Briefe von Eugen Gutnov (Gutnoff) an Elbrus Gutnov
Der Verlag und die Zeitschrift Spolochi
Eugen Gutnov (Gutnoff), Inhaber des gleichnamigen Verlags, wurde 1921 mit dem Erscheinen der Zeitschrift Spolochi (1921–1923) in den Kreisen der russischen Emigration in Berlin weithin bekannt.
Gutnov gab die Zeitschrift nicht nur heraus, sondern finanzierte sie auch selbst. Dies zog zusammen mit der als Hauptanliegen verkündeten „vorbehaltlosen demokratischen Offenheit“ und einer eigenen Produktionsbasis — von 1919 bis 1925 verfügte der Verlag über eine eigene Druckerei — zahlreiche russischsprachige Leser und führende Kräfte der russischen Exilliteratur an.
A. Drosdow, der 1921 die Redaktion der Spolochi übernahm und sie bis zu seinem Wechsel zur Zeitung Nakanune 1923 leitete, gewann dem erklärten Ziel der Zeitschrift entsprechend auch Autoren aus Sowjetrussland zur Mitarbeit. Dies wirkte sich selbstverständlich auf die Beliebtheit der Spolochi in den Kreisen der Berliner Emigration und darüber hinaus aus.
An der Zeitschrift wirkten in Russland und in der Emigration bekannte Schriftsteller wie K. D. Balmont, I. A. Bunin, N. M. Minski, N. A. Ozup, W. F. Chodassewitsch, M. A. Woloschin und A. N. Tolstoi mit. Nach der Einstellung der Spolochi arbeitete E. Gutnov (Gutnoff) sowohl mit russischen Autoren weiter, die er aus der Zeitschrift kannte, als auch mit neuen Schriftstellern.
Nach Berechnungen von Historikern der russischen Exilliteratur brachte Gutnovs Berliner Verlag 215 Titel aus Philosophie, Literatur, Naturwissenschaft und Kultur heraus. Der Kreis der mit Gutnov arbeitenden Autoren, die Qualität der Bücher und die thematische Breite sicherten dem Verlag einen Platz in der Geschichte der russischen Emigrantenliteratur.
Tätigkeit für Nordossetien
Die Verlagsarbeit im russischen Exil war jedoch nicht die einzige Seite im Wirken von Eugen Gutnov (Gutnoff). Der aus Nordossetien stammende Verleger tat viel für den Aufbau des Verlagswesens in seiner Heimat.
Gutnov veröffentlichte Bücher der ossetischen Schriftsteller K. Chetagurow, G. Malijew und A. Gulujev und schickte sie nach Wladikawkas. Er gab Übersetzungen von Klassikern der Welt- und russischen Literatur ins Ossetische heraus und half den Druckereien in Wladikawkas bei der Beschaffung moderner Druckmaschinen, Schriften und anderer Materialien.
1927 reiste Eugen Gutnov (Gutnoff) sogar nach Wladikawkas, um organisatorische Fragen im Zusammenhang mit der Lieferung dieser Ausrüstung zu klären.
Kirill Gutnov und der Briefwechsel der Brüder
Diese Tätigkeit betrieb Eugen mithilfe seines Bruders Kirill Gutnov (1892–1937), der ebenfalls mit dem Verlagswesen in Nordossetien verbunden war.
Der intensive Briefwechsel zwischen den Brüdern dauerte bis 1935 und lieferte nach Kirills Verhaftung 1937 den Hauptgrund für die Beschuldigung, er habe sich „an einer bürgerlich-nationalistischen Spionageorganisation beteiligt“.
Die Briefe von Eugen Gutnov (Gutnoff) an seinen Bruder gelangten als „Sachbeweise“ in das Archiv des KGB der Nordossetischen ASSR. Später, während der Perestroika und des wachsenden Interesses an Eugen Gutnov (Gutnoff) in Nordossetien, wurden diese Unterlagen an das Zentrale Republikanische Archiv übergeben und teilweise in der Zeitschrift Darjal veröffentlicht.
Heute stehen sie der Forschung zur Verfügung. Sie ermöglichen es, die Rolle von Eugen Gutnov (Gutnoff) beim Aufbau des Verlagswesens in Nordossetien genauer zu bestimmen und Einzelheiten seiner Biografie vor dem Zweiten Weltkrieg zu klären.
Unbekannte Kapitel seiner Biografie
Trotz der Bedeutung des verlegerischen Wirkens von Eugen Gutnov (Gutnoff) für das russische Exil blieb seine eigene Biografie nahezu unbekannt.
In der vorhandenen Literatur heißt es, er sei 1912 aus Russland emigriert, habe als Setzer in einer Berliner Druckerei gearbeitet, später die Tochter des Druckereibesitzers geheiratet und dessen Betrieb schließlich geerbt.
Eine genauere Rekonstruktion des Lebenswegs des russischen Verlegers aus Berlin ist mit dem jüngsten der drei Brüder Gutnov verbunden: Elbrus Alexandrowitsch Gutnov (1906–1983).
Vor dem Krieg war Elbrus Gutnov ein bekannter Fachmann für Druckwesen und Organisator der sogenannten „Ersten Brigade für Buchgestaltung“. Im Rahmen dieses Kollektivs schlug er mehrere neuartige Lösungen für die Gestaltung von Massenbuchproduktionen unter Fließbandbedingungen vor und setzte sie um.
Von 1922 bis 1927 arbeitete Elbrus Gutnov als Setzer in der Berliner Druckerei seines Bruders und studierte zugleich Grafik an der Deutschen Akademie der Künste. Nach Abschluss des Studiums kehrte er in die UdSSR zurück.
Die letzten Jahre von Eugen Gutnov (Gutnoff)
Seit Ende der 1930er Jahre war jeder Kontakt zwischen Elbrus Gutnov und seinem Bruder abgebrochen. Ende der 1960er Jahre wandte er sich jedoch mit der Bitte, Eugen ausfindig zu machen, an die sowjetische Vertretung des Internationalen Roten Kreuzes.
Die Suche war erfolgreich, und Elbrus erhielt von Eugen eine Reihe von Briefen, die ein Bild von der zweiten Hälfte seines Lebens vermitteln.
Während des Krieges hatte Eugen seinen gesamten Besitz verloren, sich in West-Berlin niedergelassen und erfolglos versucht, ein neues Geschäft aufzubauen. Ende 1968 zwangen ihn die steigenden Lebenshaltungskosten, eine kärgliche Rente und eine unheilbare Krankheit zum Umzug in die Bundesrepublik, wo er bald darauf starb.
In den 1990er Jahren stellten deutsche Forscher fest, dass Eugen Gutnov (Gutnoff) Ostdeutschland am 6. September 1968 verließ und bis zum 13. August 1968 im niedersächsischen Dorf Vehlen nahe Obernkirchen gelebt hatte.
Anschließend zog er nach Heeßen bei Bad Eilsen, wo er unter folgender Anschrift wohnte:
Lange Straße 17
Danach verliert sich seine Spur endgültig.
Eugens Briefe an seinen Bruder Elbrus (1967–1968)
Im Folgenden werden fünf Briefe wiedergegeben, die Elbrus von Eugen erhielt, nachdem er ihn über die sowjetische Vertretung des Internationalen Roten Kreuzes ausfindig gemacht hatte. Stil und sprachliche Eigenheiten des Verfassers wurden bewahrt.
Nr. 1. 10. August 1967
Lieber Elbrus!
Dein lieber Brief vom 16. Mai hat mich sehr erfreut. Du würdest diese Freude verstehen, wenn du zum Beispiel vor zwanzig Jahren gehört hättest, dass ich nicht mehr am Leben sei. Du weißt wahrscheinlich noch nicht, dass ich Gottengarten vor siebzehn Jahren verlassen musste. Frida war schwer krank und starb 1952.
Ich bin am Leben und gesund, aber mein Leben ist sinnlos, weil ich nicht arbeiten kann und in einem halben Jahr achtzig werde. Kostja hat mich verlassen und denkt nur an sich. Ich kenne nicht einmal seine Adresse, weil er mir nicht schreibt. Ich bin nun zum dritten Mal verheiratet, aber nicht glücklich.
Ich wusste schon lange, dass Vater und Kirill nicht mehr leben, von Nikolai höre ich dagegen zum ersten Mal durch dich. Sei so gut und schreibe mir, wenn möglich, Genaueres.
Herzliche Grüße
Dein Eugen
Nr. 2. 11. Oktober 1967
Lieber Elbrus!
Deinen Brief vom 3. Oktober erhielt ich in genau sechs Tagen. Die Bedeutung dieses Briefes für mich ist grenzenlos! Unsere Frida würde vielleicht noch heute leben, wenn Kostja ein normaler Mensch gewesen wäre. Der Krieg war schuld daran, dass ich mein schönes Haus verlassen musste — ein zweistöckiges Haus mit je einer Dreizimmerwohnung unten und oben. Mein ursprünglicher Plan für den Fall einer Invalidität war, eine Wohnung für uns zu behalten und die andere zu vermieten, damit wir wenigstens ein kleines Einkommen hätten, denn meine Lebensversicherung ist äußerst gering. Nachdem ich Gottengarten verlassen hatte, eröffnete ich eine Export- und Importfirma. Ohne sich mit mir abzusprechen, mietete Kostja eine möblierte Fünfzimmerwohnung. Die Renovierung kostete 45.000 Mark. Er hatte kein Geld. So gingen wir bankrott. Man hätte ihn verhaftet und für mehrere Jahre ins Gefängnis gesteckt, wenn ich nicht auf Anraten des Anwalts die Schuld auf mich genommen hätte. Damit rettete ich ihn, doch Dank habe ich von ihm mein ganzes Leben lang nie erfahren!
Nun bin ich natürlich arm, denn ich bin achtzig und niemand gibt mir Arbeit, während die Invalidenversicherung eine Summe zahlt, von der man nicht leben kann! Das ist, kurz gesagt, meine Lage. Wenn du etwas schicken kannst, wäre ich natürlich sehr dankbar. Ich freue mich, dass du mit Schenja glücklich bist, und dass Nadja noch jedes Jahr von Ossetien nach Moskau reisen kann, überrascht und erfreut mich zugleich.
Grüße euch alle. Könnte ich euch wieder helfen, wie ich es vor fünfzig Jahren getan habe, würde mich das noch mehr freuen, denn auch damals habe ich euch allen gern geholfen.
Herzliche Grüße
Dein Eugen
Nr. 3. Berlin, 17. November 1967
Lieber Elbrus!
Genau am 7. November habe ich dir einen Einschreibebrief geschrieben, weiß aber nicht, ob du ihn erhalten hast. Jetzt bin ich in der Bibliothek und kann dir deshalb mit der Schreibmaschine schreiben. In meinen Akten habe ich verschiedene Bescheinigungen gefunden:
- Eine Bescheinigung der Zeitung Kasbek in Wladikawkas, bei der ich fünf Jahre lang lernte und arbeitete (1903–1907).
- Eine Bescheinigung der Druckerei des Finanzministeriums in St. Petersburg (1912).
- Eine Bescheinigung der Verwaltung der Berg-Sowjetrepublik, dass ich Russland am 8. November 1913 verlassen habe.
Das heißt, ich bin nun schon genau vierundfünfzig Jahre in Berlin! Schon als junger Mann wollte ich nach Amerika fahren, doch ich hatte nicht genug Geld; deshalb blieb ich in Berlin, und der Krieg zwang mich, für immer in Berlin zu bleiben. Ich schicke dir diese Dokumente vorsichtshalber und bitte dich zu bestätigen, dass du sie erhalten hast. Bitte teile mir auch mit, ob du die Fotografien in den Briefen erhalten hast, die am 26. Oktober bei dir ankamen.
So verbringen wir unsere Zeit und die letzten Tage unseres Lebens!
Ich wünsche dir Erfolg und deiner Familie Gesundheit und küsse euch alle von Herzen!
Dein Eugen
Nr. 4. 19. Dezember 1967
Lieber Elbrus!
Dein Brief vom 25. November 1967 liegt wieder vor mir auf dem Tisch. Ich habe ihn zwar beantwortet, aber offenbar nicht ganz richtig, denn ich lag genau vierzehn Tage im Bett und bin in dieser Zeit völlig schwach geworden.
Also noch einmal: Bitte schicke keine Pakete, denn sie sind hier nicht einmal halb so viel wert wie das, was sie dich kosten. Ich brauche keine Pakete, sondern Geld für alle anderen Ausgaben. Eine Wohnung kostet hier zum Beispiel fast sechs- bis achtmal so viel wie bei dir; dazu kommen Gas und elektrisches Licht — all das ist hier erheblich teurer. Ich suche eine kleine Wohnung, aber niemand will um keinen Preis tauschen.
Du fragst, warum ich dir die Dokumente geschickt habe. Deine Frage wundert mich. Du hast mir doch geschrieben, dass du für die Geldsendung eine Genehmigung brauchst. Ich weiß, dass man dich fragen wird, wer dieser Mensch ist, warum er im Ausland lebt und so weiter. Deshalb habe ich dir Belege geschickt, dass ich kein sowjetischer Emigrant bin, sondern fast fünf Jahre vor der Revolution wegen einer Krankheit ins Ausland ging: Bei einem großen Konsilium erfahrener Petersburger Fachärzte erklärte man mir, mein Leben werde höchstens noch drei, vier oder sechs Monate dauern. Dich schickte ich damals nach Hause, weil ich euch nicht alle mit der Nachricht erschrecken wollte, dass mein Leben zu Ende ging. Deshalb schickte ich dir die Dokumente; mit Politik habe ich mich in meinem ganzen Leben nie befasst.
Nun willst du wahrscheinlich wissen, welche Krankheit ich 1912 hatte. Es war Tuberkulose, die selbst heute noch nicht vollständig heilbar ist. 1905 fand in London der Weltkongress der Homöopathen statt. Sein Vorsitzender war ein russischer Jude, ein gewisser Professor Brasol. Ich las damals fast alle seine Reden, und 1912 lebte dieser Professor in Petersburg. Nach dem erwähnten Konsilium der Allopathen, die mir nur noch drei bis sechs Monate zu leben „erlaubt“ hatten, suchte ich ihn auf. Er lachte; ich zahlte ihm nicht weniger als hundert Rubel und ging genau zwei Monate lang zu ihm. Alle drei Tage gab er mir neue Pulver aus seinem Schrank! Dann sagte er: „Jetzt sind Sie gesund und können fahren, wohin Sie wollen!“ Innerlich glaubte ich ihm nicht, doch wie ihr alle seht, bin ich noch am Leben und habe seitdem weitere sechsundfünfzig Jahre gelebt!
Auch die Berliner Ärzte glaubten meinen Erzählungen damals überhaupt nicht. Als sie jedoch einige Jahre später Aufnahmen von mir machten, überzeugten sie sich davon, dass Brasol meine Lunge geheilt hatte! Nun habe ich meinen Körper der Berliner Universität vermacht, weil dies die Ärzte außerordentlich interessiert. Das ist die kurze Geschichte meiner Krankheit in Petersburg und der Grund, warum ich die Stadt damals verließ.
Also schicke auf keinen Fall Pakete!
Trotz allem wünsche ich euch allen Gesundheit!
Dein Eugen
Nr. 5. Berlin, 3. Mai 1968
Lieber Elbrus!
Du warst krank, und leider war auch ich krank und bin es noch; meine Krankheit ist wahrscheinlich unheilbar. Weder Deutschland noch irgendein anderes Land wird um mich weinen. Ich habe auch schon lange genug gelebt. Genau am 11. März dieses Jahres bin ich achtzig Jahre alt geworden, und das ist für einen Menschen genug. Meinen Körper habe ich nach meinem Tod der Universität für die Studenten vermacht. Sie werden viel Interessantes in meinem Körper finden. Danach werde ich eingeäschert, und ich muss für all das nichts bezahlen, ebenso wenig irgendein anderer Mensch (niemand muss bezahlen — D. G.), denn der Staat übernimmt die Kosten. Bei mir befinden sich noch fünf Kilogramm russischer und ossetischer Bücher, die bei mir und in Wladikawkas erschienen sind, und ich weiß nicht, ob man sie dir schicken kann oder nicht.
Hier sind sie fremd und niemand braucht sie, dort aber könnten sie wertvoll sein. Wenn ich noch lebe, beabsichtige ich, Anfang September dieses Jahres in die Bundesrepublik zu ziehen. Ich kann meine Wohnung hier nicht länger bezahlen, denn innerhalb kurzer Zeit wurden die Mieten um bis zu fünfzig Prozent erhöht. Die Invalidenrente stieg dagegen nur um acht Prozent. Wenn du mir noch vor August antworten möchtest, würde ich mich freuen. Also wünsche ich euch Gesundheit und Glück.
Dein Eugen
© Den vollständigen Artikel und die Veröffentlichung der Dokumente finden Sie in: Bibliografitscheskije Iswestija. 2013. Nr. 17.