Briefe von Eugen Gutnov (Gutnoff) an Kirill Gutnov
Eugen führte den Briefwechsel mit seinem Bruder Kirill bis 1935. Gerade diese Briefe wurden zum wichtigsten „Sachbeweis“ für die Anschuldigung, die nach Kirills Verhaftung 1937 gegen ihn erhoben wurde: Beteiligung an einer „konterrevolutionären, bürgerlich-nationalistischen Aufstandsorganisation“. Zefira Butaeva veröffentlichte und kommentierte die Korrespondenz in ihrem Aufsatz „Ein ossetischer Verleger aus Berlin“ (Darjal, 1991, Nr. 3, S. 160–176). Dieser Veröffentlichung sind sowohl die Briefe als auch die folgenden Erinnerungen entnommen.
Ein ossetischer Verleger aus Berlin
...In der Nacht erwachte ich von einem Geräusch. Das Licht brannte. Neben meiner Liege saß Vater auf einem Stuhl und zog mit zitternden Fingern seine Socken an.
Mehrere Männer in Uniform gingen im Zimmer umher; ihre Stiefel polterten. Dann gingen sie fort und nahmen Vater mit.
Mutter weinte und klagte: „Weh mir! Unser Herd ist zerstört!“ Großvater schwieg, auf seinen unvermeidlichen Stock gestützt. Beide bemerkten nicht, dass er in zwanzig Jahren gemeinsamen Lebens zum ersten Mal die Stimme seiner Schwiegertochter hörte — nach ossetischer Sitte sprach Mutter in Gegenwart ihres Schwiegervaters nicht. Meine Schwester und ich weinten mit ihr, begriffen aber noch nicht ganz, was geschehen war. Wir wussten nicht, dass wir Vater nie wiedersehen würden.
Vater verschwand. Mit ihm verschwanden alle „Reichtümer“ unserer Familie: das Grammofon mit dem riesigen Trichter, das Vater an Festtagen aufzog; das grünplüschbezogene Album mit schönen Osterkarten, die ich meinen Freundinnen stolz zeigte; und das „Allerheiligste“, die Schreibmaschine. Sie war der wertvollste Gegenstand im Haus. Nur in Vaters Gegenwart durfte man sie berühren. Als sein Liebling durfte ich manchmal mit einem Finger einige Wörter tippen.
All das hatte der mythische Onkel Eugen aus dem fernen Berlin mitgebracht, wohin Vater 1924 gefahren war, um eine Linotype-Setzmaschine zu holen.
Ich wusste nicht, was eine Linotype war, und erinnerte mich auch nicht an den Onkel — er hatte Ossetien 1927 besucht, als ich erst ein Jahr alt war. Dennoch erschien er mir märchenhaft reich. Nur dank seiner Geschenke, zweier Anzüge und eines braunen Filzhuts, war Papa der eleganteste und schönste Mann. Damals bemerkte ich nicht, dass die Anzüge etwas sackartig an ihm saßen: Eugen war viel kräftiger als sein Bruder.
In unserer Familie herrschte ein regelrechter „Kult“ um den Onkel. In jeder Angelegenheit wurde sein Rat eingeholt, wenn nicht unmittelbar, dann mit der Frage: „Was würde Dziborka dazu sagen?“ So hatten ihn zu Hause alle in seiner Kindheit genannt.
Die Briefe des Onkels wurden mehrmals laut vorgelesen und dann in das grüne Album gelegt, das stets auf der Kommode lag. Manchmal wurde es sonntags im ganzen Haus still und alle gingen auf Zehenspitzen: Vater schrieb einen Brief nach Berlin. Als ich schreiben gelernt hatte, durfte ich einige Wörter hinzufügen und war ungeheuer stolz darauf.
Dann war alles zu Ende. Es war der 28. Oktober 1937.
Am nächsten Tag packte Mutter ein Bündel und machte sich auf die Suche nach Vater. Ich ging überall mit ihr hin: Sie sprach nicht ganz fließend Russisch, und wenn sie aufgeregt war, brachte sie überhaupt kein Wort heraus.
Zuerst gingen wir zum Gefängnis in der Noja-Buatschidse-Straße — es befindet sich noch heute dort — und standen einen halben Tag in einer endlosen Schlange. Durch ein kleines Fenster knurrte man uns an: „Den haben wir nicht!“ Wie genau eine ähnliche Szene in Abuladses Film Die Reue dargestellt ist!
In den folgenden Tagen suchten wir systematisch alle Orte auf, an denen Verhaftete festgehalten wurden. Davon gab es viele in der Stadt. Wo Gitter vor den Fenstern waren, saßen Gefangene.
Schließlich nahm man im Gebäude des Wehrkommissariats — damals in der Kirow-Straße, wo heute das Landwirtschaftsinstitut steht — ein Paket von uns an. Zwei Wochen später noch eines.
Eines Tages verbreitete sich das Gerücht, die Gefangenen würden nachts abtransportiert. Nach Einbruch der Dunkelheit gingen wir zum Bahnhof. Menschenketten zogen durch die Kirow-Straße, heimlich und schweigend, aus Angst, miteinander zu sprechen. In der Nähe des Bahnhofs versteckten wir uns lange in Höfen und Hauseingängen. Es wurde hell, und wir gingen auseinander, ohne etwas erfahren zu haben.
Als wir Mitte Dezember ein weiteres Paket mit frisch gewaschener warmer Wäsche brachten, sagte man uns: „Abgegangen!“ Das klang glaubhaft: In jener Nacht hatte es also wirklich einen Transport gegeben und Vater war verbannt worden. Bis ans Ende ihres Lebens — sie starb 1983 — quälte sich Mutter damit, dass sie ihm die warme Wäsche nicht mehr hatte geben können. Die arme Mutter ahnte nicht, dass Vater damals nichts mehr brauchte.
So begann unser Leben ohne den guten, sanften, fröhlichen Vater. Wie sehr vermisste ich ihn! Wie viele Tränen vergoss ich über seiner Balalaika, auf der er ossetische Melodien spielte und mit seiner schönen Stimme mitsang. Wie viel Interessantes wusste er! Er erzählte mir als Erster von Stalin, dem „außergewöhnlichen Menschen, Führer und Freund Lenins“. Unter dem Einfluss seiner Erzählungen begann ich Stalin fanatisch zu lieben. Wie beneidete ich die gleichaltrige Mamlakat Nachangowa, die Stalin umarmt hatte! Am 1. Mai 1948 weinte ich vor Glück, als ich in der Demonstrationskolonne der Moskauer Universität am Mausoleum vorbeizog und Ihn erblicken durfte. Nicht nur ich: In unserer Kolonne gingen Frontkämpfer, und viele hatten Tränen in den Augen. Diese „Liebe“ trug ich bis zum XX. Parteitag in mir.
Auch die Leidenschaft für das Lesen verdankte ich Vater. Er liebte Kinder und übersetzte gern Kinderbücher aus dem Russischen ins Ossetische. Ich erinnere mich an Kiplings Rikki-Tikki-Tavi. Vor einigen Jahren fiel mir das Buch auf Ossetisch in die Hände, doch leider war als Übersetzer nicht K. Gutnov angegeben.
Bei uns standen auch Bücher aus der Berliner Druckerei von E. Gutnov (Gutnoff). Alle Fragen des Vertriebs seiner Ausgaben in Ossetien übertrug Eugen seinem Bruder, „meinem Bevollmächtigten“, wie er Vater in einem Brief im Zentralen Staatsarchiv der Nordossetischen ASSR nannte. Ich sehe noch Iron Fandyr, Schillers Wilhelm Tell, eine Sammlung ossetischer Erzählungen und Anekdoten und Postkarten mit Kostas Bild vor mir. All das war auch nach Vaters Verhaftung noch da. Wohin es verschwand, weiß ich nicht. Manches zerriss Mutter im Zorn, weil sie den Onkel für Vaters Verhaftung verantwortlich machte: Bei der Durchsuchung hatte man alles mitgenommen, was deutsche Aufschriften trug.
Mutter, eine Frau ohne Ausbildung und Beruf, musste nun für den achtzigjährigen Großvater, meinen noch schulpflichtigen Bruder und mich, eine Schülerin der vierten Klasse, sorgen; die ältere Schwester war verheiratet. In der Druckerei, in deren Buchbinderei sie früher ein Jahr gearbeitet hatte und in der Vater bis zu seiner Verhaftung viele Jahre tätig gewesen war, stellte man sie nicht ein. Sie wurde Geschirrspülerin in einer Kantine und später Hilfsarbeiterin in einer Konservenfabrik.
Von 1938 an schrieb ich unablässig Briefe: zuerst an den „geliebten Stalin“, dann an Beria. Ich schrieb, was für ein guter Vater er war, was für ein treuer Leninist und welch ungeheurer Irrtum seine Verhaftung sei. Es kam keine Antwort.
Nur einmal, 1940, wurde ich zum NKWD bestellt. Ein Militär hielt einen Umschlag — wohl meinen Brief — in der Hand und wollte unbedingt wissen, woher ich wusste, dass man Beria an den Dserschinski-Platz schreiben müsse. Dann sagte er: „Dein Vater ist ein Volksfeind. Er wurde zu zehn Jahren ohne Recht auf Briefwechsel verbannt.“ Naiv warteten wir auf das Ende dieser zehn Jahre.
1947 wurde mir in Moskau am selben Dserschinski-Platz auf meine Nachfrage gesagt, Vater sei 1942 im Lager gestorben. Einige Jahre später erhielt meine Schwester eine Sterbeurkunde, nach der K. S. Gutnov am 23. Dezember 1943 an einer Lungenentzündung gestorben sei.
Was sollte man glauben? Nichts. Alles war gelogen. Heute wissen wir, dass „zehn Jahre ohne Recht auf Briefwechsel“ Erschießung bedeutete. Doch selbst 1955 schrieb der Oberste Gerichtshof der Nordossetischen ASSR in seiner Bescheinigung ausweichend, das Verfahren gegen Vater, „verurteilt von der ehemaligen Troika des NKWD der Nordossetischen ASSR, wurde eingestellt...“ Wozu verurteilt? Unbekannt.
Seit 1937 waren viele Jahre vergangen. Vater, Jahrgang 1892, wäre wohl ohnehin nicht mehr am Leben gewesen. Manchem mag es unnötig erscheinen, die Vergangenheit aufzuwühlen. Wir wissen so viel über jene Zeit, so viel wurde geschrieben, auch den Archipel Gulag haben wir gelesen. Doch je älter ich wurde, desto stärker wollte ich die Wahrheit über meinen Vater und sein Schicksal erfahren.
Dann kam die Glasnost. 1989 teilte mir der KGB der Nordossetischen ASSR — vorerst vorsichtig und mündlich — mit, K. S. Gutnov sei durch Beschluss der ehemaligen NKWD-Troika vom 7. Dezember 1937 am 10. Dezember erschossen worden. Man hatte ihm vorgeworfen, „Mitglied einer konterrevolutionären, bürgerlich-nationalistischen Spionage- und Aufstandsorganisation gewesen zu sein, konterrevolutionäre Propaganda betrieben und Spionage- und Nachrichtendienst für das faschistische Deutschland geleistet zu haben“. Nicht mehr und nicht weniger: die klassische Sammlung aller denkbaren Etiketten.
Als der KGB-Vorsitzende und ein Stellvertreter des Generalstaatsanwalts auf dem Ersten Kongress bei ihrer Bestätigung auf Fragen der Abgeordneten erklärten, ehemalige Repressierte und ihre nächsten Angehörigen dürften die Strafakten einsehen, begann ich wieder zu schreiben...
Nun blättere ich in dieser vergilbten Mappe: Haftbefehl, Verzeichnis der beschlagnahmten Gegenstände, Fragebogen, Verhörprotokolle, Anklageschrift, Beschluss der Troika, Bescheinigung über die Vollstreckung des Urteils am 10. Dezember 1937 um 20 Uhr. Sind seitdem wirklich mehr als fünfzig Jahre vergangen? Warum schnürte es mir die Brust zu, warum knickten mir die Beine ein, als ich die Oberste Militärstaatsanwaltschaft verließ? Vielleicht meinen es jene aufrichtig, die aus Mitgefühl von einer Akteneinsicht abraten, um die Angehörigen vor Erschütterungen zu bewahren.
Bei Vaters Akte lagen die Verfahren gegen acht weitere „Verbrecher“, angebliche Mitglieder irgendeiner „Volkspartei“. Gleichzeitig mit ihm wurden Ambalow Zozko Bizojewitsch, Sangijew Babu Kassajewitsch, Dsassochow Michel Tassoewitsch, Dulajew Kambolat Kuzikojewitsch, Kzojew Bekmursa Wassiljewitsch, Fardsinow Chandscheri Urusbijewitsch und Aladschikow Budsi Nikolajewitsch erschossen.


Die Anklageschrift verfasste W. A. Bojarski, der heute im ganzen Land als Henker bekannt ist, wegen „Verjährung der begangenen Verbrechen“ aber nicht mehr vor Gericht gestellt werden kann. Vor dem Hintergrund seiner Untaten ist das Verfahren gegen meinen Vater und seine acht „Komplizen“ ein Tropfen im Meer. Selbst auf der Liste der Menschen, die die Troika an nur einem Tag verurteilte, stand Vater erst im zweiten Hundert. Wenn sein „Verbrechen“ der Kontakt zu seinem seit 1912 in Deutschland lebenden Bruder war, hatten die anderen vermutlich nicht einmal das.
Eugens Briefe an Vater wurden als Sachbeweise zur Akte genommen. Nach ihrer Lektüre erscheint die Anschuldigung besonders absurd, Vater habe seinem Bruder Angaben und Adressen von Druckereien in Ordschonikidse geliefert. Aus den Briefen geht hervor, dass Eugen über das Druckereiwesen in aller Welt bestens unterrichtet war, nicht nur in Ossetien.
Ich bat um Rückgabe der Briefe. Solange das Bojarski-Verfahren nicht abgeschlossen war, sei das unmöglich; man gab mir Fotokopien.
Immer wieder lese ich die Briefe, und vor mir entsteht das Bild des klugen, geschäftstüchtigen, gebildeten Onkels. Von den ersten Archivbriefen bis zum letzten aus dem Jahr 1968 ist seine Liebe zu Ossetien spürbar. Ich erinnere mich an alles, was wir in der Familie über ihn wussten.
Sehr jung verließ er sein Heimatdorf Dsiwgis und wurde Setzer in einer Druckerei in Wladikawkas. 1908 ging er nach Petersburg, wo er arbeitete und zugleich lernte. 1912 wurde er wegen Beteiligung an Unruhen verhaftet und nach seiner Freilassung mit einem Aufenthaltsverbot für die zentralen Gouvernements Russlands belegt. Daraufhin ging Eugen nach Deutschland.
In einem Archivbrief von 1922 schrieb er ohne nähere Erklärung, er sei ausgereist, „um das Studium der Buchdruckerkunst zu vollenden“. In der Familie kannte man jedoch die Version einer erzwungenen Abreise. Wäre die Reise geplant gewesen, hätte Eugen 1912 kaum seinen sechsjährigen Bruder Elbrus zu sich nach Petersburg geholt. Elbrus erinnerte sich, dass sein Bruder eines Abends nicht heimkam und ein Freund den Jungen zu sich nahm. Wenige Tage später wurde Elbrus nach Wladikawkas zurückgeschickt.
Während Weltkrieg, Revolution und Bürgerkrieg brach die Verbindung zu Eugen ab. Anfang der 1920er Jahre wurde der Briefwechsel wieder aufgenommen. Inzwischen hatte er sich in Berlin fest etabliert. Zunächst arbeitete er als Setzer in einer kleinen Privatdruckerei, verliebte sich in Frida, die Tochter des Besitzers, und heiratete sie. Nach dem Tod des Schwiegervaters übernahm Eugen die Druckerei und begann ossetische Literatur zu verlegen, vor allem Werke Kosta Chetagurows. Seit seiner Schulzeit in Dsiwgis verehrte er den Dichter: Iron Fandyr war ihm zum Leitstern geworden, „mæ zardy ruchs“. Noch heute liest man bewegt die Worte, die er seiner Ausgabe von 1922 voranstellte: „...Ich sage zu Kosta: ‚Geheiligt werde dein Name! Ganz Ossetien dankt dir!‘ Seinem Buch wünsche ich eine glückliche Reise in die Heimat Ossetien.“ Seinen einzigen, 1924 geborenen Sohn nannte Eugen nach dem geliebten Dichter Kosta, nicht Kostja.
Im selben Jahr bat Eugen das Volksbildungsamt um Hilfe bei der Beschaffung eines Visums für Elbrus. Zwei Beweggründe werden in den Briefen sichtbar: Er wollte dem Bruder helfen, der „nach besseren Bedingungen für geistige Arbeit hungert und sich aus der Umklammerung seines schweren Lebens lösen will“, und begabten ossetischen Jugendlichen einen Weg zur europäischen Kultur eröffnen. „Das Volksbildungsamt würde nicht nur meinem Bruder gegenüber ein heiliges Werk vollbringen, wenn es mir bei der Organisation seiner Reise nach Berlin hülfe. Vielleicht würden andere fleißige junge Männer unserer Region denselben Weg gehen... Die Völker des Kaukasus — Georgier, Armenier, Tataren — haben dies längst getan. Ich traf hier in diesen Jahren Hunderte ihrer jungen Leute, die auf Staats-, Gesellschafts- oder eigene Kosten studieren, aber keinen einzigen Osseten, was ich stets bitter bedauerte. Da das Schicksal unserer Bildung und unseres kulturellen Fortschritts nun in unseren eigenen Händen liegt, ist es unsere Pflicht, gemeinsam dieses in jeder Hinsicht nützliche Werk zu vollbringen... Die Kosten der Reise meines Bruders übernehme selbstverständlich ich; ich brauche nur Hilfe bei den Formalitäten bis zur deutschen Grenze.“
Eugens Bemühungen hatten Erfolg: Ende 1922 reiste der sechzehnjährige Elbrus nach Deutschland, wo er bis 1927 blieb.
Der letzte Brief Eugens in Vaters Strafakte ist vom 22. Mai 1935. Viele Jahre wussten wir nichts über ihn. Nach 1945 versuchte Elbrus, das Schicksal seines Bruders zu klären. Das war schwierig, weil Eugen in West-Berlin lebte. 1967 gelang es schließlich, seine Adresse über das Rote Kreuz zu erfahren. Elbrus schrieb ihm, und bald kam eine Antwort. Ich fand diesen Brief nicht in Elbrus’ Papieren — er starb 1981 —, habe ihn aber gelesen und erinnere mich an seinen Inhalt. Er war handgeschrieben, obwohl Eugen sonst auf der Maschine schrieb: lang, mit ungleichen Zeilen, offenbar von zitternder Hand. Dennoch waren seine Gedanken logisch und klar. Die Muttersprache kannte er noch und fügte passende ossetische Wörter ein. Er schrieb, Frida sei an Krebs gestorben; Kosta habe sich als schlechter Sohn erwiesen, Schulden gemacht, Eugen ruiniert und verlassen. „Und nun bin ich ein Bettler“ — diesen Satz erinnere ich wörtlich. Er bat Elbrus um Devisenhilfe: „Wer keine Ersparnisse hat, gilt hier als arm.“ Was konnte Elbrus ihm schicken? Er versuchte, Rubel in Mark zu tauschen, doch ohne Erfolg. Eugen, der daran dachte, wie viel er für die Ausbildung des Bruders in Deutschland getan hatte, fühlte sich verletzt und vermutete mangelnden Hilfswillen. Er überschätzte lediglich Elbrus’ Möglichkeiten. Die letzten beiden erhaltenen Briefe sind voller Trauer und Bitterkeit. Selbst im letzten sorgt sich der alte, kranke Mann um seine verbliebenen ossetischen Bücher.
...Es wurde mir zu schwer, all diesen Schmerz in mir zu tragen. Deshalb veröffentliche ich die Briefe in der Hoffnung, jemand werde der Brüder, deren Schicksal so tragisch verlief, freundlich gedenken...
Die Briefe waren bereits bei der Zeitschrift, als ich den erstaunlichen Kasbek Gutijew traf — er weiß und erinnert alles. Auf seinen Rat sah ich in der Republikanischen Wissenschaftlichen Bibliothek und der Bibliothek des Forschungsinstituts die in Berlin von E. Gutnov (Gutnoff) verlegten Bücher ein, neben Kostas Iron Fandyr:
- W. J. Ikskul, Kaukasische Skizzen (russisch), 1922.
- Andrej Gulujev, In schlaflosen Nächten (russisch), 1923.
- Ossetische heitere Erzählungen und Anekdoten, 1924.
- Schiller, Wilhelm Tell, übersetzt von Zozko Ambalow, 1924; das Exemplar der Rara-Abteilung der Republikanischen Bibliothek trägt eine Widmung meines Vaters an Sarmat Kossirati.
- Georgi Malijew, Bergmotive. Gedichte (russisch), 1924.
- Zozko Ambalow, Die Sage von Batras, dem Sohn des Narten Chamyz, 1924.
- Korolenko, Makars Traum, übersetzt von Zozko Ambalow, 1925.
- Zomak Gadijew, Wellen des Lebens, 1925.
- Das Lied von Algus, 1922.
- Evangelium (ossetisch).
- Abreißkalender.
Die erste Ausgabe der Mitteilungen des Forschungsinstituts für Heimatkunde von 1925 enthielt einen Artikel Z. Gadijews, der Schillers Erscheinen auf Ossetisch begrüßte. Er lobte Zozko Ambalows Übersetzung und die Qualität der Ausgabe: „Die äußere Beschaffenheit lässt nichts zu wünschen übrig. Druck, Papier, alte Chronikillustrationen und dergleichen vermitteln eine besondere Solidität, die bislang keine ossetische Ausgabe besaß...“
Im selben Heft bemerkte Andrej Gulujev über Georgi Malijews Bergmotive: „Das Buch ist gut herausgegeben, wie auch die anderen Ausgaben von E. Gutnov (Gutnoff).“
Erhalten sind ferner Bücher, die K. Gutnov übersetzte und 1931 in Wladikawkas erschienen: Tschechows Kaschtanka, Bodströms Wie die Wölfin in der Welt lebte und Samtschalows Zum Melonenfeld; 1935 folgte Kiplings Rikki-Tikki-Tavi. Das Kipling-Buch wurde 1958 neu aufgelegt. Auf der Rückseite des Titelblatts steht nur „Übersetzung ins Ossetische“, ohne Namen. Ein Vergleich zeigt, dass beide Übersetzungen bis auf geringfügige redaktionelle Änderungen identisch sind.
Eugens Briefe an seinen Bruder Kirill (1931–1935)
Berlin, 20. August 1931
Lieber Kirjuscha!
Deinen Brief vom 6. August habe ich erhalten; er hat mich sehr gefreut. Der Leiter eines Verlags und einer Druckerei muss vor allem die Organisation überwachen und einen engen Kontakt zwischen allen Werkstätten und den zugehörigen Abteilungen schaffen. Das ist seine wichtigste Aufgabe. In Privatunternehmen ist der Leiter zugleich Finanzdirektor. Wie es bei euch organisiert ist, weiß ich nicht. Die Kalkulationsabteilung muss streng darauf achten, dass Bücher und Zeitungen gewinnbringend verkauft werden und der Betrieb auf eine selbstständige kommerzielle Grundlage gestellt wird. Soweit ich weiß, verpflichtet Stalins Rede jeden Betrieb in der UdSSR zur Eigenständigkeit: Staatliche Zuschüsse soll es nicht mehr geben; wer in seiner Bilanz ein Defizit ausweist, muss seinen Betrieb liquidieren. Ich meine Stalins Rede auf dem letzten Kongress des ZK mit den sieben Punkten zur neuen Taktik der Partei in der Industrie. Deine Aufgabe ist es also, alle Werkstätten und Abteilungen eng zu verbinden, damit die Arbeit überall produktiv und reibungslos läuft. Du musst gegen Klatsch und Intriganten kämpfen. Entferne sie aus dem Betrieb, dann wird die Arbeit glattgehen. Jede Arbeit muss am richtigen Ort beginnen und rechtzeitig enden. Sinnloses Hin- und Herlaufen und unproduktive Rückfragen müssen beseitigt werden. Manuskripte müssen rechtzeitig eintreffen, grammatisch und sachlich geprüft und vor dem Satz maschinengeschrieben sein. Autorenkorrekturen müssen auf null sinken: Der Autor muss sein Manuskript vor, keinesfalls nach dem Satz prüfen. In kapitalistischen Ländern ist das längst üblich und wirtschaftlich richtig. Nur in sehr schlecht organisierten Verlagen wird nach dem Satz geprüft. Auch in Moskau kämpft man dagegen, hat das Ziel aber noch nicht erreicht; du kannst es erreichen. Beiträge von Arbeiterkorrespondenten müssen an einer festen Stelle in der Redaktion geprüft und abgetippt und erst danach gesetzt werden. Das einzurichten ist deine Aufgabe; wo nötig, musst du die Nachteile des bisherigen Verfahrens nachweisen. Neusatz ist erheblich teurer als Satz. Prüfe von Zeit zu Zeit den Materialvorrat der Redaktion und täglich den normalen Gang aller Abteilungen. Besuche möglichst täglich alle an den Betrieb Ræstdsinad angeschlossenen Abteilungen und Läden, überlege bessere Arbeitsmethoden, kontrolliere Versand und Verbreitung von Zeitungen und Büchern und berate dich mit deinen Helfern.
Höre dir die Meinung jedes Arbeiters an. Führe das amerikanische Beispiel ein: Dort stehen in den Betrieben Briefkästen und daneben gedruckte Vorschlagszettel mit Abriss. Jeder Arbeiter kann anonym eine vorteilhaftere Arbeitsmethode vorschlagen und behält den Abriss. Wird der Vorschlag angenommen, legt er ihn der Leitung vor und erhält zehn bis hundert Dollar. Jeder Arbeiter muss zu solchen Vorschlägen angeregt werden. Ob die Anerkennung finanziell oder moralisch ist, irgendeine Anerkennung muss es geben, sonst fehlt das Interesse am richtigen Ablauf.
Man kann alles mustergültig einrichten, Kirjuscha. Vor Ort würde ich dir gern praktische Ratschläge geben, wenn ich sehen könnte, was und wie gearbeitet wird. Aus der Ferne kann ich nur theoretisch sprechen; das Gesagte ist jedoch richtig und praktisch erprobt. Versuche, etwas daraus zu machen. Vor allem: Erniedrige dich nicht und zerstöre deine Würde nicht. Könntest du nichts leisten, hätte man dich nicht gewählt. Glaube an deine Kraft und an deine Arbeit. Du nennst dich ungebildet, doch im Ossetischen bist du vielleicht der beste Kenner der Sprache, und mit dem Russischen hast du wenig Schwierigkeiten. In Moskau und Leningrad sah ich Leiter von Druckereien mit zwei- oder dreitausend Arbeitern, die weniger gebildet waren als du; ich könnte zwanzig nennen. Glaube an dich!
Ich wünsche dir von Herzen Erfolg. Schreibe und frage alles, was du brauchst; stelle konkrete Fragen.
Grüße von uns allen.
Dein Eugen.
Nach Möglichkeit sollten alle Betriebsteile in einem Haus untergebracht werden.
Berlin, 28. September 1931
Lieber Vater!
Vor einigen Tagen schickte ich dir ein Paket mit Lebensmitteln — Zucker, Grütze, Fett usw. — von siebzehn deutschen Pfund oder 8.500 Gramm Nettogewicht. Zoll und andere Kosten sind hier bezahlt; du darfst keinesfalls etwas zahlen. Sollte man Geld verlangen, verweigere die Annahme und lass es an den Absender zurückschicken. Ich werde die verantwortliche Stelle von hier aus zur Rechenschaft ziehen. Kirill schrieb, er sei geschäftlich nach Moskau gefahren; ich habe ihm dorthin geschrieben. Elbrus schreibt mir nichts. Von Nadja erhielt ich ein Foto; danke ihr. Ich schicke ihr ebenfalls eines. Grüße alle Verwandten und Bekannten!
Dein Dziborka
(Nadja war Eugens Schwester. — Z. Butaeva.)
Berlin, 22. Oktober 1931
Lieber Kirjuscha!
Ich staune über deine Ruhe und beneide dich darum. Ich schreibe dir einen dringenden Brief, und du reagierst überhaupt nicht. Ich bitte Kotikow, sich um dich zu kümmern, und du hältst es nicht für nötig, ihn aufzusuchen. Das ist eine Schande. Ich verstehe nicht, warum du nach Moskau gefahren bist. Nun fürchte ich, dass du dich auch nicht an die Leitung der Kurse für Rote Direktoren gewandt hast. Dass dort Geografie, Physik usw. verlangt würden, ist Unsinn. Du bist nach Moskau gekommen und lernst Buchhaltung; das könntest du auch in Wladikawkas lernen. Dafür hätte man dich nicht dorthin schicken müssen. Du sollst lernen, mit Menschen und Betrieben verkehren und ihre Organisation kennenlernen; in der Schule, also in den Kursen, sollst du die Theorie durchnehmen. Das ist deine Hauptaufgabe. Buchhaltung kannst du in Wladikawkas, Naltschik oder sogar Mosdok lernen. Kotikow schreibt an Barens, den Leiter der Druckabteilung der Handelsvertretung, er werde alles tun, um meinem Bruder zu helfen — doch mein Bruder hält es nicht für nötig, ihn aufzusuchen. Wenn du lernen willst, musst du zu den Menschen gehen, die Organisation von Betrieben, Verlagen und Vertrieb studieren und die Theorie in den Kursen lernen. Buchhaltung ist nicht deine Aufgabe; Buchhalter zu sein ist keine Kunst und ihre Aufgabe nur drittrangig.
Ich erwarte deine Antwort und ernsthafte Schritte!
Dein Eugen
Grüße Elbrus!
(Die fett gesetzten Stellen markierten die Ermittler bei der Beschlagnahme als „Beweis“. Kotikow konnte nicht identifiziert werden; Barens leitete die Papier- und Druckabteilung der Handelsvertretung. — Z. Butaeva.)
Berlin, 16. November 1931
Lieber Kirjuscha!
Vorgestern schickte ich dir einen Brief, gestern erhielt ich deinen. Du schreibst, du ziehst in ein Wohnheim, aber nicht in welches; teile es mir sofort mit. Mit Urb. hatte ich alles genau vereinbart, nun erfahre ich, dass deine Familie die versprochene Summe nicht erhält. Das ist traurig, doch ich kann nichts tun; du musst dort rasch Druck ausüben. Du sollst unbedingt an den Kursen für Rote Direktoren studieren, nicht am Institut, soweit ich beide Programme kenne. Aus dir einen theoretisch ausgebildeten Druckingenieur zu machen wäre schwer, würde jahrelange Vorbereitung und schriftstellerische Begabung verlangen. Glaubst du wirklich, das zu schaffen? Ich bezweifle es. Du brauchst praktische Kenntnisse als Leiter; diese erhältst du eher an den Kursen. Du bist bereits Leiter und musst diese Aufgabe zu hundert Prozent erfüllen. Allgemeinwissen kannst du selbst oder mit Lehrern erwerben, die es auch in Wladikawkas gibt. Du fragst, ob ich Geometrie, Biologie, Chemie usw. gelernt habe. Nein, denn für meine Praxis waren sie nicht nötig. Was ich brauchte, eignete ich mir an; nach unnötiger abstrakter Theorie strebte ich nicht. Fragt mich jedoch jemand, selbst ein Professor, nach dem Druckwesen, kann ich hundert Fragen richtig beantworten. Das Druckwesen ist so vielseitig, dass bei gründlicher Beschäftigung keine Zeit für andere Theorien bleibt.
Schreibe deine Adresse. Grüße Elbrus.
Dein Eugen
Berlin, 22. Februar 1935
Lieber Kirjuscha!
Deinen letzten Brief erhielt ich. Du hast recht, wir schreiben selten; oft lag es auch an dir. Diesmal hast du viel geschrieben und berichtet, wie die Kinder lernen. Schade, dass Fusa im letzten Augenblick zurückblieb. Auch Kosta lernt, in einer Realschule, wie man das hier nennt, bisher gut. Wir können uns nicht beklagen.
Als Fremdsprache hat er bislang nur Französisch. Russisch kann er leider noch nicht lernen — es gibt niemanden. Abends ist der Junge müde und will sich nicht mit einer trockenen Sprache beschäftigen, außerdem bin ich oft fort. Nun muss ich wieder geschäftlich nach Estland, dort Anweisungen geben und zwei Vorträge über Neuerungen halten. Im Allgemeinen leben wir und sind gesund. Frida grüßt euch alle.
Mit Kris verstehen wir uns gar nicht mehr. Sonja und ihre Familie ziehen wahrscheinlich in die UdSSR, wohl nach Baku. Gretel und Ernsts Familie sind wohlauf und grüßen dich. Sobald Gurkensamen verkauft werden, schicke ich sie dir; noch ist es zu früh. Ich habe eine Bitte: Besorge mir rasch eine kirchliche Bescheinigung aus Wladikawkas, wann unser Vater Sossik geboren wurde und dass sein Vater, wohl Missirbi, seine Mutter und unsere Mutter Gadsi orthodox und ossetischer Nationalität waren. Wenn möglich, sollen die Geburtstage der Eltern und Großeltern angegeben sein.
Wie geht es eurer Druckerei? Habt ihr sie erweitert? Elbrus schreibt auch nicht hierher.
Grüße von uns dreien.
Dein Eugen
(1934 erhielten die Druckereiarbeiter Grundstücke mit Obstbäumen an der Giseler Straße. Vater widmete seinem Grundstück viel Kraft und Liebe. Sein Nachbar war der Setzer W. Ablow, ein Freund Vaters. Ich erinnere mich, dass sie Eugen um „ausländische“ Samen bitten wollten. Nach diesem Brief bat Vater um Gurkensamen. — Z. Butaeva.)
Berlin, 22. Mai 1935
Lieber Kirjuscha!
Ich weiß nicht mehr, an welchem Tag des vorigen Monats ich dir schrieb. Mit den Dokumenten über die Botschaft wird wohl nichts, wenn du sie nicht beschaffen und eingeschrieben senden kannst. Ich war mehrere Wochen in Estland und fahre diesen Sonntag wieder hin. Es ging um Linotype-Unterweisung; zweimal hielt ich Vorträge über Neuerungen und die heutige Bedeutung der Linotype in der Druckindustrie. Mit den Ergebnissen bin ich zufrieden.
Zu Hause ist alles in Ordnung, wir drei sind gesund. Wie lebt ihr? Schreibe manchmal. Grüße von uns.
Dein Eugen
Berlin, 4. November 1935
Lieber Kirjuscha!
Deinen Brief von Mitte September erhielt ich. Ende September reiste ich wieder geschäftlich in die baltischen Länder und kam vor drei Tagen zurück. Wie geht es dir und deiner Familie? Elbrus schreibt uns weiterhin nicht, doch wir wollen uns nicht beklagen. Wir sind vorerst ebenfalls gesund.
Hat die nordossetische Druckerei noch immer keine sowjetischen Linotype-Maschinen aufgestellt? Alle autonomen Gebiete dort haben schon Maschinen. Was tut ihr? Glaubt ihr wirklich, von Hand gehe es besser und schneller?
Klebe stets verschiedene Briefmarken auf die Briefe, wenn möglich auch die sechs Marken der Spartakiade. Schicke alles möglichst eingeschrieben.
Grüße an alle.
Dein Eugen.
Aus demselben Archiv: zwei Briefe Eugens an Elbrus (1968)
Zusammen mit dem Briefwechsel mit Kirill veröffentlichte Zefira Butaeva zwei weitere Briefe Eugens an den jüngeren Bruder Elbrus, der ihn Ende der 1960er Jahre über das Rote Kreuz ausfindig gemacht hatte. Der Text folgt der Veröffentlichung in Darjal (1991); einzelne Formulierungen weichen von dem Brief vom 3. Mai 1968 auf der Seite „Eugens Briefe an Elbrus“ ab, der D. Gutnovs späterer Veröffentlichung von 2013 entnommen ist.
Berlin, 15. Januar 1968
Lieber Elbrus!
Einen Brief, die Neujahrskarte, erhielt ich genau am 2. Januar. Du kennst den Inhalt: Man habe endgültig abgelehnt und es gebe keine weitere Möglichkeit. Genau vier Tage später kam dein langer Brief, wonach du erneut eine Genehmigung für eine Geldsendung beantragt und alle meine Papiere beigelegt hast. Offenbar hast du mit jemandem gesprochen und einen anderen Rat erhalten.
Früher war ich nie Pessimist, doch nun habe ich jeden Glauben verloren. Schicke keinesfalls Lebensmittelpakete; die Zollgebühren sind höher als der Kaufpreis hier. Im Radio hieß es, in Moskau sei es sogar doppelt so kalt wie in Berlin.
1912 ging ich in Petersburg bei dreißig Grad Frost fast im Sommermantel auf die Straße; heute gehe ich bei zehn Grad nicht einmal im Wintermantel hinaus. Meine achtzig Jahre sagen mir: „Du hast genug gelebt, bring deine Geschäfte zu Ende“, so spricht Mephisto!
Wäre es so einfach, müsste ich einem Arzt zehn oder zwanzig Mark zahlen, er gäbe mir eine Spritze, und alles wäre vorbei. Doch kein Arzt nimmt hundert oder tausend Mark dafür, denn er käme selbst ins Zuchthaus.
Darum sagen wir einfachen Menschen „Schicksal“ und leiden weiter. Lieber hätte ich dir einen fröhlichen Brief geschrieben, doch dazu fehlt mir die Kraft.
Über sechs Wochen litt ich und lag im Bett. Drei Wochen kam der Arzt jeden zweiten Tag, danach zweimal wöchentlich, später musste ich ihn alle drei Tage aufsuchen. Arzt und Medikamente kosten mich dank der Invalidenversicherung nichts. Doch ich wurde so schwach, dass ich mich erst jetzt wieder gesund zu fühlen beginne. Wir werden sehen, wie es weitergeht.
Berlin, 3. Mai 1968
Lieber Elbrus!
Deinen undatierten Brief erhielt ich vor einer halben Stunde. Du kennst seinen Inhalt. Du warst krank; leider war auch ich krank und bin es noch, vermutlich unheilbar.
Weder Deutschland noch irgendein Land wird um mich weinen. Ich habe lange genug gelebt: Am 11. März wurde ich achtzig, und das genügt einem Menschen. Meinen Körper habe ich nach meinem Tod der Universität für ihre Studenten vermacht. Sie werden viel Interessantes darin finden. Danach werde ich eingeäschert; bezahlen muss ich nichts, denn der Staat übernimmt die Kosten. Ich besitze noch mindestens fünf Kilogramm ossetischer Bücher, die in Wladikawkas und bei mir erschienen sind, und weiß nicht, ob ich sie dir schicken darf.
Hier sind sie fremd und niemand braucht sie; dort könnten sie wertvoll sein.
Wenn ich noch lebe, will ich Anfang September in die Bundesrepublik ziehen. Ich kann die Wohnung nicht mehr bezahlen: Die Mieten stiegen in kurzer Zeit um bis zu fünfzig Prozent, die Invalidenrente nur um acht. Wenn du vor August antworten möchtest, freue ich mich.
Ich wünsche euch allen Gesundheit und Glück!
Dein Eugen
© Zefira Butaeva. „Ein ossetischer Verleger aus Berlin“. Darjal, 1991, Nr. 3, S. 160–176.