicht auskommen, und ich danke dir für deine Bereitschaft, mir zu helfen und die Leitung des Verlags zu übernehmen.
So steht die Sache! Ich hoffe, dass wir beide gute Dinge vollbringen werden! Herzliche Grüße!
Dein Elbas-Duko.
Gutnov an Baev. Berlin, 28. August 1921
Lieber Gappo!
Heute war ich bei den Sowjet[ischen] Stellen — jedoch ohne Ergebnis. Ich möchte meinen Brüdern und Eltern so gern helfen, aber alles ist vergeblich. Es gibt überhaupt keine Möglichkeit. Ich war auch beim Roten Kreuz, doch auch dort kann man nicht helfen.
So sterben sie langsam alle dahin, ohne Hilfe erlebt zu haben… Dieser verfluchte Krieg — das sind doch alles seine Folgen. Hätte es keinen Krieg gegeben, hätte es auch keine Bolschewiki gegeben…
An dich habe ich nun eine geschäftliche Bitte — eine Verlagssache. Erkundige dich bei den dortigen Buchhandlungen, wie viele Exemplare meines Wörterbuchs und zu welchen Bedingungen sie abnehmen. Mit meinem Wörterbuch habe ich hier den Buchmarkt in Aufruhr versetzt — ich bin der Einzige, der sich an ein Wörterbuch dieser Art gewagt hat. Und es läuft schon sehr gut.
Heute kamen die ersten Exemplare aus der Buchbinderei, und es liegen bereits viele Bestellungen vor. Bitte werde tätig — wir müssen uns an die deutschen Verhältnisse gewöhnen: Vor allem muss jeder zunächst Kaufmann sein und erst dann Literat, Ing[enieur], Techn[iker], Offizier und so weiter. Das ist fast das Motto des Deutschen, und er hat recht!
Kurzum, du wirst bald hier sein und es dann in der Praxis sehen. Einen Brief habe ich über das Rote Kreuz geschickt, weil ich nicht gewartet habe, bis du antwortest; aber das schadet nichts. Meine Frau und ich waren gerade vierzehn Tage lang in einem kleinen Kurort unweit von Berlin zur Erholung. Es war sehr schön. Ich habe mich ein wenig erholt, das heißt ausgeruht.
Nun, wenn du kommst, werden wir reden!
De ’sær ual chors! („Und einstweilen einen guten Abend!“) Dein Elbas-Duko.
Gutnov an Baev. Berlin, 3. September 1921
Lieber Gappo!
Deinen Brief mit dem Gesuch des Semstwo habe ich erhalten. Ich habe ihn sofort zur Aufnahme in die Akten an das Min[isterium] des Aus[wärtigen] weitergeleitet. Bisher haben wir beide uns ausgezeichnet zusammengefunden, und alles läuft wie es soll. Ich warte auf die Genehmigung, und dann warten wir auf dich! Über die unternommenen Schritte habe ich dich informiert. Hast du die Nachricht etwa nicht erhalten?
Einstweilen auf Wiedersehen! Dein Jelbas-Duko.
Gutnov an Baev. Berlin, 7. September 1921
Lieber Gappo!
Soeben habe ich deinen dritten Brief erhalten. Bisher habe ich dir vier Briefe und eine Postkarte geschickt. Bei uns fügt sich bislang alles so, wie es soll. Das Gesuch wurde über die Handelskammer beim Min[isterium] des Aus[wärtigen] eingereicht. Die erste Instanz ist obligatorisch, und dort ging alles erfolgreich durch. Nun liegt das Gesuch bei der letz[ten] Instanz. Meine Frau war schon dort, aber offenbar wird dort nicht so schnell entschieden. Ich stütze mich darauf, dass ich ohne dich nicht auskomme und dich in meinem Verlag brauche. Alles wurde als dringlich eingereicht. Ich habe erklärt, dass ich dich telegrafisch herbeirufen möchte. Ich denke, es wird gelingen. Und wenn es nicht gelingt, werde ich andere Wege und Möglichkeiten suchen; vorerst aber will ich alles richtig und so gut wie nur möglich machen. Es freut mich sehr, dass ich dir helfen und dich endgültig aus der östlichen Finsternis herausholen kann (obwohl es der Orient ist!). Besonders freut mich, dass ich dir in einer schweren und kargen Stunde beistehen kann, so wie du einst mir beigestanden hast… doch dieses Einst werde ich nie vergessen. Noch stehe ich in deiner Schuld. Und diese Schuld bleibt eine ewige Schuld. Kurzum, wir beide sind Sohn und Vater = einer mit dem anderen! Wir sind alles, was die menschliche Vorstellungskraft sich im reinsten Sinne des Wortes ausmalen kann! Mit Leib und Seele bin ich Ossete — iron!
Hier werden wir beide etwas schaffen! Meine Frau hat ein gutes Bild von dir. Sie hat genug über dich gehört. Sie wird dich als den für uns kostbarsten Menschen der Welt aufnehmen. Sie und ich atmen wie ein Mensch. Sie richtet bereits das Zimmer her, in dem du wohnen wirst — natürlich bei uns. Sie bemüht sich bei allen Behörden um die Genehmigung für deine Einreise. Mit einem Wort: Du wirst ein Mitglied unserer Familie sein. Wir drei werden gemeinsam atmen und leben!
Wenn du also kommst… wirst du hier, glaube ich, ein großes Tätigkeitsfeld sehen. Das Leben muss brodeln und darf nicht ersticken.
Aufrichtige Grüße von meiner Frau. Vielleicht erhältst du die Antwort noch vor diesem Brief. Dein Elbas.
Gutnov an Baev. Berlin, 19. September 1921
Lieber Gappo!
Ich hatte doch gedacht, es sei leichter, ein Visum für dich zu erhalten, als es sich nun in Wirklichkeit erweist. An einer Stelle ist es etwas ins Stocken geraten, doch es wird alles Mögliche getan. Man wollte sämtliche Gesuche nach Sofia schicken, angeblich weil aufgrund der Verfügung vom 2. August [19]21 alle Russen nun anderen Ausländern gleichgestellt seien und deutsche Vertretungen solche Fragen (Visaangelegenheiten) vor Ort entscheiden dürften. Ich nehme an, in Konstantinopel gibt es keine solche Vertretung. Reichten wir das Gesuch jedoch in Sofia ein, müsstest du vier Staaten durchqueren, würdest überall auf Hindernisse stoßen und dich sehr verspäten. Ich versuche, die Genehmigung hier zu bekommen; vielleicht gelingt es. Du deinerseits wende dich an das Konsulat. Kurzum, ich bemühe mich. Alles wird bereits getan. Und Arbeit gibt es für dich in Massen! Komm nur, wir warten!
Hier hast du eine dir nahestehende kleine Familie aus zwei Seelen. Wir werden uns ein behagliches Leben schaffen. Das Leben muss man schaffen, aufbauen; man muss dem Leben viel abgewinnen. Man darf nicht verzagen. Ich hatte viele Misserfolge, aber solche Schläge wie du habe ich natürlich nicht erlitten. Ich überwand die Misserfolge und ging wieder festen Schrittes voran. Überall versperrte man mir den Weg, man warf mich beiseite wie einen dummen Jungen, wie einen unnützen Menschen, doch ich räche mich an niemandem! Ich gehe unbeirrt meinen Weg. In meinem Leben bin ich niemandem so dankbar wie dir; ja, dir allein verdanke ich alles und niemandem sonst. Ich habe ein bitteres und sogar sehr karges Leben erfahren, wusste aber schon als zwölfjähriges Kind, dass ich zum Licht strebe und dass niemand mir dieses Licht zu versperren vermag. Will ich etwa jemandem schmeicheln? Nein! Ich liebe alle mit reiner menschlicher Liebe.
Lieber Gappo, sei ruhig, es wird alles getan, was nur unternommen werden kann. Von deinem Bedarf an materieller Hilfe hättest du mir schon früher berichten sollen; bis jetzt hätte man bereits etwas schicken können.
Dein Elbas.
Nachschrift von Frida Gutnov: Meine Frau quält sich nun schon eine ganze Stunde; sie möchte dir auf Russisch ein paar Worte schreiben, aber es gelingt nichts. Sie kümmert sich um alles für dich und sendet dir aufrichtige Grüße! Herzliche Grüße von Ihrer Frida Gutnov. Auf Wiedersehen in Berlin!
Frida Gutnov an Baev. Berlin, September 1921
Lieber Gappo!
Durch Ihren Brief war ich sehr glücklich. Ich bin Ihnen sehr dankbar. Ich kann es nicht so sagen, wie ich möchte, weil ich die russische Sprache nicht kann. Aber ich glaube auch, dass alle Worte, die von Herzen kommen, immer ihren Weg finden!
Unser kleiner Herd erwartet Sie! Ihre Frida Gutnov.
Gutnov an Baev. Berlin, 20. September 1921
Lieber Gappo!
Heute erhielt ich deinen am 14. Sept[ember] abgesandten Brief; er war also fünf Tage unterwegs. Die Schritte, die du zum Nutzen unserer gemeinsamen Sache, für dich und meine Familie unternommen hast, haben mich sehr bewegt. Heute erhielt ich die Genehmigung des hiesigen Wohnungsamts, das nichts gegen deine Einreise und deinen Aufenthalt in meiner Wohnung einzuwenden hat. Die nächste zuständige Stelle ist wieder die Polizei; ich denke, dort wird es ebenfalls gelingen. Die Hauptsache aber ist das Auswärtige Amt. Ich werde selbst hingehen und mich bemühen. Dann freute mich dein Eingeständnis, kein Geld zu haben. Ich war noch heute auf der Post, doch dort werden keine Überweisungen angenommen. Ich werde es über die Bank versuchen. Ich werde alles tun, was ich kann. Die Bücher schicke ich gleich morgen. Du hast recht: Ein Kommissionär ohne Muster ist kein vollwertiger Kommissionär. Um Gottes willen, Gappo, halte nichts von dem, was wir miteinander tun, für eine Erniedrigung. Du hast es mit einem Menschen zu tun, der dir im Herzen sehr nahe steht, dir ewig dankbar ist und für deine Gesundheit betet. Ich nehme von Herzen an allem Anteil, Gappo; Stellung, Besitz, Freunde und Verwandte — alles hast du verloren, aber mich und meine Frau hast du nicht verloren. Wir werden dir eine Ecke unserer Ecke abteilen, und das wird gut sein; und wir werden miteinander arbeiten, zum Nutzen der Kultur und der Menschheit arbeiten, das heißt, wir werden danach streben, etwas für unser armes Volk zu schaffen.
Wenn es irgendwie möglich ist, deine goldene Uhr mit der Widmung des kabardinischen Volkes zu retten, werde ich alles tun. Ich habe die Adresse von Baron Woldemar Jakowlewitsch Uexküll ausfindig gemacht. Er lebt in Oberbayern. Gestern schrieb ich ihm über dich und schickte den Brief mit dem Schnellzug ab. Ich warte auf Antwort. Vielleicht hat er Verbindungen, die helfen, das Visum hier zu erhalten.
Mitte Oktober oder Anfang November erscheint die erste Nummer der Zeitschrift Spolochi. Meine Ausgabe, rein literarisch und überparteilich. Lieber Gappo, ich bin sicher, dass du — wenn nicht jetzt, dann ein wenig später — hier sein wirst und wir beide ein gewaltiges Werk schaffen werden. Hier befindet sich auch der Bürgermeister von Kiew, I. N. Djakow; auch er hat einen Verlag und eine Buchhandlung. Das ist keine Schande! Man kann nur stolz darauf sein.
Aber eine Frage quält mich: Sage offen und ehrlich, ohne dich zu genieren, brauchst du dringend Geld? Soll ich dir etwas schicken? Redakteur [der Zeitschrift] wird A. Drosdow sein, ein junger, bekannter Prosaschriftsteller. Er ist talentiert. Wie du siehst, gibt es hier ein Arbeitsfeld. Doch man muss sich bemühen, die Genehmigung schneller zu erhalten. Meine Frau drückt dir aufrichtig die Hand, und auch von mir tief empfundene Grüße!
Dein Elbas-Duko.
Gutnov an Baev. Berlin, 26. September 1921
Lieber Gappo!
Deinen am 18. Sept[ember] abgesandten Brief habe ich erhalten. Es berührt mich sehr, dass du dich so lebhaft der Sache angenommen hast. Vorgestern schickte ich dir 500 Mar[k] und zwanzig Wörterbücher. Verkaufe die Letzteren; ich brauche nichts dafür. Nun warte ich auf die Genehmigung des Polizeipräsidiums, danach werde ich noch einmal selbst zum Min[isterium] des Aus[wärtigen] gehen. Richte es so ein, dass wir später eine Verbindung zu Ossetien und vor allem zum gesamten Kaukasus haben. Arbeit für dich gibt es beliebig viel, für mehrere Schreiber; du kannst zweien oder dreien diktieren.
Verkaufe die Uhr nicht. Ich schicke dir Geld. 500 Mar[k] habe ich über die Bank gesandt.
Frida ist einfach deshalb gekränkt, weil sie für dich die reinsten, familiären Gefühle hegt und daher lieber einfach „Frida“ hört.
Bei der Polizei fragte man mich, in welchem Verwandtschaftsverhältnis du zu mir stehst; ich antwortete: Meine Mutter ist deine Cousine. Das muss so sein. Behalte es im Gedächtnis. Nur für die Behörden.
Das russische Verlagswesen in Deutschland befindet sich in der Entwicklung. Belletristik gibt es am meisten, wissenschaftliche Werke weniger. In den einzelnen Fachgebieten gibt es sehr wenig (geringe Nachfrage). Interessiere dich für das Verlagswesen; es ist eine gute und kulturelle Sache.
Grüße von Frida. Dein Elbas-Duko.
Gutnov an Baev. Berlin, 2. Oktober 1921
Lieber Gappo!
Die Bemühungen um das Visum ziehen sich immer mehr hin; inzwischen sind sie durch vier Instanzen gegangen, und weitere vier oder fünf stehen noch bevor. Es ist offenbar nicht so einfach, wie ich dachte. Doch es besteht Hoffnung, die Genehmigung zu erhalten. Es werden noch einige Wochen vergehen. Hast du das Geld nicht erhalten? Die Wörterbücher erhalten?
Ende dieses Monats erscheinen die Spolochi. Eine überparteiliche Zeitschrift. Bedeutende russische Schriftsteller wirken mit. Sie muss Erfolg haben! Vielleicht kannst du dort einen Markt für diese Zeitschrift schaffen. Ich habe [das Wörterbuch] bereits in alle anderen Länder verkauft: Amerika, China, Japan, England, Frankreich, Belgien, die Schweiz, Schweden, Dänemark, Norwegen und in sämtliche Balkanstaaten außer der Türkei und Griechenland. Der Erfolg ist gut. Schließlich gibt es kein anderes Wörterbuch.
Baron Uexküll lebt, wie sich herausstellt, in Italien; auch er wird Material in deutscher Sprache liefern. Er hat sich sehr über meine Briefe gefreut und schreibt, dass er sich sehr freuen würde, dich auf der Durchreise bei sich in Italien zu sehen. Er liebt die Osseten sehr. Seinen langen Brief schließt er (auf Deutsch): „In Erwartung Ihrer Antwort grüßt Sie ein treuer Freund des ossetischen Volkes“, W. Ixkull.
Wie steht es eigentlich um deine Gesundheit? Ich habe nie danach gefragt, obwohl es so wichtig ist. Schreibe bald über alles. Aufrichtige Grüße von Frida! Dein Elbas-Duko.
Gutnov an Baev. Berlin, 5. Oktober 1921
Lieber Gappo!
Deinen am 26. September abgeschickten Brief erhielt ich gestern, den am 25. Sept[ember] abgeschickten heute. Ich sehe, am 25. hast du ohne Aufregung geschrieben, am 26. dagegen sehr erregt. Zunächst, damit es kein Missverständnis gibt: Die Zeitung Wremja schickt dir die Redaktion selbst auf meine Anweisung, und ich habe mit der Herausgabe dieser Zeitung nichts zu tun. Ich drucke sie lediglich gegen das übliche Entgelt. Du regst dich deshalb umsonst auf. Zweitens: Spolochi bedeutet = Nordlicht oder auch Wetterleuchten; deshalb darf man den Namen nicht mit anderen Begriffen vermischen. Die Zeitschrift wird überparteilich sein und daher keine polemischen Artikel enthalten.
Aber warum sollten wir beide uns aufregen? Du brauchst Ruhe. Wahrscheinlich kommst du hierher; dann werden wir vor Ort wie Freunde und Verwandte miteinander reden. Wir wollen dir in den Tagen deiner Verfolgung doch ein wenig Erleichterung verschaffen, die Lage im Allgemeinen mildern und nicht erschweren. Ich sehe und spüre, dass unsere Briefe sich kreuzen. Ich habe dir vier Briefe, 500 Mar[k], zwanzig Wörterbücher und ein Paket mit Briefumschlägen geschickt. Das Geld für die Reise wird dir gesandt, sobald wir die Genehmigung haben. Anzüge und anderes sind hier um 75 Proz[ent] billiger. Hier werden wir alles miteinander regeln. Wir fühlen von Herzen mit dir und bemühen uns, aber gerade die Bürokratie zieht alles in die Länge.
Auch von Frida aufrichtige Grüße. Dein Elbas-Duko.
Frida Gutnov an Baev. Berlin, 12. Oktober 1921
Der Brief wurde auf Deutsch geschrieben; russische Übersetzung von A. W. Dartschijewa.
Lieber Gappo!
Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre lieben Briefe. Ich fühle mich glücklich und stolz, dass Sie auch an mich denken. Auch ich möchte Ihnen oft und viel schreiben, doch mein Russisch ist noch nicht fließend genug, um frei zu beschreiben, was ich denke. So muss ich Sie diesmal ein wenig mit einem deutschen Brief quälen.
Solange ich meinen Eugen kenne, kenne ich auch Sie, lieber Gappo. Kein Tag verging, an dem Eugen mir nicht von Ihnen, seinen Eltern, Brüdern und Schwestern erzählte. Von Ihnen, lieber Gappo, sprach er mit größtem Stolz als von einem Wohltäter seines Volkes und mit ungeheurer Liebe und Dankbarkeit … <Lücke> den edelsten und besten Vertretern seines Volkes.
Dass unsere bescheidene Wohnung für Sie zum Zuhause wird, betrachten wir als Ehre und erwarten es mit lebhaftester Freude. Wir setzen alles daran, die Erteilung des Einreisevisums zu beschleunigen. Gesuche dieser Art müssen jedoch zahlreiche Behörden und anschließend viele einzelne Instanzen durchlaufen, ehe ein Ergebnis erzielt wird. Man darf aber die Geduld nicht verlieren, und seien Sie, lieber Gappo, gewiss: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wir werden die Einreisegenehmigung unbedingt beschaffen. Morgen gehe ich wieder zum Polizeipräsidium, erkundige mich nach dem Stand der Angelegenheit und bitte noch einmal um eine Beschleunigung des Verfahrens. Sobald wir eine positive Antwort erhalten, werden Eugen und möglicherweise auch das Auswärtige Amt Sie telegrafisch benachrichtigen. Seien Sie nur nicht traurig und verlieren Sie nicht den Mut, lieber Gappo. Sobald Sie bei uns sind, wird es unsere Aufgabe sein, Sie die schwere und traurige Zeit vergessen zu lassen. Und diese Aufgabe werden wir gern erfüllen.
Das nächste Mal schreibe ich auf Russisch. Bis zu unserem frohen Wiedersehen in Berlin sende ich Ihnen viele herzliche Grüße. Ihre Frida.
Gutnov an Baev. Berlin, 13. Oktober 1921
Lieber Gappo!
Deinen Brief vom 4.10.[19]21 erhielt ich vorgestern, war aber sehr beschäftigt und konnte nicht rasch antworten. Auf die einzelnen Punkte deines Briefes kann und will ich nicht eingehen, weil ich auf das Visum warte; sobald ich es erhalte, musst du ohne Aufenthalt hierherkommen. Es gibt viel zu tun! Nur eines will ich sagen (nimm es mir nicht übel): Ich lade dich als Verwandten ein — als meinen Erzieher und den Menschen, der mir in Europa am nächsten steht und dem ich alles verdanke. Denke aber nicht, Gappo, dass ich dich in irgendein zugrunde gehendes Unternehmen einlade! Das Geschäft wächst, und aufgebaut haben es nur wir beide (meine Frau und ich). Kein anderer Teufel hat uns bei unserer Arbeit geholfen. Bei mir arbeiten nur Setzer, Drucker und ihre übrigen Gehilfen. An der Spitze des ganzen Geschäfts stehen meine Frau und ich, und wir sind die einzigen Eigentümer!
Ich arbeite ausschließlich mit der Bank, bei der ich Kredit erhalte. Meine Firma genießt Vertrauen. Sie hat einen guten Ruf. Kurzum, wir sind allein! Du wirst bei uns der willkommenste Mensch sein, und wir werden miteinander arbeiten. Mit Lunatscharskis Gehilfen ist es schwer zu arbeiten; ich habe mit ihnen gearbeitet, mich aber von ihnen losgesagt. Eine Diktatur über mir erkenne ich nicht an!
Ich versäume keine Minute. Jetzt warte ich auf das Visum, deshalb schreibe ich nicht viel. Herzliche Grüße, dein Elbas Duko.
Von zu Hause habe ich wieder einen Brief von meinem Bruder erhalten. Sie leben dort sehr schlecht, aber wie soll ich helfen?…
Gutnov an Baev. Berlin, 21. Oktober 1921
Lieber Gappo!
Die Genehmigung der örtlichen Behörden ist nun erlangt und auf Drängen des Min[isteriums] des Aus[wärtigen] bereits nach Triest in Italien geschickt worden, damit du leichter hierhergelangen kannst. Der deutsche Konsul in Triest wird dich über seine Entscheidung informieren, denn in seinen Händen liegt dein Schicksal — ob du nach Deutschland kommst oder nicht. Das sind jetzt die neuen Regeln: Liegen die Genehmigungen der örtlichen Behörden vor, entscheiden die Konsuln selbstständig. Ich habe sie ihm gestern geschickt. Falls etwas Wichtiges geschieht, lautet meine Telegrammadresse: Irondruck Berlin. Ich rate dir, nicht nach Prag zu reisen, sonst sind alle Bemühungen umsonst. Wir glauben, dass du bald hier sein wirst. Hier kann man doch vier- bis fünfmal billiger leben als dort!!! Ich werde dir Geld für die Reise schicken, und von hier aus werden wir deine dortigen Schulden bezahlen. Dafür verbürge ich mich! Nun warte ich auf die Antwort des Konsuls und dann auf deine Ankunft.
Dein Elbas-Duko.
Gutnov an Baev. Berlin, 24. Oktober 1921
Lieber Gappo!
Nun warte ich auf deine Antwort. Warum schreibst du nicht mehr? Die Genehmigung der örtlichen Behörden liegt vor und wurde an den deutschen Gesandten in Triest geschickt. Dort wirst du gewiss auch seine Genehmigung erhalten. Du darfst nicht nach Prag fahren. Dort ist jetzt Krieg! Und es würde alles verderben.
Wie viel kostet die Reise? Hast du dich nicht erkundigt? Deine Schulden werde ich von hier aus begleichen. Das Leben ist hier vier- bis fünfmal billiger. Lieber Gappo! Wir freuen uns von Herzen, dass es uns gelungen ist, die Genehmigung zu erhalten, und dass wir dich nun gewiss bei uns sehen werden! Frida und ich haben gerade beschlossen, dir sofort 5.000 Mark (fünftausend) zu schicken; ich denke, das wird für die Reise reichen.
Wenn du auf dem Weg durch Triest kommst, besuche Uexküll; er wird sich freuen. Also, Gappo! Chors ual bairai! Uastyrdschi dyn fændag radtæd! („Bleib gesund! Möge Uastyrdschi dir den Weg bereiten!“)
Dein Elbas-Duko.
Gutnov an Baev. Berlin, 1.–2. November 1921
Lieber Gappo!
Gestern erhielt ich den beigefügten Brief von Grusenberg. Ich hoffe, dir damit ebenfalls Freude zu bereiten. Dass man dir von der Triester (deutschen) Botschaft noch keine Nachricht gegeben hat. Alles hängt nun von jenem Gesandten ab. Verzeih, nicht von der Botschaft, sondern vom Konsulat! Alles hängt von ihm ab! Zweimal habe ich ihm Gesuche geschickt und um telegrafische Nachricht gebeten, aber bisher ist keine Antwort gekommen. Auch ich bin schuldig vor dir… Ich versprach, 5.000 Mar[k] zu senden, habe es aber noch nicht getan; morgen früh schicke ich sie. Ich denke, es reicht für die Reise. Du hast aufgehört zu schreiben… Kein Geld… Ich verstehe. Ich fühle es. Die Zeitschrift Spolochi ist in den Verkauf gekommen. Morgen schicke ich dir mehrere Exemplare. Verkaufe sie, wie du es für richtig hältst. Ich brauche nichts dafür. Aber ich glaube, du müsstest bald hierherkommen. Nur über Italien! Also, lieber Gappo, wir drücken dir die Hand und erwarten deine baldige Ankunft!
Deine Elbas und Frida.
(am folgenden Morgen hinzugefügt) Lieber Gappo! Gestern Abend schrieb ich zu Hause den obigen Brief. Nun habe ich in der Druckerei einen Brief des deutschen Konsuls in Triest erhalten: Ich soll ihm 100.000 Mar[k] schicken, damit du telegrafisch von deiner Abreise benachrichtigt wirst, das heißt, damit du in Triest die Einreisegenehmigung für Deutschland erhältst. Jetzt geht meine Frau zur Bank und überweist dir und dem Konsul Geld. Also bis bald. Ich drücke dir die Hand. Dein Jelbas.
Gutnov an Baev. Berlin, 4. November 1921
Lieber Gappo!
Deine Postkarte vom 27. Oktober haben wir erhalten, aber ich glaube, beim Empfang dieses Briefes wirst du anderer Stimmung sein. Reise so bald wie möglich ab! Ich habe Uexküll soeben geschrieben, er möge irgendwie dafür sorgen, dass ihr beide euch trefft. Es ist sehr schade. Zweimal zehn Exemplare des orth[ografischen] Wörterbuchs wurden dir als Paket per Post geschickt, ebenso ein Paket mit Konserven, und nichts davon hast du erhalten. Dreimal habe ich dir die Zeitschrift Spolochi geschickt (insgesamt 25 Ex[emplare]); ich denke, du wirst sie noch erhalten. Stelle vor der Abreise unbedingt feste Verbindungen her, damit wir dort einen Vertreter haben! Das ist unerlässlich! Dies wird also der letzte Brief sein; nun erwarten wir dich bereits hier.
Deine Elbas und Frida.
Schreibe unbedingt von unterwegs, damit wir wissen, wie deine Reise verläuft. Telegrafiere von der deutschen Grenze, damit ich dir entgegenfahren und dich irgendwo abholen kann.
Gutnov an Baev. Berlin, November 1921
Lieber Gappo!
Soeben habe ich eine Karte von dir erhalten. Ich begann schon zu denken, vielleicht sei etwas geschehen; sei um Gottes willen in allem vorsichtig. Es wundert mich sehr, dass die Erteilung [des Visums] so lange dauert.
Halte dich nicht lange beim Baron auf. Meine Frau hat dir schon eine Ecke in unserem Zimmer hergerichtet. Kurzum, alles ist in Ordnung. Ich hatte dich unbedingt zu den Feiertagen erwartet. Könntest du Andrej noch ein Briefchen schreiben und ihn bitten, meinem geliebten kleinen Bruder Elbrus ein wenig Rat zu geben? Aus eigener Initiative lernt er an der Gewerbeschule das Dreherhandwerk. Ich möchte ihn jedoch auf die grafische Kunst und das Gewerbe vorbereiten. Unser großes künftiges Werk!! Ich bitte dich, alles in deiner Macht Stehende zu tun!
Wir warten auf dich! Ich wünsche dir eine glückliche Reise. Deine Elbas und Frida.
Gutnov an Baev. Berlin, undatiert, vor Januar 1922. Fragment
Tomelleri gibt nur dieses Fragment eines undatierten Briefes wieder, der vor Baevs Ankunft in Berlin geschrieben wurde.
Nun, lieber Gappo, wie du siehst, richte ich bereits eine solche Bitte an dich; gerade in schweren Zeiten aber müssen wir füreinander da sein, das heißt ganz besonders in schweren Zeiten. Und wir beide werden — davon bin ich überzeugt — hier in Deutschland sein; hier ist es, verglichen mit diesem Albtraum, geradezu ein Paradies! Was du jetzt erfahren und durchlebt hast, hast du nicht verdient, und meine Frau und ich werden dich hier bei uns wie unseren Vater aufnehmen!… Wir haben dir bereits eines unserer beiden Zimmer überlassen, und wir sind stolz darauf, dir eine Freude bereiten zu können. Wir erwarten dich mit Ungeduld!
Staatsbibliothek zu Berlin, Handschriftenabteilung, Nachlass Georg Gappo Baiew, Mappe VIII, Akte 2, Bl. 11v.
Gutnov an Baev. Berlin, 6. Juni 1922
Lieber Gappo!
Diesmal habe ich mich nun doch entschlossen, dir über das zu schreiben, worüber ich schon mehrmals mit dir sprechen wollte und wozu ich dich am Freitag eigens eingeladen hatte. Du hast natürlich das Thema des Gesprächs geahnt und es für besser gehalten, nicht zu kommen! Ich werde ganz offen sein! Erinnerst du dich, Gappo, an die Briefe, die du aus Konstantinopel geschrieben hast? Ich denke, ja! Deine Briefe waren voller Feuer… Du dürstetest nach Arbeit! Du strebtest in die Weltstadt Berlin, um von hier aus die Arbeit zu beginnen… Du wolltest mir helfen! Du schriebst, ich sei ein tüchtiger Kerl, weil ich bedeutende Persönlichkeiten nach amerikanischem Vorbild in mein Unternehmen einlade!… Du versprachst, eine große Kanzlei aufzubauen, die imstande wäre, mein Unternehmen voranzubringen… Du versprachst, noch vieles und viele hierherzuholen!…
Doch Anfang Januar dieses Jahres ist es dir gelungen, nach Berlin zu kommen. Wir haben alles getan, was wir konnten! Ich hatte Mitgefühl mit dir, weil du in eine solche Notlage geraten warst, und bemühte mich auf jede Weise, dir zu helfen. Alles, was nötig war, wurde getan! Nach einigen Wochen bat ich dich, mir im Betrieb zu helfen; du entgegnetest, du kennest Berlin noch nicht und müsstest dich erst umsehen. Ich kam dir immer nur entgegen, sah aber kein Ende davon. Wiederholt bat ich dich, das Vorwort zu Kosta zu schreiben — nur zwei Seiten. Seit drei Monaten versprichst du es nun; ich habe ossetische Lettern bestellt und eigens Punzen anfertigen lassen, all das kostet ungeheures Geld. Du aber konntest oder wolltest in drei Monaten bis heute kein Vorwort schreiben. Dutzende Male bat ich dich, dich für meinen Betrieb zu interessieren, schon allein deshalb, weil wir alle zusammen wohnen. Ich gab dir die Möglichkeit, selbstständig für die Zeitschrift Spolochi zu arbeiten; die Arbeit, die insgesamt genau einen Tag beansprucht, dauert nun schon einen ganzen Monat… Du gehst von einer Bibliothek zur anderen. Aus wissenschaftlichem Interesse willst du die Universität besuchen, du hast dich dort eingeschrieben! Du besichtigst Bürgersteige, städtische Gebäude, Kirchen, Baracken und alles, was mit dem Verlags- oder Redaktionswesen überhaupt nichts zu tun hat. Mit einem Wort: Du beschäftigst dich mit Dingen, denen Menschen nachgehen, die von ihrem Ersparten leben. Mich betrachtest du nur als Milchkuh!!!
In letzter Zeit kommst du sogar nur noch freitags in die Druckerei, um Geld zu holen. Ich sehe klar und deutlich, dass ich dir fremd und völlig fern bin! Im Schweiße unseres Angesichts verdienen meine Frau und ich unser tägliches Brot!
Du siehst in uns vollkommen fremde Menschen und bemühst dich sogar, dies bei jeder Gelegenheit zu unterstreichen. Du denkst überhaupt nicht darüber nach, woher das Geld kommen soll; es soll einfach vom Himmel fallen. Können dir all deine Besichtigungen von Einrichtungen Brot verschaffen? Fünf Monate sind bereits vergangen, und noch immer denkst du nicht daran, eine Arbeit aufzunehmen, das heißt eine Arbeit, die Brot einbringt. Aus irgendeinem Grund sollen andere Menschen Milchkühe sein. Ist es nicht an der Zeit, darüber nachzudenken? Das Besichtigen von Palästen und schönen Gebäuden als Beruf hätte längst aufhören müssen; es ist Zeit, mit ernsthafter Arbeit zu beginnen — mit Arbeit!!!
Ich kenne keine andere Stadt wie Berlin, in der es für einen Arbeitssuchenden keine Arbeit gäbe!… Wir selbst haben so viel zu tun, dass meine Frau und ich mehr als zwölf Stunden arbeiten; ich verstehe nicht, warum eine solche Arbeit für dich nicht infrage kommt. In Berlin gibt es viele Menschen, die früher noch höhere Stellungen innehatten als du und jetzt beinahe als Diener arbeiten. Ja, ein bayerischer Prinz arbeitet in einer Druckerei als Korrektor; warum solltest du nicht im Verlagswesen arbeiten, und sei es als Korrektor, wenn du zu nichts anderem imstande bist? Die Abteilung „Handel und Industrie“ in den Spolochi ist, selbst wenn man sie zeilenweise wie einen Artikel berechnet, nicht mehr als 600 Mark wert! Und die ganze Arbeit dauert zwei Tage!
Ein kleiner Artikel — und dann Ausschnitte aus Berliner Zeitungen, was selbst gegenüber dem Leser völlig ungehörig ist… Mein Geschäftspartner hat die Verlagsabteilung verlassen, ohne einen Grund zu nennen. Nun muss ich ernsthaft überlegen, ob ich die Abteilung „Handel und Industrie“ weiterführen werde. Selbst wenn ich es tue, werde ich dafür nur das zahlen, was angemessen ist, nämlich höchstens 150 Mark für einen Originalartikel von einer Druckseite. Die Ausschnitte beabsichtige ich selbst anzufertigen; deshalb schlage ich dir vor, über diese Frage ernsthaft nachzudenken.
Lieber Gappo, du bist doch weder alt noch krank; denke nach und versetze dich auch in meine Lage. Zu Hause hungert meine ganze Familie — meine Eltern, Brüder und Schwestern —, und ich muss ihnen unbedingt helfen; deshalb kann ich mich nicht zu stark belasten. Außerdem haben meine Frau und ich außer Arbeit noch nichts gesehen. Auch wir würden gern einmal ein paar Wochen ausruhen oder haben letzten Endes doch das moralische Recht, an unser weiteres Leben zu denken.
Es ist mir sehr schwergefallen, dies in einem Brief auszudrücken, und meine Seele schmerzt; ich kann jedoch kategorisch erklären: Wenn du dich nicht für die Arbeit der Firma interessierst, wird die Unterstützung eingestellt.
Denk darüber nach — vielleicht habe ich wenigstens ein klein wenig recht!?
Dein Elbas.
Staatsbibliothek zu Berlin, Handschriftenabteilung, Nachlass Georg Gappo Baiew, Mappe VIII, Akte 2, Bl. 38–38v.
© Veröffentlichung der Briefe: Dartschijewa, S. W.: „Ein ‚Gutenberg‘ aus Ossetien in Berlin: der Briefwechsel von E. A. Gutnov (Gutnoff) und G. W. Baev (1921)“. In: Iswestija SOIGSI, 2026, H. 60 (99), S. 164–195. DOI: 10.46698/VNC.2026.99.60.007. Die Dokumente werden im Wissenschaftlichen Archiv des Nordossetischen Instituts für geistes- und sozialwissenschaftliche Forschungen W. I. Abajew (Bestand T. A. Zomajewa) aufbewahrt. Übersetzung der deutschsprachigen Briefe ins Russische: A. W. Dartschijew.
Zusätzliche Dokumente: Vittorio Springfield Tomelleri, „Seiten aus Gappo Baevs Leben im Ausland: neue Erkenntnisse“, Aktuelle Probleme der Philologie und der pädagogischen Linguistik, 2025, Nr. 1, S. 207–228. Die Dokumente werden in der Staatsbibliothek zu Berlin, Handschriftenabteilung, im Nachlass Georg Gappo Baiew, Mappe VIII, Akte 2, aufbewahrt.
Zum weiteren Verlauf der Zusammenarbeit: Vittorio Springfield Tomelleri, „Aus der Geschichte der ossetischen Schriftkultur: G. W. Baevs Denkschrift von 1925“, Iswestija SOIGSI, 2021, H. 39 (78), S. 147–182; sowie „Zur Kaukasiologie in Deutschland: Gappo Baev und Adolf Dirr“, Kwartalnik Neofilologiczny, 2025, Bd. LXXII, Nr. 1, S. 187–230.