Der Duft des Heimatwinds
Zefira Butaeva · Charkiw, 2009

Erinnerung

oder „Dort, wo der Ganges dem Ozean entgegenströmt..."

Galina Iljinitschna Saiko gewidmet

Ich war in der Abschlussklasse, als an unserer Schule zwei junge, gerade vom Institut kommende Mathematiklehrer auftauchten: Jelena Iwanowna, eine große, grauäugige, schöne Blondine, und Fjodor Georgijewitsch, ein fröhlicher, flinker, lachlustiger Brünetter.

Ich weiß nicht, ob sie in derselben Gruppe studiert hatten, aber es war nur natürlich, dass die beiden jungen Lehrer in der Schule zusammenhielten. Sehr bald bemerkten wir, dass sie offensichtlich nicht nur das Alter verband. Allzu eifrig umschwärmte Fedja — so nannten wir ihn schon vom ersten Tag an unter uns ganz zwanglos — Jelena Iwanowna. Sie war so unzeitgemäß streng und ernst, dass sie sogar hinter ihrem Rücken alle nur mit Vor- und Vatersnamen nannten.

Fast in jeder Pause rannte jemand in die Klasse und verkündete:

  • Fedja steht wieder bei Jelena Iwanowna! Und sagt ihr irgendetwas, sagt und sagt.
  • Und sie?
  • Schweigt, lächelt nur.

Eine Minute später neue Nachrichten:

  • Jelena Iwanowna und Fedja gehen im Flur auf und ab!
  • Und?
  • Er erzählt ihr etwas.
  • Und sie?
  • Schweigt, lächelt nicht einmal.

Ich hätte sehr gern Jelena Iwanowna geähnelt. Alles an ihr gefiel mir: ihre Schönheit, ihre Würde, ihre zurückhaltenden Manieren. Jelena Iwanowna erschien mir sehr unnahbar, und es tat mir sogar leid um Fedja, der das Unglück hatte, sich (davon waren wir alle überzeugt) in Jelena Iwanowna zu verlieben.

Einen Monat nach Unterrichtsbeginn wurden die älteren Schüler zusammen mit Jelena Iwanowna zur landwirtschaftlichen Arbeit in eine ehemalige deutsche Siedlung geschickt, schlicht „Kolonka" genannt, aus der man gleich zu Kriegsbeginn alle Deutschen ausgesiedelt hatte. Dort freundeten wir uns mit Jelena Iwanowna an.

Wir wohnten in einem der leerstehenden Häuser. Nachts, alle Riegel verschlossen, legten wir uns dicht gedrängt auf Strohmatratzen und lauschten dem Huschen verwilderter Katzen und dem entsetzlichen Heulen zurückgelassener Hunde. Jelena Iwanowna erzählte uns, offenbar um uns wenigstens ein wenig zu unterhalten, allerlei Geschichten aus ihrer Studentenzeit. Besonders interessant war es, von ihrem Verlobten zu hören, der an der Front war. Jelena Iwanowna hatte schon drei Monate keinen Brief mehr bekommen und machte sich große Sorgen, ob er nicht verwundet sei.

Einmal sang uns Jelena Iwanowna ein Lied vor, lang, herzergreifend, mit einer zu den Worten passenden, gedehnten Melodie. Das Lied gefiel allen Mädchen, prägte sich leicht ein, und von da an sangen wir es jeden Abend im Chor.

Dort, wo der Ganges dem Ozean entgegenströmt, wo der blaue Himmel so hell erstrahlt,

Dort, wo der Tiger durch die Lianen schleicht und der wilde Elefant durch den Dschungel streift,

Wo Sehnsucht ein riesiges Volk bedrückt, erklingt dort mitunter eine einzige Weise —

So singt ein Inder, seinen Zorn verbergend.

Groß ist das Land Punjab, grausam ist der Radscha dort.

Dort bringt sein Befehl mitunter Blut und Tod.

Für leere Launen, für seine Frau

Unterdrückt der Maharadscha sein ganzes Volk.

Die Schmeichelei der Höflinge ist grob geworden, und Sehnsucht quält den Herrscher.

„He, holt mir hierher einen Sklaven, mag wenigstens ein Sklave mich erheitern!"

Ein junger Sklave trat vor, und der Radscha sprach: „Ihr seid alle treu, das habe ich oft gehört.

So führe denn nun meinen Befehl aus" —

(Groß ist das Land Punjab, grausam ist der Radscha dort)

„Die du auf der Welt am meisten liebst — töte sie!

Ich habe es dir gesagt, ich habe es befohlen!

Mein Wort ist Gesetz. Oder du selbst wirst hingerichtet!"

Drei Nächte und drei Tage wartet Punjab, der Herrscher wartet, auf seinen Thron gestützt.

Da naht sich ihm ein bleicher Sklave, er wirft jemandes Kopf zu Boden.

(Die nächsten beiden Zeilen sind mir gänzlich entfallen, und wenn ich später dieses Lied wiedergab, summte ich ihre Melodie ohne Worte.)

„Groß ist das Land Punjab, grausam bist du, Radscha!

Die ich am meisten liebte, habe ich für dich, Radscha, getötet.

So hast du es mir gesagt, so hast du es befohlen!

Der Glaube ist blind. Nimm nun die Gabe des Sklaven an!"

Nach unserer Rückkehr zur Schule begann ich, Jelena Iwanowna zu besuchen. Wir saßen lange zusammen und lösten Aufgaben, die Jelena Iwanowna eigens für mich aus alten Sammlungen heraussuchte. Sie sprach nach wie vor gern von ihrem Verlobten, und ich vertraute ihr meine mädchenhaften Geheimnisse an. Jelena Iwanowna nahm regen Anteil an der Wahl meines künftigen Berufs. Mir schien, sie wolle, dass ich in ihre Fußstapfen trete. Doch unerwartet für mich sagte sie einmal:

  • Du solltest Philologie studieren!

Ich war überrascht und stellte sogar fest, dass ich nicht wusste, was Philologie überhaupt war. Ich suchte ein Wörterbuch heraus und überzeugte mich, dass es weit von der Mathematik entfernt war. Am Ende hörte ich auf ihren Rat und schrieb mich an der philologischen Fakultät ein.

Einige Jahre später, wenn ich in den Ferien nach Hause kam, traf ich mich mit Jelena Iwanowna. Sie war noch strenger, noch zurückhaltender geworden: Ihr Verlobter war spurlos verschwunden. Dann verlor ich Jelena Iwanowna aus den Augen. Ich hörte, sie habe geheiratet, eine Tochter bekommen, sei irgendwohin verzogen.

Und in meiner Erinnerung blieb für mehrere Jahrzehnte das Lied haften, das Jelena Iwanowna einst gesungen hatte. Wem habe ich es nicht alles vorgesummt! Kein einziges Mal traf ich jemanden, der es zuvor gehört hätte.

Mit den Jahren begann es mich aus irgendeinem Grund zu ärgern, dass ich mich an zwei Zeilen des Liedes nicht erinnern konnte. Und als ich in diesem Jahr begann, nach Jelena Iwanowna zu suchen, hätte man meinen können (und manchmal schien es mir selbst so!), dass ich gerade wegen dieser zwei Zeilen den Menschen treffen müsste, der sie zweifellos noch kannte. Aber wie sollte ich suchen? Wo?

Ich begann mit dem Telefonbuch. Was, wenn Jelena Iwanowna bei ihrer Heirat ihren Nachnamen nicht geändert hatte! Keiner der „Telefon"-Boikos (Jelena Iwanownas Mädchenname) kannte sie. Das Haus, in dem sie mit ihrer Mutter gewohnt hatte, war abgerissen worden. Meine Klassenkameraden hatten sich über die ganze Welt verstreut, ich traf keinen von ihnen mehr. Ich musste mich damit abfinden, dass ich für immer von Jelena Iwanowna getrennt war und somit nie jene unglückseligen zwei Zeilen des Liedes erfahren würde.

Einmal kam ich mit einer Nichte ins Gespräch, bei der ich zu Besuch war; wir erinnerten uns an unsere Lieblingslehrer, und sie erzählte warmherzig von ihrem Mathematiklehrer, unter dessen Einfluss sie selbst Mathematiklehrerin geworden war.

  • Wie hieß er denn? - fragte ich.
  • Fjodor Georgijewitsch Kurusidi.
  • Das ist doch unser Fedja!

Die Nichte war sogar gekränkt:

  • Wir mochten ihn sehr und haben ihn nie Fedja genannt.
  • Nun, ich kannte ihn noch ganz jung. Weißt du nicht, wo er arbeitet?
  • Er ist in Rente. Er wohnt irgendwo in der Telman-Straße.

Ich blätterte wieder im Telefonbuch. Den Namen Kurusidi gab es dort nicht, aber es stand ein Telefon unter Kurusaidi. Da ich annahm, meine Nichte habe die Namen verwechselt, rief ich unter der Nummer Kurusaidi an. Der Frau, die abhob, erklärte ich, ich suche den Mathematiklehrer Kurusaidi, Fjodor Georgijewitsch.

  • Fjodor Georgijewitsch heißt nicht Kurusaidi, sondern Kurusidi. Seine Nummer hat sich vor Kurzem geändert, die neue kenne ich nicht.
  • Woher kennen Sie ihn denn, wenn Sie nicht einmal denselben Nachnamen tragen? - fragte ich überrascht.
  • Nun, uns Griechen gibt es nur wenige in der Stadt, und wir kennen einander alle. Ich helfe Ihnen. Notieren Sie sich die Nummer der Petrows, seiner Freunde, die kennen sicher die neue Nummer.

Sofort rief ich bei den Petrows an und erklärte erneut, was ich brauchte.

  • Ach, ich erinnere mich nicht an seine neue Nummer, - sagte eine Frau mit einer entschuldigenden, altersschwachen Stimme. - Aber die Nummer seiner Schwiegertochter kann ich Ihnen nennen!

Die Schwiegertochter kannte natürlich die neue Nummer. Und endlich war Fjodor Georgijewitsch am Telefon.

  • Fjodor Georgijewitsch, ich suche Jelena Iwanowna Boiko, meine Lehrerin. Erinnern Sie sich an sie?
  • Natürlich. Wir haben mehrere Jahre an derselben Schule gearbeitet.
  • Wissen Sie, wo sie jetzt ist?
  • Sie ist in Rente, wie ich. Sie wohnt irgendwo in meiner Nähe, aber ich kenne weder ihre Adresse noch ihre Telefonnummer.
  • Und wie heißt sie jetzt mit Nachnamen?
  • An den Nachnamen erinnere ich mich nicht, - antwortete Fjodor Georgijewitsch, schwieg eine Weile und sprach dann aus irgendeinem Grund gereizt weiter. - Wozu brauchen Sie den Nachnamen? Gehen Sie in den Hof des Lebensmittelladens in der Telman-Straße, fragen Sie die alten Frauen, die auf der Bank sitzen, die Lehrer kennt dort jeder.
  • In den Hof welches Geschäfts denn? - fragte ich. - Es gibt doch mehrere in der Telman-Straße, wie mir scheint.
  • In den, der mir am nächsten ist, - sagte Fjodor Georgijewitsch und legte auf. Fjodor Georgijewitsch war offensichtlich nicht in bester Laune.

Zurückzurufen und nachzufragen, welches Geschäft ihm am nächsten sei, erschien mir unangebracht, und am nächsten Tag ging ich in den Hof des Hauses, das dem Zuhause meiner Nichte am nächsten lag.

Es war Morgen, die alten Frauen saßen noch nicht auf der Bank, nur eine Frau klopfte Teppiche aus. Ich ging zu ihr und fragte, ob sie wisse, in welcher Wohnung eine große, schlanke Frau wohne, eine Rentnerin, früher Mathematiklehrerin.

  • Ich weiß es nicht, ich wohne erst seit kurzem in diesem Haus, aber wir fragen jetzt Marja Petrowna: die kennt alle.
  • Marja Petrowna! - rief die Frau über den ganzen Hof.
  • Schauen Sie heraus! Hier sucht eine Dame nach einer pensionierten Mathematiklehrerin.

Auf einem der Balkone im zweiten Stock erschien eine dürre kleine alte Frau. Sie musterte mich misstrauisch und sagte:

  • Im Nachbareingang, in Wohnung 15, wohnt eine Literaturlehrerin. Eine Mathematiklehrerin gibt es in unserem Haus nicht, - und nachdem sie mich noch einmal von oben bis unten gemustert hatte, ging die alte Frau ins Zimmer zurück.

Ich ging in den Hof des nächsten Geschäfts. Auf der Bank saßen zwei Frauen, lebhaft plaudernd, allerdings keine alten Frauen, sondern Frauen mittleren Alters. Ich trat zu ihnen und erzählte, schon wie auswendig gelernt — zum wievielten Mal schon! —, von meiner Suche.

  • Ach, das muss wohl Kozelskis Frau sein, - sagte eine von ihnen. - Sie hat tatsächlich Mathematik unterrichtet. Das weiß ich genau: Sie war Klassenlehrerin meiner Tochter. Na, erinnerst du dich, - wandte sie sich an ihre Nachbarin, - sie wohnten doch im dritten Stock?
  • Ach, der, der betrunken Flaschen vom Balkon warf? Natürlich erinnere ich mich, ich wusste nur nicht, dass er Kozelski hieß. Der ist doch schon zehn Jahre tot. Wohin die Frau gegangen ist, weiß ich nicht.
  • Sie hat ihn verlassen. Nahm die Tochter und ging. Sie hatte sich mit ihm sehr aufgerieben. Er hat sie sogar geschlagen. Ich bin ihr einmal auf dem Markt begegnet und erzählte ihr vom Tod ihres Mannes. „Das geht mich nichts mehr an", sagte sie. „Und überhaupt ziehe ich in eine andere Stadt."

Sich vorzustellen, dass jemand Jelena Iwanowna hätte schlagen können, überstieg meine Kräfte. War das wirklich derselbe, von dem Jelena Iwanowna in der Kolonka erzählt hatte? Und wenn nicht, wie hätte sie, so stolz, mit einem Alkoholiker leben können? Allein der Name schon! Kozelski!

Irgendwie verging mir die Lust, weiterzusuchen. Aus Gewohnheit blätterte ich im Telefonbuch. Der Name Kozelski stand dort nicht. Nun, Gott sei Dank!

Doch etwas ließ mir keine Ruhe, und zwei Tage später rief ich Fjodor Georgijewitsch an und hatte gerade erst begonnen, ihm von den Ergebnissen meiner Suche zu erzählen, als er mich unterbrach:

  • Unsinn. Jelena Iwanowna ist in der Stadt. Vor einer Woche hat meine Frau sie im Geschäft getroffen. Und Sie sind durch alle Läden gelaufen. Man muss aufmerksam zuhören! Ich habe doch gesagt, in den Hof des Geschäfts, das meinem Haus am nächsten ist. Sie wohnt im Hof des Geschäfts an der Ecke Telman- und Poscharski-Straße. Nur die Wohnungsnummer kenne ich nicht. Und sie heißt gar nicht Kozelskaja, sondern Dawydowa. Zwei Tage habe ich mich gequält, aber ich habe es mir gemerkt!

Ich freute mich so sehr, dass ich nicht weiter nachfragte: Ich wusste nicht, wo er wohnte, und noch vor zwei Tagen hatte er sich nicht an Jelena Iwanownas Nachnamen erinnert. Beim Abschied fragte Fjodor Georgijewitsch:

  • Und wie heißen Sie mit Nachnamen?
  • Ach, Sie erinnern sich sicher nicht an mich. Ich habe vor langer Zeit dort gelernt, außerdem nicht in Ihrer Klasse.
  • Ich erinnere mich an alles und jeden, - sagte Fjodor Georgijewitsch bestimmt. Ich nannte meinen Namen.
  • Ich erinnere mich an Sie! - rief Fjodor Georgijewitsch aus irgendeinem Grund erfreut aus. - Ein mageres, schwarzäugiges Mädchen mit Zöpfchen.

Ich konnte nicht anders und lachte laut auf: So kann man fast jedes ossetische Mädchen beschreiben.

  • Umsonst lachen Sie, - Fjodor Georgijewitsch war gekränkt. - Ich erinnere mich, wie Sie bei allen Feiern Gedichte vortrugen und in den Schulaufführungen auftraten.

Das klang schon eher nach mir. Tatsächlich, er erinnerte sich!

Wieder das Telefonbuch! Da war sie: Dawydowa J. I., Telman-Straße, Nr. ... und daneben eine Telefonnummer. Ich wähle die Nummer, ein langes Klingeln, und eine Frau (zweifellos, ich höre Jelena Iwanownas Stimme!) sagt:

  • Ich höre.

Ohne mich zu nennen, begann ich zu summen: „Dort, wo der Ganges dem Ozean entgegenströmt..."

Ich sang das Lied bis zum Ende und merkte erst dann, dass ich nirgends ins Stocken geraten war. Wo aber waren jene Zeilen geblieben, die für immer vergessen schienen? Ich schwieg, darüber nachdenkend, während die Frau sagte:

  • Ich kenne dieses Lied nicht, habe es nie gehört, es sagt mir nichts. Wenn es „Wege" wäre... Aber wer ist da eigentlich?

Wieder hatte irgendetwas nicht funktioniert, und ich war falsch verbunden! Aber diese Stimme war mir doch vertraut!

  • Entschuldigen Sie, ich brauche Jelena Iwanowna.
  • Das bin ich.
  • Jelena Iwanowna! Wie können Sie dieses Lied nicht gehört haben. Sie haben es uns doch in der Kolonka vorgesungen.
  • Ich war nie in der Kolonka, - sagte Jelena Iwanowna ruhig.
  • Wie waren Sie nicht dort? Erinnern Sie sich doch, Jelena Iwanowna: Wir wohnten in der Kolonka, dann schickte man uns, Mais zu brechen, wir übernachteten in einer langen Scheune, es begann zu schneien und überraschte uns auf dem Feld...
  • An das Maisfeld erinnere ich mich, aber das war beim Dorf Brut. Wer ruft denn nun an?
  • Jelena Iwanowna, ich bin es, ich...

Sie hörte meinen Vornamen und ließ mich den Nachnamen nicht zu Ende sagen.

  • Mein Gott! Wo kommst du denn her? Wo bist du? Wie viele Jahre haben wir uns nicht gesehen! Eine ganze Ewigkeit! Erzähl mir von dir. Aber nicht am Telefon. Schreib dir die Adresse auf. Ich warte auf dich.

Eine halbe Stunde später klingelte ich an Jelena Iwanownas Tür. Die Tür öffnete eine nicht sehr große Frau (und dabei hatte ich so hartnäckig nach einer großen Blondine gesucht!), gepflegt, mit hellen, strengen Augen.

  • Kommen Sie herein, kommen Sie herein, meine Liebe. Wie froh ich bin, Sie zu sehen!
  • Jelena Iwanowna, warum siezen Sie mich plötzlich?
  • Es fühlt sich irgendwie unpassend an, anders zu sprechen...

Ich verstand ihre Unbeholfenheit, als ich im großen Spiegel im Flur zwei gleiche, kurzgeschnittene graue Köpfe sah. Wer sollte da erkennen, wer die Schülerin, wer die Lehrerin war! Die Jahre hatten den kleinen Altersunterschied zwischen uns ausgelöscht.

  • Und das ist meine Enkelin, lernen Sie sie kennen.

Vom Sofa erhob sich mir ein Mädchen entgegen. Ich sah sie an, und es schnürte mir die Brust zusammen: Sie glich Jelena Iwanowna erstaunlich — jener Jelena Iwanowna von damals, an die ich mich so viele Jahre lang erinnert hatte! Sie ähnelte ihr viel mehr als Jelena Iwanowna selbst, die daneben stand.

Dann tranken wir Tee und erinnerten uns, erinnerten uns...

  • Und erinnern Sie sich, wie einmal die Lebensmittel spät aufs Feld gebracht wurden und ich es nicht schaffte, das Mittagessen bis zu eurer Rückkehr von der Arbeit fertig zu haben, sodass alle halbgares Fleisch aßen. Und es ist nichts passiert, es ging gut. Aber wie ich mich damals aufgeregt habe!
  • Erinnern Sie sich, wie wir mehrere Kilometer durch den Schnee zurückliefen, in zerrissenen Schuhen? Und wie wir alle Läuse bekamen?
  • Oh, daran möchte ich mich nicht erinnern. Ich denke an etwas anderes. Ich erinnere mich an Ihre Mutter, eine stille, bescheidene Frau. Sie haben sie bei der Abschlussfeier zu mir geführt, und sie dankte mir für irgendetwas. Ich glaube, sie sprach Russisch mit starkem Akzent. Und ich erinnere mich auch an das für mich überraschend schicke weiße Kleid, das Sie bei jener Feier trugen.
  • Ich hielt geheim, dass ich ein Stück Fallschirmseide besaß, vom Fallschirm eines Piloten, der sich aus einem abgeschossenen deutschen Flugzeug gerettet hatte. Ich lebte damals in Gisel bei meiner Tante, in deren Haus sich kurz vor dem deutschen Vormarsch der Stab eines Regiments einquartiert hatte. Als man zusammen mit den Dokumenten den Fallschirm in den Stab brachte, schnitten mir die Soldaten ein Stück „für Taschentücher" ab, wie sie sagten. Aber es reichte für ein ganzes Kleid!

Unseren „Und erinnern Sie sich noch?" nahm kein Ende. Schließlich fasste ich mir ein Herz und fragte:

  • Jelena Iwanowna, was ist aus Ihrem Verlobten geworden?
  • Er ist nicht zurückgekehrt. Er geriet in Gefangenschaft, dann kam er in ein Strafbataillon. Er fiel in der Tschechoslowakei, ganz am Ende des Krieges. Ich habe lange getrauert. Aber das Leben geht weiter. Ich heiratete einen Militärangehörigen. Ich zog mit ihm durchs ganze Land. Wir wohnten in wechselnden Quartieren. Erst nach der Pensionierung meines Mannes kehrte ich in meine Heimatstadt zurück und bekam endlich dieses kleine Zuhause. Leider habe ich meinen Mann vor einigen Jahren begraben müssen. Wir haben einträchtig zusammengelebt. Ich habe einen Sohn in der Stadt, er lebt getrennt, besucht mich aber oft. Meine Tochter hat sich auf der Krim niedergelassen. Nun ist meine Enkelin gekommen, um sich am Institut einzuschreiben. Mir wird gleich behaglicher zumute sein, allein zu leben ist trostlos. Jelena Iwanownas Enkelin saß uns gegenüber, hörte aufmerksam zu und wanderte mit ihren grauen Augen von der einen zur anderen. Ich frage mich, was sie dachte, während sie uns ansah? Mir schien, in ihrem Blick lag sowohl Neugier als auch Nachsicht und Mitleid. Eines war unbestreitbar: Das Mädchen konnte sich nicht vorstellen, dass sie selbst einmal so werden könnte wie wir.

In dieser Nacht schlief ich mit einem Gefühl der Zufriedenheit ein. Wir hatten uns wiedergetroffen, Jelena Iwanowna und ich, ich hatte sie gefunden! Und ich erinnerte mich, erinnerte mich selbst an die vergessenen Zeilen:

Und der Radscha blickt sie an, erzitternd: In ihr sind Züge, vertraut und lieb,

In ihr hat er das Antlitz seiner Frau erkannt!

Zefira Butaeva, 1995

Die Vergangenheit im Gedächtnis wachrufen

EIN ZYKLUS VON ERZÄHLUNGEN

Niemand sieht die Welt so, wie du sie siehst, denn niemandes Augen gleichen den deinen, niemandes Wahrnehmung gleicht der deinen, niemandes Gefühl kann so sein wie das, welches du empfindest.

Gaito Gasdanow

Mit nichts kann ich diesen Zustand vergleichen — die Erleichterung des Ausgesprochenen.

Alexander Solschenizyn

Die Tragödie der Brüder

Ich erwachte nachts von einem Lärm. Das Licht brannte. Und das Erste, was ich sah, waren die zitternden Finger meines Vaters. Er saß auf einem Stuhl neben meiner Liege und zog sich die Socken an.

Im Zimmer gingen mehrere Männer in Uniform umher, stampften mit ihren Stiefeln. Dann gingen sie alle hinaus und nahmen den Vater mit.

Mama schluchzte, klagend:

  • O, weh mir! Unser Herd ist zerstört!

Schweigend stand der Großvater, auf seinen unveränderlichen Stock gestützt.

Und beide bemerkten nicht, dass er zum ersten Mal in 20 Jahren gemeinsamen Wohnens die Stimme seiner Schwiegertochter hörte: nach ossetischer Sitte sprach Mama in Gegenwart ihres Schwiegervaters nicht.

Meine Schwester und ich weinten zusammen mit Mama, verstanden aber nicht ganz, was geschehen war, wussten nicht, dass wir unseren Vater nie wiedersehen würden.

Der Vater verschwand. Und mit ihm verschwand auch der gesamte „Reichtum" unserer Familie: das Grammophon mit der riesigen Trompete, das der Vater an Feiertagen aufzog, das Album mit dem grünen Plüscheinband voller schöner Osterpostkarten (die ich prahlerisch meinen Freundinnen zeigte), und das „Allerheiligste" — die Schreibmaschine. Es war das wertvollste Stück in unserem Haus. Nur in Anwesenheit des Vaters durfte man sie berühren. Mir, als Liebling, war es manchmal erlaubt, mit einem Finger ein paar Worte zu tippen.

All dies war vom sagenhaften Onkel Jewgeni aus dem fernen Berlin mitgebracht worden, wohin der Vater 1924 gereist war, um eine Linotype-Maschine zu holen.

Ich wusste nicht, was eine Linotype-Maschine war, und an den Onkel konnte ich mich auch nicht erinnern (er war 1927 in die Heimat gekommen, als ich erst ein Jahr alt war), doch er erschien mir sagenhaft reich. Denn nur dank seiner Geschenke — zwei Anzüge und ein brauner Filzhut — war Papa der elegantste und schönste Mann. Ich bemerkte damals nicht, dass die Anzüge dem Vater sackartig saßen: Jewgeni war viel kräftiger gebaut als sein Bruder.

In unserer Familie herrschte ein regelrechter „Kult" um den Onkel. Man beriet sich mit ihm über alles, wenn nicht direkt, dann in Gedanken: „Was würde Jewgeni wohl dazu sagen?"

Briefe des Onkels wurden mehrmals laut vorgelesen, dann in das grüne Album gelegt, das ständig auf der Kommode lag. Manchmal, sonntags, wurde alles im Haus still, man ging auf Zehenspitzen: Das bedeutete, der Vater schrieb einen Brief nach Berlin. Als ich schreiben lernte, durfte ich ein paar Worte in Vaters Brief hinzufügen, und ich war damals schrecklich stolz auf mich.

Und dann kam das Ende von all dem. Es war der 28. Oktober 1937.

Am nächsten Tag machte sich Mama, nachdem sie ein kleines Bündel geschnürt hatte, auf die Suche nach Vater. Ich ging überallhin mit ihr: Mama sprach nicht ganz frei Russisch, und wenn sie nervös war, brachte sie überhaupt kein Wort heraus.

Zuerst gingen wir zum Gefängnis und standen in einer endlos langen Schlange. Durch ein kleines Fenster brummte man uns zu: „So einen haben wir hier nicht!" (Wie treffend eine solche Szene im Film „Buße" von Abuladse gezeigt wird!)

In den folgenden Tagen suchten wir methodisch alle Orte ab, an denen Verhaftete festgehalten wurden. Und solcher Orte gab es viele in der Stadt. Überall, wo Gitter vor den Fenstern waren, dort waren auch Gefangene.

Schließlich nahm man im Gebäude des Wehrbezirkskommandos ein Paket von uns entgegen. Zwei Wochen später noch eines.

...Einmal ging das Gerücht durch die Stadt, dass nachts Verhaftete abtransportiert werden sollten. Als es dunkel wurde, gingen wir zum Bahnhof. Reihen von Menschen zogen sich die Kirow-Straße entlang... sich verbergend, schweigend, aus Angst, miteinander zu sprechen. Wir näherten uns dem Bahnhof. Lange standen wir dort, versteckt in den Höfen und Eingängen der nahegelegenen Häuser. Es wurde hell, und alle gingen auseinander, ohne etwas erfahren zu haben.

Als wir Mitte Dezember wieder ein Paket mit gewaschener Wäsche brachten, sagte man uns: „Abgereist!" Das klang plausibel: Also hatte es in jener Nacht tatsächlich einen Transport gegeben, und der Vater war verbannt worden. Und Mama quälte sich bis zum Ende ihres Lebens damit, dass sie es nicht geschafft hatte, ihm noch warme Wäsche zu bringen. Die arme Mama ahnte nicht, dass der Vater damals schon nichts mehr brauchte!

So begann unser Leben ohne Vater. In der Obhut Mamas, einer Frau ohne Bildung und Beruf, blieben ein 80-jähriger Großvater, ein Bruder, noch Schüler, und ich, Schülerin der 4. Klasse (die ältere Schwester war bereits verheiratet). Mama versuchte, in der Druckerei unterzukommen, wo sie einst ein Jahr in der Buchbinderei gearbeitet hatte und wo der Vater viele Jahre bis zu seiner Verhaftung gedient hatte — man nahm sie nicht. Sie fand Arbeit als Küchenhilfe in einer Kantine und später als Hilfsarbeiterin in einer Konservenfabrik.

Ich sehnte mich sehr nach Vater, dem gütigen, sanften, fröhlichen. Wie viele Tränen habe ich über seine Balalaika vergossen, auf der er ossetische Melodien spielte und dazu sang. Wie viel Interessantes er wusste! Er war der Erste, der mir vom „außergewöhnlichen Menschen, dem Führer, Lenins Freund" Stalin erzählte. Unter dem Einfluss seiner Erzählungen begann ich, Stalin fanatisch zu lieben. Wie beneidete ich meine Altersgenossin Mamlakat Nachangowa, die Stalin umarmt hatte! Ich weinte vor Glück, als ich am 1. Mai 1948, in der Demonstrationskolonne der Moskauer Staatlichen Universität am Mausoleum vorbeiziehend, Ihn erblicken durfte! Und nicht nur ich. In unserer Kolonne marschierten Frontsoldaten, und viele von ihnen hatten Tränen in den Augen.

Auch die Leidenschaft für das Lesen verdanke ich dem Vater. Er liebte Kinder sehr und übersetzte gern Kinderbücher aus dem Russischen ins Ossetische. Ich erinnere mich an eines — Kiplings „Rikki-Tikki-Tavi". (Vor einigen Jahren ist mir dieses Buch auf Ossetisch in die Hände gefallen, doch leider war der Name des Übersetzers nicht angegeben.)

Und ab 1938 schrieb ich Briefe, immer wieder.

Zuerst an den „geliebten Stalin", dann an Berija. Ich schrieb, was für ein guter Vater ich hatte, was für ein treuer Leninist er war und was für ein ungeheuerlicher Fehler seine Verhaftung sei. Alles blieb ohne Antwort.

Nur einmal, 1940, wurde ich zum NKWD vorgeladen, und ein Militär hielt einen Umschlag in der Hand (offenbar meinen Brief) und fragte mich hartnäckig aus, woher ich wisse, dass man an Berija an den Dserschinski-Platz schreiben müsse. Dann sagte er: „Dein Vater ist ein Volksfeind. Er wurde zu 10 Jahren ohne Recht auf Briefwechsel verbannt." Naiv, wie wir waren, begannen wir, das Ende dieser 10 Jahre zu erwarten!

1947, bereits in Moskau, auf ebenjenem Dserschinski-Platz, erhielt ich auf eine Anfrage nach dem Schicksal des Vaters die Antwort, er sei 1942 im Lager gestorben. Meiner Schwester wiederum stellte man einige Jahre später eine Sterbeurkunde aus, in der als Todesursache eine krupöse Lungenentzündung am 23. Dezember 1943 angegeben war.

Wem sollte man glauben? Niemandem! All das war Lüge! Heute wissen wir, dass „10 Jahre ohne Recht auf Briefwechsel" Erschießung bedeutete. Doch selbst 1955 schrieb das Oberste Gericht der Nordossetischen ASSR bei der Ausstellung einer Bescheinigung ausweichend, das Verfahren gegen den Vater, „verurteilt von der ehemaligen Troika des NKWD der Nordossetischen ASSR, sei eingestellt worden...". „Verurteilt" wozu? Unbekannt!

Viele Jahre sind seit 1937 vergangen. Mein Vater, geboren 1892, wäre kaum noch am Leben gewesen. Manchem mag es scheinen, man solle die Vergangenheit nicht aufwühlen. So viel wissen wir schon über jene Zeit, so viel ist geschrieben worden, wir haben schon den „Archipel GULag" gelesen. Doch je älter ich wurde, desto stärker ergriff mich der Wunsch, endlich doch die Wahrheit über meinen Vater, über sein Schicksal zu erfahren.

Und dann kam die Glasnost!

1989 teilte mir der KGB der Nordossetischen ASSR mit (allerdings zunächst vorsichtig, nur mündlich!), dass mein Vater laut Beschluss der ehemaligen NKWD-Troika vom 7. Dezember 1937 erschossen worden sei. Man warf ihm vor: „Mitglied einer konterrevolutionären, bürgerlich-nationalistischen, spionagetätigen, aufständischen Organisation gewesen zu sein; konterrevolutionäre Propaganda und Spionage- und Aufklärungsarbeit zugunsten des faschistischen Deutschlands betrieben zu haben." So war es! Nicht mehr und nicht weniger! Eine klassische Sammlung aller denkbaren Etiketten!

Als beim Ersten Kongress der Volksdeputierten, im Rahmen der Bestätigung im Amt, der Vorsitzende des KGB und einer der stellvertretenden Generalstaatsanwälte auf die Fragen der Deputierten antworteten, dass ehemalige Repressierte und ihre nächsten Angehörigen die Strafakten einsehen könnten, begann ich erneut zu schreiben...

Und nun blättere ich in dieser vergilbten Mappe: der Haftbefehl, die Liste der beschlagnahmten Gegenstände, der Fragebogen (ein Detail spricht für den Gemütszustand des Vaters: Bei der Aufzählung seiner Kinder vergaß Papa mein Alter — er schrieb 13 Jahre statt 11), die Verhörprotokolle, die Anklageschrift, der Beschluss der Troika, die Bescheinigung über die Vollstreckung des Urteils am 10. Dezember 1937, um 20 Uhr...

Kann es wirklich sein, dass seither mehr als 50 Jahre vergangen sind? Warum nur zog sich mir dann die Brust so zusammen, warum knickten mir die Beine ein, als ich aus der Hauptmilitärstaatsanwaltschaft trat? Oder haben vielleicht doch jene recht, die sagen, sie rieten von der Einsichtnahme in Strafakten nur aus Mitgefühl ab, um die Angehörigen vor Erschütterungen zu bewahren?

Zusammen mit der Akte des Vaters lagen die Akten von acht weiteren „Verbrechern", angeblich Mitgliedern einer „Volkspartei", die ebenfalls am 10. Dezember erschossen wurden.

Die Anklageschrift wurde von W. A. Bojarski verfasst, einem im ganzen Land bekannten Henker, der „wegen Verjährung der begangenen Verbrechen" nicht mehr angeklagt werden kann.

Vor dem Hintergrund der Untaten, die ihm zur Last gelegt werden, ist der Fall meines Vaters und seiner acht „Mitangeklagten" ein Tropfen im Ozean. Selbst in der Liste jener, die die Troika an einem einzigen Tag verurteilte, stand mein Vater erst in der zweiten Hundertschaft. Und wenn er ein „Verbrechen" hatte, dann höchstens die Verbindung zu seinem Bruder, der seit 1912 in Deutschland lebte — die übrigen hatten wahrscheinlich nicht einmal das.

Als Beweismittel liegen der Akte Jewgenis Briefe an den Vater bei. Nach ihrer Lektüre erscheint die dem Vater vorgeworfene Anschuldigung, er habe dem Bruder Informationen über die Druckereien in Ordschonikidse und deren Adressen mitgeteilt, geradezu absurd. Aus den Briefen geht nämlich hervor, dass Jewgeni über das Druckereiwesen in der ganzen Welt bestens informiert war, nicht nur über das in Ossetien.

Ich bat darum, mir die Briefe zurückzugeben. Das war nicht möglich, solange das Verfahren gegen Bojarski nicht abgeschlossen war, daher erhielt ich Fotokopien davon.

Immer wieder lese ich die Briefe. Und vor mir entsteht das Bild des Onkels, eines klugen, geschäftstüchtigen, gebildeten Mannes. Von seinen ersten Briefen bis zum letzten, geschrieben 1968, ist die Liebe zu Ossetien spürbar. Und ich erinnere mich an alles, was in der Familie über den Onkel bekannt war.

Noch ganz jung verließ er das Dorf Dzivgis, wo er geboren war, und wurde Schriftsetzer in einer Druckerei in Wladikawkas. 1908 zog er nach Petersburg, wo er zugleich arbeitete und studierte. Doch 1912 wurde er wegen der Teilnahme an Unruhen verhaftet, und nach seiner Freilassung verlor er das Recht, in den zentralen Gouvernements Russlands zu wohnen. Da reiste Jewgeni nach Deutschland aus.

Während des Weltkriegs, der Revolution und des Bürgerkriegs war der Kontakt zu Jewgeni abgerissen. Der Briefwechsel wurde Anfang der 1920er Jahre wieder aufgenommen. Zu dieser Zeit hatte sich Jewgeni bereits fest in Berlin niedergelassen. Er arbeitete zunächst als Schriftsetzer in einer kleinen privaten Druckerei. Er verliebte sich in Frida, die Tochter des Druckereibesitzers, und heiratete sie bald. Als Jewgeni nach dem Tod seines Schwiegervaters selbst Besitzer dieser Druckerei wurde, begann er, ossetische Literatur herauszugeben, allen voran die Werke von Kosta Chetagurow, den er seit seiner Schulzeit in Dzivgis bewunderte, seit ihm zum ersten Mal der „Iron Fandyr" in die Hände gefallen war und für ihn zum Leitstern wurde. Auch heute kann man die Worte, mit denen er den von ihm 1922 herausgegebenen „Iron Fandyr" begleitete, nicht ohne Rührung lesen: „...ich sage zu Kosta: 'Geheiligt sei dein Name! Ganz Ossetien ist dir dankbar!' Seinem Buch — 'eine glückliche Reise in die heimische Ossetien.'" (Jewgeni gab auch seinem einzigen, 1924 geborenen Sohn den Namen des geliebten Dichters und nannte ihn Kosta, nicht Kostja.)

Alle Angelegenheiten rund um den Vertrieb seiner Ausgaben in Ossetien vertraute Jewgeni seinem Bruder an, seinem „Bevollmächtigten", wie er den Vater in seinen geschäftlichen Briefen nannte. Ich erinnere mich an „Iron Fandyr", Schillers „Wilhelm Tell", eine Sammlung ossetischer Erzählungen und Anekdoten, Postkarten mit dem Foto Kostas, die wir noch nach der Verhaftung des Vaters besaßen. Wohin sie verschwunden sind, weiß ich nicht. Manches zerriss Mama im Zorn, denn sie hielt den Onkel für den Schuldigen an der Verhaftung des Vaters: Bei der Durchsuchung nahm man ja gerade das mit, worauf deutsche Aufschriften waren.

Besonnen, zielstrebig, selbst sehr organisiert, ertrug Jewgeni keine Nachlässigkeit, keine Unordnung, keine Verschwendung. Seine Sparsamkeit und Berechnung wurden von den Verwandten manchmal als Geiz empfunden, obwohl er in den hungrigen 1920er Jahren der Familie viel half.

Natürlich prägten die Tatsache, dass Jewgeni von früh an selbstständig lebte und sich auf niemanden außer sich selbst verlassen konnte, sowohl seinen Charakter als auch sein Verhalten. Die jüngeren Brüder lebten dagegen auch als Erwachsene gewissermaßen unter seiner Obhut. Daher wohl auch der belehrende Ton seiner Briefe an meinen Vater. Jewgeni störte sich offenkundig an der Unsicherheit seines Bruders, an dessen Zweifeln an den eigenen Fähigkeiten. Und von Brief zu Brief belehrt er meinen Vater, wie er sich zu verhalten, wie er die Arbeit besser zu organisieren habe, und versucht ihm einzureden, dass diejenigen, mit denen Jewgeni zu tun hatte, sich um kein Haar besser im Druckereiwesen auskannten als der Vater.

Am meisten beschäftigte Jewgeni das Schicksal des jüngsten Bruders, Elbrus. Er wollte aus ihm einen „praktischen Fachmann" machen und hielt Deutschland, wo die Arbeit „zu einem organisierten Kult erhoben" sei und wo „insbesondere die industrielle und kaufmännische Bildung breit aufgestellt ist", für das dafür am besten geeignete Land. „Bei Fleiß kann man hier in einem Jahr mehr erreichen als bei uns in vielen, vielen Jahren, und es gut machen", schrieb Jewgeni an die Bildungsabteilung in Wladikawkas und bemühte sich um ein Ausreisevisum für Elbrus.

Die Erlaubnis wurde erteilt, und 1922 kam Elbrus nach Berlin, wo er, entgegen Jewgenis Plänen, eine Kunstgewerbeschule und anschließend die grafische Fakultät einer höheren Kunstschule besuchte.

Nach erfolgreichem Abschluss der Schule kehrte Elbrus Ende 1927 in die UdSSR zurück und begann in Moskau zu arbeiten.

Auch Elbrus blieb von den Repressionen der 1930er Jahre nicht verschont. Nur durch Zufall überlebte er. Elbrus geriet zu einem „günstigen" Zeitpunkt in diese furchtbare Maschinerie: kurz vor der Absetzung Jeschows und der Machtübernahme Berijas, der die „Übertreibungen" seines Vorgängers zu „korrigieren" vorgab.

Nur 6 Monate verbrachte Elbrus auf der Lubjanka. Doch statt des jungen, energischen, schönen zweiunddreißigjährigen Mannes kam ein Greis nach Hause zurück, mit einem aufgedunsenen, mehlig-blassen Gesicht, einem langen wilden Bart, geschwollenen Beinen, ausgeschlagenen Zähnen und erloschenen, leidenden Augen. Sein ganzer Körper war mit Narben und Blutergüssen bedeckt.

Viele Jahre lang schwieg Elbrus über die Einzelheiten seiner Haft. Erst kurz vor seinem Tod (Elbrus starb 1981), als er dessen Nähe spürte, schrieb er ein bitteres Bekenntnis über jene furchtbaren Monate.

Viele Jahre lang wussten wir nichts von Jewgeni.

Nach 1945 unternahm Elbrus Versuche, etwas über seinen Bruder zu erfahren. Das war schwierig, da der Bezirk, in dem Jewgeni lebte, in West-Berlin lag. Schließlich gelang es 1967, über das Rote Kreuz seine Adresse in Erfahrung zu bringen. Elbrus schrieb seinem Bruder. Bald kam Jewgenis Antwort. Ein langer Brief, die Zeilen unregelmäßig, man sah, dass er mit zitternder Hand geschrieben worden war. Doch die Gedankengänge waren logisch, klar. Seine Muttersprache erinnerte er noch: An passender Stelle waren ossetische Worte eingefügt. Er schrieb, seine Frau Frida sei an Krebs gestorben, Kosta habe sich als schlechter Sohn erwiesen: Er habe Schulden gemacht, Jewgeni ruiniert und ihn im Stich gelassen. „Und jetzt lebe ich wie ein Bettler", schrieb Jewgeni. Er bat Elbrus um Hilfe: um Überweisung von Devisen. „Wer hier keine Ersparnisse hat, gilt als Bettler." Was konnte Elbrus ihm schon senden? Zwar unternahm er einige Versuche, Rubel in Mark umzutauschen, doch nichts gelang ihm. Mir scheint, Jewgeni, eingedenk dessen, wie viel er getan hatte, damit sein Bruder eine Ausbildung in Deutschland erhielt, fühlte sich gekränkt und vermutete bei Elbrus Unwillen, ihm zu helfen. Jewgeni überschätzte einfach die Möglichkeiten seines Bruders. Erhalten sind auch zwei letzte Briefe Jewgenis an Elbrus, voller Trauer und Bitterkeit. Und selbst im letzten Brief sorgte er sich, alt und krank, um das Schicksal der ossetischen Bücher, die er noch besaß!

...1991 erhielt ich endlich vom KGB Ossetiens ausführliche Antworten auf alle meine Fragen. Man stellte mir auch eine „Sterbeurkunde" aus, in der zum ersten Mal das genaue Todesdatum des Vaters angegeben war — der 10. Dezember 1937 — und die wahre Todesursache: erschossen, und nicht die verlogene „krupöse Lungenentzündung". Der Bestattungsort ist unbekannt.

Eine von der Hauptmilitärstaatsanwaltschaft durchgeführte Überprüfung des Strafverfahrens gegen eine Gruppe von Personen (darunter meinen Vater) zeigte, dass es in Nordossetien nie eine bürgerlich-nationalistische aufständische Organisation gegeben hatte, dass es keine „Volkspartei" irgendwelcher Art gab und dass der Fall von den Bojarskis und ihren Vorgesetzten fabriziert worden war, von denen viele später selbst ihren Opfern folgten.

Und Bojarski lebt! Vor einigen Jahren wurde ein Strafverfahren gegen ihn eröffnet, doch „sein Gesundheitszustand schließt die Möglichkeit aus, Ermittlungshandlungen mit seiner Beteiligung durchzuführen". So ist das!

...Es fiel mir schwer geworden, diesen Schmerz in mir zu tragen, und ich schreibe über all das in der Hoffnung, dass jemand der Brüder, deren Schicksal so tragisch verlief, mit einem guten Wort gedenken wird...

Zefira Butaeva.

Ein Stück Tschurek

Mit etwa 5 oder 6 Jahren hatten mein Vater und ich ein Spiel. Bei schönem Wetter war ich immer draußen, wenn Vater von der Arbeit zurückkam. Sobald Vater um die Ecke bog, lief ich ihm entgegen, hängte mich an seinen Hals, und er trug mich auf den Armen nach Hause.

Einmal, als ich auf Vater wartete, spielte ich Himmel und Hölle. Ein Fuhrwerk fuhr langsam die Straße entlang. Der Fuhrmann ging neben dem Pferd her. Vom Wagen strömte der Duft von frischem Tschurek, das zum Brotladen unweit unseres Hauses gebracht wurde. Morgens erhielten wir auf Karten dieses schon steinhart gewordene Tschurek.

Als das Fuhrwerk auf meiner Höhe war, öffnete sich plötzlich die hintere Klappe. Durch das Rütteln rutschte eines der Tabletts weg, und ein Stück Tschurek fiel zu Boden. Ich hob das heiße Stück auf und lief zum Fuhrmann: „Onkel, Onkel, die Klappe ist aufgegangen!" Er hielt das Pferd an, ging schweigend um den Wagen herum und schloss die Klappe. Ich hielt das unerträglich heiße, große Stück duftendes Tschurek und wartete darauf, dass man es mir abnehmen würde. Der Fuhrmann sah mich an, machte eine wegwerfende Handbewegung und ging ebenso schweigend zurück zum Pferd.

Der Wagen fuhr weiter. Und ich stand ratlos mitten auf der Straße, verstand nichts.

Ein großer Mann kam heran und nahm mir das Tschurek aus den Händen: „Mädchen, gib es mir, dir ist es doch zu heiß zum Halten!"

Vater, der von der Arbeit zurückkehrte, beschleunigte seinen Schritt, als er von weitem den fremden Mann neben mir sah. Doch bis Vater herankam und ich ihm alles erzählt hatte, war von dem Mann keine Spur mehr zu sehen.

  • Ach, du dummes Ding, - sagte Vater, - das hat dir der Fuhrmann doch geschenkt!

Ich blickte auf meine leeren, geröteten Hände, die noch das Gewicht des heißen Tschureks spürten, und erst da begriff ich endlich, was ich verloren hatte.

Auch an diesem Tag trug mich Vater auf den Armen ins Haus — doch bitterlich weinend.

Zefira Butaeva.

Reichtum an Mais

Das war in einem der Hungerjahre der 1930er. Den Mitarbeitern der Druckerei, in der meine Eltern arbeiteten, wurde angeboten, in ihrer Freizeit die Felder eines vorstädtischen Versuchsguts zu bestellen, mit dem Versprechen, im Herbst mit der Ernte zu bezahlen. Viele begegneten dem mit Misstrauen. Meine Eltern jedoch fuhren das ganze Jahr über an jedem freien Tag aufs Feld und nahmen manchmal auch die älteren Kinder mit. Und dann, an einem warmen Herbsttag, fuhr ein Fuhrwerk vor unser Tor, bis obenhin gefüllt mit weißen und gelben Maiskolben. Und daneben — Vater und Mutter, strahlend, stolz: All das gehörte uns, war erarbeitet!

Der ganze Hof lief zusammen, um das Wunder zu betrachten. Der eine half beim Abladen des Mais, der andere gab Ratschläge, wo man ihn am besten aufbewahre. Und mich schickte man los, um Großvater zu holen, der wie gewöhnlich mit seinen unveränderlichen Freunden auf der Stufe vor der zugenagelten Ladentür saß.

  • Komm schnell nach Hause, Babpu! - rief ich dem Großvater zu. - Da haben sie so was gebracht!

Als Großvater, außer Atem, in den Hof kam und den Mais sah, gaben ihm offenbar die Beine nach. Er setzte sich auf eine Bank, sah dem freudigen Treiben um das Fuhrwerk zu, und Tränen liefen ihm über die Wangen.

  • Ich hatte doch gesehen, wie das Fuhrwerk vorbeifuhr, - sagte Großvater, - und dachte noch: Wer ist wohl dieser von Gott auserwählte Glückliche, in dessen Haus solch ein Reichtum einziehen wird?

Es begann eine glückliche Zeit. Nie wieder aßen wir die widerlichen Fladen aus Schlempe. Und wie viele Köstlichkeiten man aus Mais zubereiten kann! Jeden Tag backte Mama Tschurek, kochte Brei, „Dsarna". Und Großvater und ich brieten „Zakuta", und ich bewirtete voller Freude alle Kinder des Hofes.

An diesen Winter erinnere ich mich als den sattesten meiner Kindheit.

Zefira Butaeva.

Auf Kartoffelsuche

Einmal erzählte Vater, dass einige seiner Kollegen auf die abgeernteten Kartoffelfelder gingen und die übrig gebliebenen Kartoffeln aufsammelten.

Vater beschloss, ebenfalls hinzugehen. Mama redete es ihm aus: „Bei solchen Dingen hast du kein Glück, geh nicht." Vater blieb bei seinem Entschluss, und am freien Tag, früh am Morgen, machte er sich zusammen mit seinem 12-jährigen Sohn auf, um sein Glück zu versuchen. Einen Rucksack hatten wir nicht, Getreidesäcke taugten nicht, und Vater überredete Mama, ihm den weißen Leinenbeutel zu geben, in dem die Wäsche ausgekocht wurde.

Es war schon dunkel, als Vater und der Bruder zurückkehrten, müde, missmutig und ... leer. Der Bruder schlief sofort ein, während Vater lange auf der Balalaika spielte und dann bitter erzählte, wie sie den ganzen Tag über das Feld gekrochen waren und nach Knollen gesucht hatten. Mehrmals ritt ein Wächter vorbei. Zunächst erschrak Vater, doch der Wächter lächelte ermunternd, und Vater deutete dies als Zeichen der Erlaubnis, in der Annahme, er sei einfach ein gütiger Mensch. Endlich war der Beutel voll, gefüllt auch die Tasche des Bruders. Zufrieden traten Vater und der Bruder auf die Straße hinaus, in Richtung Heimweg. Und da kam der Wächter erneut heran, doch diesmal ohne Lächeln.

  • Lasst die Kartoffeln hier und geht, - sagte er. - Und bedankt euch noch, dass ich euch gehen lasse.

Gedemütigt, betrogen fühlte sich Vater, doch was konnte er tun?

Und Mama konnte sich einfach nicht beruhigen:

  • Du hast nicht auf mich gehört! Und was du aus dem Beutel gemacht hast!

Zefira Butaeva.

Großvater

Ich betrachte gern die alte Fotografie meines Großvaters. Ich erinnere mich an ihn nur aus seinem hohen Alter, als er schon über 80 war und bereits Ältester der Wladimir-Siedlung.

Fast täglich wurde er zu allen möglichen Feierlichkeiten eingeladen. Das war keine richtige Hochzeit, kein richtiges Totenmahl, wenn nicht mein Großvater am Kopfende des Tisches saß. Man lud ihn auch ein, wenn es galt, Familienkonflikte zu schlichten und Streitende zu versöhnen. Wie ich heute verstehe, lag das nicht nur an seinem Alter. Er war weise.

Doch auf dem Foto von 1925 ist Großvater noch rüstig, voller Kraft. Welche Vornehmheit, welche Würde liegt in seinem Gesicht, in der Neigung seines Kopfes! Ein Fürst! Nur seine Hände — die schwieligen Hände eines Arbeiters — verraten seine Herkunft. Und bei genauerem Hinsehen bemerkt man die ausgefransten Ärmel der Tscherkeska, die er, soweit ich mich erinnere, ständig trug, ebenso wie die Dolchscheide, in der längst statt einer stählernen eine hölzerne Klinge steckte.

Großvater besaß zweifellos einen natürlichen Verstand, der es ihm ermöglichte, um seiner Kinder willen seinen angestammten Platz in den Bergen der Kurtatinski-Schlucht aufzugeben, wo es nur eine dreiklassige Schule gab, und in die Stadt zu ziehen. Zu verlieren gab es ohnehin nicht viel, außer einer an den Felsen geschmiegten Sakle. Vater erzählte mir, dass sich der Fels im Winter mit Reif überzog und sich alle Kinder rund um die Feuerstelle legten — dem einzigen Ort, an dem man sich wärmen konnte. Doch in der Stadt gab es nicht einmal eine solche Sakle, und mehrere Jahre lang musste sich die Familie in fremden Ecken zusammendrängen. Dafür aber erhielten die Söhne (beide Töchter heirateten bald) die Möglichkeit, auf eigenen Beinen zu stehen.

Der Älteste, Jewgeni, lebte schon lange selbstständig — zunächst in Wladikawkas, dann in Petersburg, und 1912 reiste er nach Deutschland aus und ließ sich in Berlin nieder.

Mein Vater, Kirill, war der zweite Sohn. Gleich nach seiner Ankunft in Wladikawkas nahm er eine Stelle als Laufbursche in einem Manufakturwarenladen an und brachte es bis zur Revolution zum Verkäufer. Nach der Revolution ging Vater, beeinflusst von Jewgeni, in eine Druckerei arbeiten. Er begann als Schriftsetzer und war zum Zeitpunkt seiner Verhaftung 1937 Korrektor der Druckerei.

Der dritte Sohn, Nikolai, erlernte ein Handwerk und arbeitete sein ganzes Leben lang als Schuhmacher.

Der vierte, Sanchora, lebte nicht lange. Während des Bürgerkriegs kam er im Alter von 17 Jahren durch eine verirrte Kugel ums Leben, als er einfach die Straße entlangging.

Und schließlich der Jüngste — Elbrus. Er stand ständig unter der Obhut Jewgenis, der davon träumte, seinem begabten jüngeren Bruder eine gute Ausbildung und einen Beruf zu ermöglichen.

Großvater ließ seinen Söhnen völlige Freiheit, zwang ihnen nie seinen Willen auf, was in einer so patriarchalischen Familie eine Seltenheit war. Und was hätte er ihnen auch außer Freiheit geben können, obwohl er sein ganzes Leben lang arbeitete? Mama erzählte, dass Großvater im Winter jeden Tag mit seinem alten Klepper in den Wald fuhr und auf dem Rückweg Brennholz zum Markt brachte. Das erlöste Geld reichte kaum für Mehl und Grütze. Meine Großmutter starb, als Großvater noch nicht einmal 70 war. Er nahm sich sogar vor, ein zweites Mal zu heiraten, und bat seine älteren Söhne um Erlaubnis. Mein Vater hatte nichts dagegen, doch als man Jewgeni davon schrieb, kam die Antwort: „Es gibt nichts, worüber sich die Leute amüsieren sollten, dafür bist du nicht mehr im Alter!" Großvater, so heißt es, war gekränkt, doch etwas gegen Jewgenis Willen zu tun galt als solch ein Frevel, dass man es sich gar nicht vorstellen konnte.

Sowohl Großvater als auch mein Vater und Elbrus, mit dem ich bis zu seinem Tod befreundet war und den ich sehr liebte (Nikolai kannte ich wenig: Er lebte für sich), waren offener, fröhlicher, leidenschaftlicher als Jewgeni.

Zu mir hatte Großvater eine besondere Beziehung: Ohne mich fiel es ihm nämlich schwer, sich mit Mama zu verständigen, deren Stimme er nach ossetischer Sitte nicht hören durfte.

Meinen Namen konnte Großvater nicht aussprechen, bei ihm klang es wie „Sischi". Das brachte alle zum Lachen, ihn selbst eingeschlossen.

Nach der Verhaftung meines Vaters veränderte sich Großvater sehr: Er wurde gebeugt, schweigsam. Er wollte auch nicht für kurze Zeit von uns weggehen, obwohl er sah, wie schwer es Mama fiel, die Familie zu ernähren.

Manchmal nahm ihn seine Tochter fast mit Gewalt in ihr Dorf mit. Höchstens zwei Tage hielt er es dort aus. Am dritten Tag, ohne jemandem etwas zu sagen, den Stock über die Schulter, 8 km zu Fuß — und da klopfte er, mein Babpu, an die Tür!

  • Sischi, ich bin weggelaufen! Sollen sie mich jetzt suchen! Schau, was ich dir mitgebracht habe.

Er löste das Taschentuch, das er am Ende seines Stocks verknotet hatte, und holte Süßigkeiten hervor: Bonbons, einen Apfel, eine Birne — und sah freudig zu, wie ich alles verschlang. Dann umarmte er mich und schwieg lange.

Woran dachte er?

An das gelebte Leben, an den nahenden Tod?

An seine Söhne, in alle Welt verstreut?

Von Jewgeni gab es schon seit mehreren Jahren kein Lebenszeichen mehr.

Zwei Jahre war es her, seit man Kirill verhaftet hatte, den sanftesten, gütigsten der Söhne. Wofür?

Und nun war auch Elbrus, der in Moskau lebte, verstummt. Vielleicht war auch ihm etwas Schreckliches zugestoßen?

Nur Nikolai war in der Nähe, doch er zählte kaum mehr als seine Abwesenheit. Er schämte sich seines Vaters und mied ihn, hielt zu keinem der Verwandten Kontakt.

Neben Großvater wurde auch ich still. Wir saßen lange umarmt beieinander, und in Großvater spürte ich ein Stück meines Vaters, nach dem ich mich so sehr sehnte!

...Ich war allein zu Hause, als die Nachbarjungen hereinstürmten und riefen:

  • Deinen Großvater hat es überfahren!

Ich lief um die Ecke, wo sonst die alten Männer auf den Stufen saßen. Nun stand eine Gruppe von Menschen bei den Stufen und besprach das Geschehene.

Auf der schmalen Straße fuhr ein Lastwagen. Plötzlich liefen, Hand in Hand, zwei Kinder auf die Fahrbahn. Um sie nicht zu überfahren, lenkte der Fahrer auf den Gehsteig und erfasste eine Frau. Offenbar verlor er die Fassung und riss das Steuer scharf herum — direkt auf die drei sitzenden alten Männer zu. Zwei von ihnen waren jünger und konnten zur Seite springen, doch Großvater, auf seinen Stock gestützt, versuchte gerade aufzustehen, als der Wagen ihn gegen die Wand drückte.

Als ich ankam, hatte der Krankenwagen bereits sowohl die Frau als auch Großvater fortgebracht. Auf dem Asphalt leuchteten rote Blutflecken, an der Wand lagen die Bruchstücke von Großvaters Stab.

Ich hob beide Hälften des mir so vertrauten Großvaterstocks auf, presste sie an meine Brust und schleppte mich, die Tränen erstickend, zu Mamas Arbeitsstelle.

Wir gingen gemeinsam ins Krankenhaus. Mama blieb an der Tür des Krankenzimmers stehen, während ich zu Großvater trat und seine Hand nahm. Er war bei Bewusstsein.

  • Babpu, ich bin's.
  • Mit wem bist du gekommen?
  • Mit Mama.
  • Wo ist sie? Sie soll herkommen, - sagte Großvater mühsam und versuchte, die Augen zu öffnen.

Ich richtete Mama seine Bitte aus. Sie machte einen Schritt, blieb dann stehen:

  • Wie soll ich denn hingehen? Wir haben nie miteinander gesprochen, wie könnte ich...

Zu Großvater zurückgekehrt, log ich:

  • Man lässt Mama nicht ins Zimmer.
  • Warum lässt man sie nicht herein? Sie ist doch meine Ernährerin, sie... meine Stütze, sie... - murmelte Großvater, schon das Bewusstsein verlierend.

Das waren seine letzten Worte. In dieser Nacht starb Großvater.

Und Mama quälte sich bis an ihr Lebensende damit, dass sie den Wunsch des Sterbenden nicht erfüllt hatte — nicht zu Großvater getreten war, aus Angst, die Tradition zu brechen. In diesem Moment hatte Mama vergessen, dass sie den Brauch bereits einmal übertreten hatte: In der Nacht, als man ihren Mann verhaftete, hatte sie in Gegenwart ihres Schwiegervaters laut geweint und geklagt:

  • O, unser Herd ist zerstört!

Zefira Butaeva.

Die Entführung

Ein paar Jahre vor dem Krieg schickte mich Mama in den Ferien „zur Milch" zu ihrer jüngeren Schwester in das Dorf, in dem auch meine Mama vor ihrer Heirat gelebt hatte. Im Dorf gab es viele Verwandte und Bekannte. Ich ging gern mit der Tante zu Besuch, und es gab keinen Fall, dass mich jemand, sobald er erfuhr, wessen Tochter ich war, nicht fragte: „Hat deine Mama immer noch diesen langen Zopf?" Wie sich zeigte, war meine Mutter für ihren langen Zopf und ihren Fleiß bekannt gewesen.

...Einmal fuhr ein Ochsenkarren zum Haus vor. Der Mann, der darauf saß, klopfte mit der Peitsche ans Tor und rief mit knarrender Stimme:

  • He, Leute!

Die Tante kam heraus und lud ihn ins Haus ein.

Er gefiel mir nicht: mager, unrasiert, düster. Und als der Gast vom Karren stieg, sah ich, dass er zudem stark hinkte. Er trat ins Haus, saß eine Weile, trank einen Schnaps Araka, sprach mit der Tante über etwas.

  • Weißt du, wer das war? - fragte die Tante, als er weggefahren war, und erzählte mir eine erstaunliche Geschichte. (Mama selbst entschloss sich erst kurz vor ihrem Tod, sie mir zu erzählen.)

Die Tante war noch ein Mädchen, als eines Nachts jemand an ihre Tür klopfte und eine Frauenstimme bat, die Tür zu öffnen. Als man öffnete, stürmten mehrere Männer ins Zimmer, fesselten den betagten Vater, stießen die Mutter zur Seite, packten die älteste Schwester und ritten davon.

Bis alle wieder zur Besinnung kamen, die Nachbarn riefen, war es schon hell geworden. Unter den nahen Verwandten waren keine jungen Männer, die sofort hätten nachjagen können. Die Nachbarn waren bereit, sich auf die Suche zu machen, doch wohin? Das Entführen eines Mädchens war in jenen Jahren keine Seltenheit. Meist geschah dies nach einer gescheiterten Brautwerbung, wenn die Verwandten oder das Mädchen selbst dem Bräutigam einen Korb gegeben hatten. Doch hier hatte niemand um sie geworben, und plötzlich diese Entführung!

Eine Woche später fand man das Mädchen in einem entlegenen Dorf, und erst da stellte sich heraus, wer sie entführt hatte: ein junger Mann, der in derselben Straße wie sie wohnte. Er war so sicher, dass ihn niemand nehmen würde, dass er nicht einmal um sie geworben hatte. Als Braut hatte er sich eigentlich meine Mama ausersehen, als die fleißigste der Schwestern. An der nächtlichen „Operation" selbst nahm er nicht teil, sondern hatte Männer aus einem anderen Dorf eingeladen, aus Angst, seine eigenen Dorfgenossen würden sich weigern. Durch eine Nachbarin erfuhr er, wer wo schlief. Gewöhnlich schliefen die beiden älteren Schwestern zusammen, während die jüngste bei ihrer Mutter schlief.

Und ausgerechnet in jener Nacht hatte Mama ihre jüngere Schwester überredet, die Plätze zu tauschen.

Die Entführer kannten meine Mutter nicht vom Sehen, zudem war es dunkel; man hatte ihnen nur gesagt, dass sie von den im Eckbett Schlafenden diejenige mit dem langen Haar mitnehmen sollten. Und so packten sie Mamas ältere Schwester: Ihr Haar war länger als das der daneben liegenden Jüngeren.

Als der Irrtum entdeckt wurde, war es schon zu spät...

Den alten Eltern blieb nichts anderes übrig, als sich damit abzufinden. Selbst wenn sie die Tochter zurückgeholt hätten, hätte sie nach der Entführung niemand mehr geheiratet.

So lebte die Tante mit einem Mann zusammen, den sie nicht liebte. Er erwies sich zudem als geizig, habgierig, grausam. Der Haushalt war groß, die Arbeit im Haus reichlich, und die Tante, kränklich und zart, war von den drei Schwestern am wenigsten an schwere Arbeit gewöhnt. Kinder hatten sie keine, und die Tante siechte in diesem freudlosen, schweren Leben dahin. Als sie sich schließlich hinlegen musste und den Haushalt nicht mehr führen konnte, brachte ihr Mann eine andere Frau ins Haus, gesund und kräftig.

Ich war weniger von der Erzählung der Tante selbst erschüttert, als vielmehr davon, mir vorzustellen, dass dieses Los für meine Mama bestimmt gewesen war.

Als die Tante scherzte: „Dieser Mann hätte dein Vater sein können", packte mich das Entsetzen. Wie, anstelle meines schönen, sanften, feinfühligen Vaters, dieser widerliche, verschrumpelte alte Mann?

Was für ein Glück, dass das nicht geschah!

Zefira Butaeva.

Niemand ist vergessen!?

Ich träumte von Moskau, wie die tschechowschen drei Schwestern. Auch mir schien, in Moskau würde ein anderes, interessantes, glückliches Leben beginnen.

Mein ausgezeichnetes Abschlusszeugnis ermöglichte mir die Aufnahme an jeder Hochschule ohne Prüfung. Doch mir war eigentlich nicht so wichtig, wo ich studieren würde, Hauptsache in Moskau.

Mama war gegen meine Abreise, denn sie wusste, dass sie mir nicht würde helfen können. Ich beklagte mich bei meinem Bruder, der an der Front war. Und so erhielt Mama Mitte August 1944 einen Brief, in dem der Bruder bat, mich gehen zu lassen. „Der Krieg geht zu Ende", schrieb er, „bald komme ich, fange an zu arbeiten, und es wird uns leichter fallen."

Mit schwerem Herzen willigte Mama ein.

Ich schickte meine Unterlagen nach Moskau und wartete auf die Zulassung.

Schon war Ende August, Anfang September, doch die Zulassung kam und kam nicht. Jeden Tag lief ich dem Postboten entgegen, manchmal ging ich selbst zur Post. Vergeblich!

Endlich, Mitte September — ein Brief, geschrieben in einer fremden Handschrift. Ohne auf den Absender zu achten, öffnete ich freudig den Umschlag, und ... „Sie haben wahrscheinlich schon die offizielle Mitteilung erhalten, dass Sascha am 25. August ertrunken ist." Ich begriff nicht sofort, dass da von meinem Bruder die Rede war, meinem eigenen, geliebten Bruder, der nach dem Verschwinden des Vaters die größte Autorität für mich gewesen war, auf den ich stolz war. Der Altersunterschied — der Bruder war sechs Jahre älter als ich — hinderte uns nicht daran, befreundet zu sein. Wir besuchten dieselbe Schule, lasen dieselben Bücher, verdienten beide etwas beim Rundfunkkomitee dazu, wirkten in literarischen Sendungen für Kinder mit, waren beide vom Theater begeistert: Wir waren in Theaterzirkeln (ich in der Schule, er in irgendeinem Klub). Wenn der Bruder eine Rolle einstudierte, spielte ich ihm die Partnerin. Er — der falsche Dmitri, ich — Marina; er ein junger Zigeuner, ich Semfira. Verbunden hat uns auch die gemeinsame Ausgrenzung nach der Verhaftung des Vaters. Der Bruder hat das wohl noch tragischer erlebt als ich. Was allein diese eine Schulversammlung ihn gekostet hat, bei der man ihn aus dem Komsomol ausschloss, weil er sich weigerte, sich von seinem Vater, einem „Volksfeind", loszusagen. Und an die Front schickte man ihn als Sanitäter, obwohl er ein Institut abgeschlossen hatte.

...Ich las den Brief zu Ende, lang, mit einigen unpassenden, unnötigen Einzelheiten über die Gefühle einer mir unbekannten Frau.

Nein! Das kann nicht sein! Erst vor ein paar Tagen hatte er geschrieben, er komme bald zurück! Und wie sollte man leben, wenn es den Bruder nicht mehr gab! Ich hätte schreien mögen: „Das ist nicht wahr!"

Mit Entsetzen blickte ich auf die Uhr: Gleich musste Mama von der Arbeit kommen. Ich griff den Brief und lief zu den Nachbarn. Die Tränen erstickend, verbarg ich mich dort und lauschte, was die zurückgekehrte Mama tat: Sie zündete den Primus an, bereitete das Abendessen, klopfte bei den Nachbarn, ob sie wüssten, wo ich sei...

Bis zur Dunkelheit blieb ich bei den Nachbarn sitzen und beschloss fest, Mama nichts von dem Brief zu erzählen. Vielleicht war es ja doch nicht wahr!

Mama schalt mich, weil ich so spät kam, doch als sie mein Gesicht sah, wurde sie beunruhigt. Ich sagte, mir sei der Magen schlecht geworden. Ohne zu essen, legte ich mich hin.

Mein Gott! Was für eine Nacht das war! Mama und ich lagen in demselben Bett. Mich fror, ich zitterte. Mama schloss kein Auge, sorgte sich um mich, wechselte mir die Wärmflaschen. Als ich es nicht mehr aushielt, begann ich zu weinen, angeblich vor Schmerzen.

Endlich brach der Morgen an, und Mama ging zur Arbeit. Und ich wieder zu den Nachbarn, nahen, guten Menschen, die so viel Gutes für uns getan hatten. Eine solche Nacht hätte ich kein zweites Mal ausgehalten, und wir beschlossen, Mama alles zu sagen.

Wieder lauschte ich, wie Mama kam und sich zu schaffen machte, wie sie in den Schuppen ging, um Brennholz zu holen und einzuheizen.

Umringt von den Nachbarn trat ich weinend ins Zimmer und stürzte zu Mama. Sie begriff sofort... Ihre Hände sanken herab... Die Scheite fielen ihr auf die Füße.

  • O-o-o! Mein Söhnchen! Meine kleine Sonne!

Sie raufte sich die Haare, kratzte sich die Wangen, schlug mit dem Kopf gegen die Wand ... und es gab keine Kraft, sie zurückzuhalten.

Am nächsten Tag kam auch ein Brief vom Kommandeur: „Unsere Einheit hat ein Unglück getroffen. Wir haben Sascha am 26. August auf dem Russischen Friedhof der Stadt Jewpatorija begraben. Wir senden sechs Rubel und zwei Fotokarten

seiner Schwester, die er in der Tasche hatte..." Das war alles. Zweifel gab es nun keine mehr.

Verwandte und Bekannte kamen, um ihr Beileid auszusprechen. Mama begleitete ihr Weinen mit Klageliedern, erzählte von ihrem Kummer, von den Briefen ihres Sohnes, und versprach, seine letzte Bitte zu erfüllen: mich zum Studium nach Moskau zu schicken.

Meine Schwester und ich standen neben Mama, als ich plötzlich spürte, wie eine der Verwandten mir etwas in die Tasche steckte und flüsterte: „Das ist für dich, für die Reise!" Und dann noch jemand ... und noch jemand. Das Geld, das man sonst für das Totenmahl sammelt, gab man mir für die Reise!

Man machte mich reisefertig. Ein bekannter Schuster nähte mir Stiefel aus zwei Paar Schuhen meines Großvaters. Aus der einzigen Hose meines Bruders schneiderte man mir einen Rock. Den Mantel meiner Schwester wendete man für mich. Mama gab mir ihr gestricktes Tuch, die Tante einen Pullover.

In diesem Aufzug erschien ich an der philologischen Fakultät der Moskauer Universität.

...Das Leben fügte sich so, dass ich erst 26 Jahre später nach Jewpatorija reisen konnte. Ich fand die Frau, die uns damals von Sascha geschrieben hatte. Sie führte mich zum Russischen Friedhof, der inzwischen geschlossen war. Am Ende, wo die Soldaten begraben lagen, ein paar kaum sichtbare Hügel. Auf manchen — hölzerne Gedenkzeichen mit roten Sternen. Alle Inschriften waren verwittert. Unter welchem dieser Hügel mein Bruder lag — unbekannt...

Ich legte auf jeden einzelnen Hügel Blumen nieder...

Und noch einmal 15 Jahre später rief man uns vom Wehrbezirkskommando an: Man suchte Sascha, um ihm den Orden des Roten Sterns zu überreichen, mit dem der Bruder im Dezember 1943 ausgezeichnet worden war.

Zefira Butaeva.

Weiße Hemden

Ich wollte immer schießen lernen. Und als eines Tages Schirmherren an unsere Schule kamen, Kadetten einer am Stadtrand gelegenen Infanterieschule, und vorschlugen, sich für Arbeitsgemeinschaften einzuschreiben, wählte ich ohne zu zögern die Schützen-AG.

Man versammelte die „Schützen" aus allen Klassen zur ersten Stunde. Es stellte sich heraus, dass in der AG nur Jungen waren. Ich war schon zu dem Kadetten gegangen, um mich zu entschuldigen — ich würde ja nicht allein mit den Jungen üben — als Er das Klassenzimmer betrat, Kostja, der Grund meiner heimlichen Qualen und Leiden.

Er war, so schien es mir, der ansehnlichste, der schönste Junge der Schule. Er ging in die achte Klasse, gefiel vielen Mädchen der Klasse, und natürlich auch mir, einer Sechstklässlerin — ohne jede Chance, mich durch ihre Reihen zu drängen. Nur aus der Ferne, in den Pausen, blickte ich verstohlen zu ihm hinüber. Und plötzlich dieses Glück: Wir waren in einer AG, in der nur ein Mädchen war — ich —, und vielleicht würde er auf mich aufmerksam werden!

Die AG-Stunden waren sonntags. Die ganze Woche lebte ich in Erwartung dieses Tages und überlegte, wie ich „zufällig" neben ihm zu stehen käme, damit wir gemeinsam das Kleinkalibergewehr zerlegen und wieder zusammensetzen würden. Doch es gelang mir kein einziges Mal: Zu jeder Stunde kam er zu spät und gesellte sich zu einem der anderen Jungen.

Ein paar Sonntage später, an einem frostigen, sonnigen Tag, gingen wir auf den Schulhof hinaus, breiteten Matten auf dem Schnee aus, der Ausbilder befestigte die Zielscheiben, teilte jedem drei Patronen aus, und wir begannen zu schießen.

Ich wartete, bis ich an der Reihe war, und träumte: Ich würde alle drei Mal ins Schwarze treffen. Kostja würde mich ansehen, lächeln, vielleicht sogar herüberkommen.

Und dann schoss ich. Der Ausbilder ging zur Zielscheibe und verkündete: „Neun, sieben, acht!" Das beste Ergebnis!

Der Kadett lobte mich, die Jungen umringten mich, sahen mich erstaunt an. Und Kostja ... klopfte abseits sorgfältig den Schnee von seiner Hose ... Ich hielt es nicht aus, brach in Tränen aus — alle dachten, vor Freude — und rannte nach Hause.

Dann begannen, wie üblich, die Wettkämpfe zwischen den Schulen des Bezirks, der Stadt. Und obwohl wir zu zweit, Kostja und ich, unsere Schule vertraten, bemerkte er mich nach wie vor nicht.

Einmal rief mich die stellvertretende Schulleiterin und führte mich in den Wehrkunderaum. Kostja war schon dort. Wir stellten uns nebeneinander, man gab uns Gewehre in die Hand, und ein Korrespondent aus Moskau fotografierte uns.

Im Februar 1940 erschien unser Foto in der Zeitung „Pionerskaja Prawda" mit der Unterschrift „Schüler der Schule Nr. ... (unsere Nachnamen) bereiten sich auf die republikanischen Schützenwettkämpfe vor." Bald druckte auch die Lokalzeitung dieses Foto ab. Und die Briefe strömten in die Schule. Von überall her schrieb man! Aus Kasachstan und Weißrussland, aus Iwanowo und Tjumen, aus einem Kinderheim in der Ukraine. Jungen und Mädchen schrieben, die sich mit uns anfreunden wollten. Viele schickten eigene Zeichnungen, Stickereien. Für mich war jeder Brief ein Anlass, zu Kostja zu gehen, ihn in der Pause offen anzusprechen: Schließlich wusste die ganze Schule, was uns verband.

Im Sommer kam einer der Schreibenden, ein neunjähriger Junge, mit seiner Mutter zu Besuch zu uns. Da wurde ich vollends mutig: Ich lud Kostja zu mir ein.

Er kam stets frisch gebügelt, in seinem unveränderlichen weißen Hemd mit sorgfältig knapp über dem Ellbogen hochgekrempelten Ärmeln (so war es in jenen Jahren Mode). Als einziges Kind der Familie, angebetet von seinen Eltern und einer unverheirateten Tante, war er stets gepflegt und gut gekleidet.

Kostja spielte mit dem Jungen Schach, und ich saß daneben, wagte mich nicht zu rühren, spürte, wie mein Gesicht glühte, und wusste nicht, wohin mit meinen Händen, flocht die Fransen des Tischtuchs zu Zöpfchen.

Kostja wohnte in der Nachbarstraße, und seine Eltern stammten aus demselben Dorf wie meine Mama. Beides vergiftete mir das Leben. Wenn wir vom Gemüsegarten zurückkehrten, mit Hacken, Spaten, Körben, mussten wir an ihrem Haus vorbei, und Mama blieb oft stehen, um mit den Dorfleuten zu plaudern. Ich aber hatte stets Angst, er könnte mich in einem so unvorteilhaften Zustand sehen.

Und einmal geschah etwas, wonach ich bis zum Ende des Sommers Begegnungen mit Kostja mied, obwohl mir beim Anblick jedes weißen Hemdes das Herz aufsprang — Er!

...Am Morgen ging ich Petroleum holen. Im Kiosk gab es noch keins. Die Schlange zog sich über einen ganzen Häuserblock. Die Nummern schrieb man mit Tintenstift auf die Handfläche und mit Kreide auf die Petroleumkanister. Das Petroleum kam erst gegen Abend. Die von langem Warten in der Hitze erschöpften, verärgerten Menschen gerieten mit jenen, die sich vordrängelten, in Streit. Irgendwie gelang es mir, mich mit einer vollen Kanne Petroleum aus dem Gedränge zu befreien. Beim Hinausgehen stieß man mich, und das Petroleum spritzte mir über die Beine.

Und so — zerzaust, mit einer Wartenummer auf der Hand, mit einem von Petroleum bespritzten Rocksaum — traf ich Kostja. Elegant, lächelnd, Arm in Arm mit seiner Tante, auf dem Weg ins Theater. Am liebsten wäre ich im Boden versunken!

Ein neues Schuljahr begann, und die Sommererlebnisse verblassten ein wenig. Zwei Leidenschaften gab es in diesem Jahr an unserer Schule: das allgemeine Streben nach „Verwandtschaft" — das Spiel, sich gegenseitig zu Wahlbrüdern und -schwestern zu erklären — und der Theaterzirkel. „Regisseure" waren wir Schüler selbst. Ich wirkte in allen Aufführungen mit.

Auch ich bekam einen Wahlbruder und war stolz darauf. Freilich stellte sich bald heraus, dass ich nur ein Vorwand war: Ihm gefiel meine Freundin, der er die Hauptrolle im Stück übertrug, obwohl sie, blond und pummelig, meiner Ansicht nach überhaupt nicht für die Rolle einer Bergbewohnerin geeignet war.

In demselben Winter trat ich häufig im Stadtradio in Kindersendungen auf (manchmal zusammen mit echten Schauspielern), rezitierte Gedichte bei zahlreichen Wettbewerben und Olympiaden. All das gefiel mir sehr.

Mit Kostja entwickelte sich in diesem Jahr eine seltsame Beziehung. Er kam von sich aus zu mir, wir tauschten Bücher aus, besprachen sie. Manchmal kam er zu mir nach Hause, um Bücher zu holen, die ich mir von einer Nachbarin erbettelte und ihm überließ, ohne sie manchmal selbst zu Ende gelesen zu haben. Doch er behandelte mich ein wenig von oben herab. Ich erinnere mich, wie missbilligend er reagierte, als ich mir, ohne ihn zu fragen, einen „Bruder" zulegte. Und obwohl er mir nach wie vor gefiel, fand ich mich mit der Rolle der Behüteten ab.

Einmal, im Sommer, kam Kostja nicht wie sonst tagsüber, sondern abends und lud mich zu einem Spaziergang ein, was er noch nie zuvor getan hatte. Er wirkte so ungewöhnlich, dass ich erstarrte: Heute, gleich jetzt, würde er mir etwas Wichtiges sagen, genau das, worauf ich so lange gewartet hatte. Und tatsächlich begann er zu sprechen. Davon, dass ich ein tolles Mädchen sei, dass er mich sehr schätze, dass er wisse, dass auch ich ihm nicht gleichgültig sei (ich hörte zu, und alles in mir jubelte — endlich!), aber ... dass ich seinem engen Freund gefalle, der sich mit mir anfreunden wolle, und er, Kostja, als der Ältere, als mein Freund, mir rate, mich mit ihm zu treffen.

Ich schwieg verwirrt. Und er redete und redete weiter: „Er ist ein guter Junge, liest viel, mit ihm wird es dir nicht langweilig sein. Ich habe mein Wort gegeben, dich zu überreden, und wenn du nicht einwilligst, heißt das, dass du mich nicht achtest."

Er nannte den Namen des Freundes. Ich kannte Boris. Früher war er auf unsere Schule gegangen, doch seine Eltern waren gestorben, und Boris war auf ein Technikum gewechselt. Wir grüßten uns, wenn er seinen Onkel besuchte, der im Nachbarhaus zu meinem wohnte.

Ich willigte ein. Ich willigte ein, mit Boris zusammen zu sein, nur um zu beweisen: für Kostja war ich zu allem bereit. Aber wie gekränkt ich war!

Am nächsten Tag um 11 Uhr trafen wir uns, Boris und ich, am Ende der Allee. Auch er trug ein weißes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, aber alles war anders: nicht so schneeweiß das Hemd, nicht so gekonnt die Ärmel gekrempelt.

Schweigend gingen wir an den zu beiden Seiten des Boulevards sitzenden Menschen vorbei, die nur uns ansahen. Endlich erreichten wir die „Rennbahn" und betraten den Park. Dort fühlten wir uns schon etwas ungezwungener.

Es war sehr heiß, ich wollte etwas trinken, wagte aber nicht, zum Getränkekiosk zu gehen.

Dann fuhren wir mit einem Boot auf dem Teich in der Mitte des Parks. Und erst da wagte es Boris, mir eine Tüte mit fast geschmolzenen, aneinanderklebenden Kissenbonbons zu überreichen, die er den ganzen Tag in der Hand herumgetragen hatte. Ich wusste nicht, was ich damit tun sollte, und „vergaß" das aufgeweichte Tütchen im Boot.

Mit Boris war es tatsächlich interessant, und wir liefen bis fünf Uhr herum. Schließlich fiel mir erschrocken ein, dass es zu Hause Ärger geben würde wegen meiner langen Abwesenheit, und ich machte mich eilig auf den Heimweg.

Wieder gingen wir die Allee entlang. Doch im Laufe des Tages war etwas Merkwürdiges geschehen: Niemand saß mehr auf dem Boulevard, die Menschen standen in Gruppen unter den Lautsprechern und diskutierten aufgeregt über etwas.

Ich aber, froh darüber, dass niemand auf uns achtete, überlegte fieberhaft, wie ich zu Hause meine ganztägige Abwesenheit erklären sollte.

Als wir uns meinem Haus näherten, taten wir, ohne uns abzusprechen, so, als gingen wir jeder für sich — ich nach Hause, er zu seinem Onkel.

Und erst als ich den Hof betrat und die aufgeregten Nachbarn sah, die weinende, aus dem Dorf angereiste Tante, erfuhr ich: Krieg!

Angst ergriff mich! Der erste Gedanke — mein Bruder! Wo war Sascha? Um ein Uhr sollte er Lermontow-Gedichte im Radio vorlesen. Bis jetzt war er noch nicht da! Ich lief auf die Straße. Boris stand in einer Gruppe von Männern und sprach mit seinem Onkel. Als er mich sah, kam er, nun ohne jede Verstellung, auf mich zu. Als er erfuhr, dass ich Sascha suchen gehen wollte, wunderte er sich nicht, obwohl er wusste, dass mein Bruder viel älter war als ich, und ging mit mir.

Wir trafen Sascha auf der Brücke über den Terek. Ich stürzte zu ihm, drückte mich an ihn. Er streichelte mir über den Kopf, beruhigte mich, erzählte, dass alle Sendungen außer den Kriegsmeldungen abgesetzt worden waren. Als ich mich von meinem Bruder löste, war Boris nicht mehr da.

Ich habe Boris nie wiedergesehen... Ein paar Tage später meldete er sich freiwillig an die Front und fiel bald darauf.

Und am Ende des Jahres traten mehrere ältere Schüler unserer Schule in die Flugschule von Jeisk ein. Unter ihnen war auch Kostja.

Er schrieb mir drei Briefe aus Jeisk. Gute Briefe, zärtlich, ganz erwachsen. Er schrieb, er werde zurückkommen — und dann würde bei uns alles anders sein —, bat mich, ihm nicht böse zu sein und ihm zu verzeihen, ohne zu erklären, wofür.

Ich aber war ihm gar nicht böse. Wenn er nur am Leben blieb! Wenn er nur zurückkäme!

Doch er kam nicht zurück. Er kam nicht zurück, so wie auch Boris nicht, wie Ibragim, Wolodja, wie unser Physiklehrer nicht, wie mein leiblicher Bruder und drei Cousins, wie Tausende, Millionen anderer Brüder, Söhne, Geliebter.

Kostjas Flugzeug explodierte beim Start auf dem Flugplatz.

Seine Mutter war vor Trauer außer sich. Ich traf sie einige Jahre nach dem Krieg. Sie nahm mich mit zu sich nach Hause. Umarmte mich, weinte, zeigte mir Fotos von Kostja, Zeitungsausschnitte, auf denen wir gemeinsam zu sehen waren, und fragte immer wieder: „Du hast ihn doch geliebt, nicht wahr? Geliebt, geliebt, ich weiß es. Man konnte ihn gar nicht nicht lieben!"

Und dann, plötzlich, wurde sie verbittert und begann zu erzählen, wie ein Freund Kostjas gekommen war, um ihr Beileid auszusprechen, ebenfalls ein ehemaliger Schüler unserer Schule, vor dessen Augen Kostjas Flugzeug explodiert war. „Warum ist er gekommen? Wozu brauche ich ihn? Er lebt, und mein Sohn ist tot, niemand hat ihn gerettet!" Und so viel Böses lag in ihrem Gesicht, dass mir angst wurde.

Sie lud mich ein, wiederzukommen, doch ich brachte es nicht über mich. Ich war mir nicht sicher, dass sie mir nicht irgendwann auch sagen würde: „Wozu brauche ich dich? Mein Sohn ist nicht mehr, und du lebst, verheiratet mit einem anderen."

Zefira Butaeva.

Meine Buße

1944 kam ich nach Moskau, um zu studieren.

Verschlossen, ganz verkrampft, unsicher, selbst für die damalige Zeit schlecht gekleidet, kam ich in eine Gruppe, in der fast alle Moskauerinnen waren. Schweigend saß ich im Unterricht, sehnte mich nach zu Hause, nach meinem gefallenen Bruder. Und nach dem Unterricht — das berühmte Stromynka-Wohnheim mit seinen dunklen, übelriechenden Fluren, Ratten, Zimmern für 6-12 Personen, Gemeinschaftsküchen, in denen man sich anstellen musste, um einen Topf auf den Herd zu bekommen. Später wurde Stromynka für mich zu einem „Zuhause", und auch heute erinnere ich mich an viel Gutes daran. Damals aber wäre ich am liebsten zu Fuß nach Hause gegangen. Zu allem Übel hatte man mir in der Metro aus der Aktentasche den Geldbeutel gestohlen, mit Geld, Pass und Lebensmittelkarten für fast einen ganzen Monat.

Ich war verzweifelt. Was sollte ich tun? Ich konnte mein Leid ja nicht mit diesen selbstsicheren, wie mir schien, satten Mädchen teilen, deren Gespräche sich nur um die Eisbahn, ein Richter-Konzert, Jachontows Auftritte drehten. Was gingen sie meine Lebensmittelkarten an?

Nur mit einer teilte ich es. Auch sie war Moskauerin, obwohl ihr Nachname und Vorname (Natella) georgisch waren. Es zog mich zu diesem schönen, elegant gekleideten Mädchen mit den riesigen Augen und den Wimpern wie Fächer. Ich bemerkte, dass auch sie mich mit Wärme betrachtete.

Natella zeigte recht zurückhaltend Mitgefühl. Doch am Abend kam sie mit „humanitärer Hilfe", wie man es heute nennen würde, ins Wohnheim: zwei Broten, einem weißen und einem schwarzen, sowie einer bis Monatsende gültigen Lebensmittelkarte.

Nach langem Zureden willigte Natella ein, eine Tasse Tee zu trinken, lehnte aber ein zweites Stück Brot ab. Ich drängte nicht weiter, dachte, ein üppiges Abendessen erwarte sie zu Hause. Wie hätte ich ahnen können, dass sie ebenso hungrig war wie ich!

Bald lud mich Natella zu sich ein. Ihre Tante empfing uns und setzte uns sofort zum Essen. Und obwohl es nur eine wässrige Suppe und Hirsebrei gab, war der Tisch für mich ungewohnt förmlich gedeckt: mit Besteck, mit Tellerwechsel. Und in der Mitte des Tisches, auf einem mit einer Serviette bedeckten Teller, für jeden abgezählte Brotstücke. (Ich bemerkte, wie die Tante, mir den Rücken zukehrend, von jedem Stück etwas abschnitt, um eine Portion für mich zusammenzustellen.)

So kam ich in eine Familie, die mir nun schon seit 50 Jahren zur eigenen geworden ist. Beim ersten Mal fand ich es allerdings seltsam: im Haus ein Erwachsener und fünf Kinder, von denen sie nur eines „Mama" nannte, alle anderen — Ljalja.

Ich begann, sie oft zu besuchen, und nach der Wintersession zog ich fast ganz zu ihnen, nur gelegentlich im Wohnheim vorbeischauend. Und da erfuhr ich von einer solchen Tragödie, vor der mein eigener Kummer verblasste.

Jelena Solomonowna (Ljalja), die Tante meiner Freundin, war aus der Partei ausgeschlossen, all ihre Verwandten waren repressiert.

Natella war die Tochter ihrer älteren Schwester, einer ehemaligen Bakuer Untergrundkämpferin, verhaftet einen Monat nach der Verhaftung ihres Mannes, eines Mitglieds der georgischen Regierung.

Ira und Schurik waren die Kinder von Jelena Solomownas jüngerer Schwester, die als Frau eines „Volksfeindes", eines Professors der Universität Kasan, ihre Verbannung in Akmolinsk verbüßte. Nach der Verhaftung ihrer Eltern lebten Ira und Schurik bei ihrer Großmutter in Baku. Während des Krieges starb die Großmutter, die Kinder blieben allein, wurden buchstäblich zu Straßenkindern. Jelena Solomonowna gelang es unter großen Mühen, über ihren ehemaligen Schüler, den Polarforscher Papanin, Flugtickets zu bekommen, und brachte die Kinder zu sich.

Wowa war der Sohn von Jelena Solomownas zweitem Mann, einem bedeutenden Ökonomen, der 1937 verhaftet wurde.

Und schließlich Jelena Solomownas eigener Sohn aus erster Ehe — Jura, dessen Vater ebenfalls verhaftet worden war.

In derselben Wohnung lebten die Frau und die Tochter von Jelena Solomownas Bruder, der in Odessa repressiert worden war.

Auch mein Vater war 1937 verhaftet worden. Doch ich war fest überzeugt, dass er an nichts schuldig war, dass seine Verhaftung ein Zufall, ein Irrtum war. Aber hier ... So viele Zufälle konnte es doch nicht geben ... Also musste es einen Grund geben ... Ich gewann die ganze Familie sehr lieb, doch diese massenhaften Verhaftungen beunruhigten mich.

Einmal erzählte mir Jelena Solomonowna von Lenins „Testament". Ich glaubte es nicht. Innerlich zog sich alles in mir zusammen, wenn man respektlos über Stalin sprach. Ich vergötterte ihn doch. Ganz unheimlich wurde mir, wenn Natella, an Berijas Villa an der Ecke Spiridonowka und Gartenring vorbeigehend, fast laut sagte: „Pfui, dieser Mistkerl, hat sich hinter einem hohen Zaun verschanzt, Wachen aufgestellt!" Und sie erzählte unglaubliche Geschichten über Berijas betrunkene Orgien, die ihr aus der Zeit im Gedächtnis geblieben waren, als sie in Georgien Nachbarn gewesen waren.

Jelena Solomonowna, Dozentin für Politökonomie, aus der Partei ausgeschlossen und dazu noch Verfechterin der „Einhaltung der leninschen Normen", konnte sich an keinem Ort lange halten. Erstaunlich, dass man sie überhaupt auf freiem Fuß ließ! Und eine große Familie musste ernährt werden. Und manchmal auch noch ein bescheidenes Paket für die Schwester in Akmolinsk zusammenstellen.

Woher diese nicht sehr große, junge Frau (sie war um die vierzig, obwohl sie mir mit meinen 18 Jahren schon älter vorkam) so viel Kraft und Energie nahm — unbegreiflich.

Ich erinnere mich an die riesige, abgewetzte Aktentasche, von der sich Jelena Solomonowna nie trennte. Jeden Abend warteten wir ungeduldig auf ihre Rückkehr. Kein Tag verging, an dem die Tasche leer gewesen wäre. Mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln gelang es Jelena Solomonowna, in irgendeinem Spezialgeschäft die Karten einzulösen. Manchmal gelang es ihr, Brot für einen Tag im Voraus zu bekommen. Jeder Morgen begann mit der Sorge, wem man das geliehene Geld zurückgeben musste, bei wem man sich neues leihen konnte, um die Karten einzulösen.

Auch wir wurden in diese Kombinationen hineingezogen: Wir verkauften das uns auf Karten zustehende Weißbrot, um mehr Schwarzbrot zu kaufen. Manchmal gab man uns im Gewerkschaftskomitee Gutscheine für Kattun, den wir ebenfalls gegen Brot eintauschten.

Bei alledem war das Haus stets voller Menschen. Freunde, Bekannte, Bekannte von Bekannten und Freunden ... Und alle wurden an den Tisch gesetzt, alle wenigstens mit irgendetwas bewirtet, mit Tee versorgt. Und nun war ich es — ich hatte sich als die Genaueste im Augenmaß erwiesen! —, die das Brot nach der Anzahl der Esser schnitt.

Und wie viele Menschen versammelten sich zu Geburtstagen! Was für einen Vinaigrette-Salat man da machte! Und wie viel davon! Auf die Feste bereitete man sich lange im Voraus vor. Alle legten Geschenke zurück, sparten an irgendetwas.

1947 wurden die Lebensmittelkarten abgeschafft, das Leben wurde leichter.

Schenja, die Mutter von Ira und Schurik, kehrte aus der Verbannung zurück. Sie war so schön, so bezaubernd, dass man sie sich unmöglich in einer Gefängnisumgebung vorstellen konnte. Sie hatte kein Recht, sich in Moskau aufzuhalten. Sie musste sich ein Zimmer 150 Kilometer entfernt mieten, doch Schenja konnte es dort nicht aushalten. Sie sehnte sich so sehr nach den Kindern, die sie jahrelang nicht gesehen hatte, nach der Wärme und Geborgenheit des Zuhauses, dass sie, auf die Gefahr hin, erneut verbannt zu werden, fast die ganze Zeit in Moskau verbrachte. Wir vereinbarten ein geheimes Klopfzeichen, und wenn jemand Unbekanntes kam, versteckte sich Schenja im Kleiderschrank. Besonders fürchteten wir nächtliche Anrufe und Klopfzeichen, doch es ging immer gut aus.

1949 wurde Schenja erneut verbannt, diesmal nach Sibirien. In Sibirien verbrachte Schenja mehrere Jahre, bis sie schließlich endgültig nach Moskau zurückkehrte.

Mitte der 1950er Jahre wurde Jelena Solomonowna in die Partei wiederaufgenommen, erhielt eine Wohnung und begann, in ihrem Fach zu arbeiten. Alle ihre Schützlinge erlangten Berufe, kamen im Leben zurecht, die einen besser, die anderen schlechter. Nun hätte sie ein wenig ruhig leben können.

Doch ... 1965 kam Jelena Solomonowna bei einem Autounfall ums Leben.

Sie hatte mich zwei Wochen vor ihrem Tod besucht. Sie war voller Ideen, voller Pläne, erzählte begeistert von ihrer Arbeit, war ganz in Sorge darüber, wen sie wohin zur Erholung schicken sollte.

Mit Jelena Solomownas Tod lockerten sich die Bande zwischen den Mitgliedern dieser einst geeinten Familie. Von allen Verhafteten kehrte nur Schenja zurück. Wo die Gräber der anderen liegen — unbekannt. Natellas Mutter verschwand spurlos. Über ihren Vater ist bekannt, dass er nach bestialischen Misshandlungen in Berijas Gegenwart und unter dessen Beteiligung erschossen wurde. Erschossen wurden Schenjas Mann und zwei seiner Brüder. Erschossen wurden Jelena Solomownas Mann und Bruder. Ihre Namen werden heute in vielen Artikeln erwähnt, die den Opfern des „Personenkults" gewidmet sind.

Bei jedem meiner Moskau-Besuche versuche ich auch, Schenja zu besuchen. Und ich höre nicht auf, mich zu wundern, wie man sich eine solche Herzenswärme, Anteilnahme bewahren kann, ohne zu verbittern, ohne den Glauben an die Menschen zu verlieren. Und schön ist sie nach wie vor, obwohl sie schon über 80 ist!

Ich bin dem Schicksal, das mich mit dieser außergewöhnlichen Familie zusammengeführt hat, für immer dankbar. Oft denke ich nach: Wer wäre ich heute wohl, hätte es diese wunderbaren Menschen nicht in meinem Leben gegeben?

Und ich möchte verspätet Buße tun für jene lange zurückliegenden Gedanken, als ich an der Unschuld der Angehörigen meiner Natella zweifelte.

Zefira Butaeva.

Ohne Schuld schuldig

Ende der 1940er Jahre wurde der Mann meiner Tante, von Beruf Pädagoge, als Schulleiter in ein Dorf geschickt, in dem bis 1944 Inguschen gelebt hatten und in das man (ebenfalls zwangsweise!) Osseten angesiedelt hatte.

Man brachte die Familie des Schulleiters in einem der vielen leerstehenden Häuser unter, dem der Schule am nächsten gelegenen, samt den Resten bescheidener Möbel: einem Küchenschränkchen, einem niedrigen Tischchen, zwei Hockern. Bemerkenswert war der große, verwilderte Obstgarten am Haus: Kirschen, Pflaumen, Aprikosen, Apfelbäume.

Onkel betrachtete seine Berufung als vorübergehende Angelegenheit, daher wollte man sich auch nichts anschaffen. Man kaufte nur eine Kuh, hielt Hühner, pflanzte Gemüse. So lebten sie mehrere Jahre.

Eines Morgens ging die Tante früh hinaus, um die Kuh zu melken. Als sie zum Garten blickte, bemerkte sie durch den Morgendunst die Silhouette eines Menschen, der einen Baum umarmte. Nachdem er eine Weile so gestanden hatte, ging der Mann zum Nachbarbaum und presste sich auch an diesen.

Die Tante erschrak, hielt ihn für einen Verrückten. Sie lief ins Haus, weckte ihren Mann. Gemeinsam gingen sie zu dem Mann im Garten. Er löste sich vom Baum, sah die Herankommenden an. Tränen liefen ihm über die Wangen. Als er die Beunruhigung der Tante und ihres Mannes bemerkte, beruhigte er sie:

  • Habt keine Angst, ich bin nicht verrückt geworden. Das ist mein Haus, all diese Bäume habe ich selbst gepflanzt, und ich habe jahrelang von ihnen geträumt!

Man lud den Mann ins Haus ein, die Tante servierte das Frühstück auf dem niedrigen Tischchen. Er strich über den Tisch:

  • Den habe ich selbst gebaut.

Ohne einen Schluck Araka ging es natürlich nicht ab. Nach dem Getrunkenen ließ die Anspannung nach, und der Gast erzählte Einzelheiten — damals fast unbekannt — über den furchtbaren Weg und das Leben in der Fremde. Man hatte sie wie Vieh in Güterwaggons transportiert, fast ohne Essen und Wasser. Die meisten der Alten erreichten ihr Ziel nicht, und diejenigen, die es erreichten, hielten dem rauen Klima, der Losreißung von der heimatlichen Erde nicht stand. Kinder starben an Kälte und Unterernährung.

Heute ist darüber schon viel geschrieben worden, doch damals war die Tante erschüttert und erzählte mir alles mit Entsetzen weiter.

Als sich der Gast zum Gehen anschickte, bot ihm Onkel an, in seinem alten Haus zu bleiben, doch er rief aus:

  • Nein, nein! Ihr seid doch nicht schuld an dem, was man meinem Volk angetan hat! Man hat uns ein Grundstück zugeteilt, ein Darlehen gegeben, ich werde ein neues Haus bauen. Ich bin nur gekommen, um meine Bäume zu sehen!

Nie wieder tauchte der Inguschier im alten Haus auf.

Schon zuvor war es unbehaglich gewesen, auf der Asche eines fremden Lebens zu wohnen, doch nach der Begegnung mit dem eigentlichen Hausherrn wurde es geradezu unerträglich, und die Familie der Tante verließ das Dorf bald darauf.

Zefira Butaeva.

Briefe über die Vergangenheit

Guten Tag, Alexej!

Du hast mir vorgeworfen, ich hätte alles vergessen. Zu Unrecht. Ich kann einen „Erinnerungsabend" veranstalten. Wie man so sagt: „Davon habe ich einiges auf Lager."

Wie wir uns kennengelernt haben, weiß ich nicht mehr genau. Ich glaube, Nata und ich gingen den Stromynka-Korridor entlang, und ein lockig-leicht kahlköpfiger junger Mann lud uns ein, uns fotografieren zu lassen. Ihr beide, wie Ilf und Petrow, habt im Duo gearbeitet: Er lockte an, du hast fotografiert.

Danach — eine Lücke.

Aber ein paar Tage erinnere ich bis ins kleinste Detail.

Wir fuhren zusammen aufs Land. Am Tag zuvor warst du dort mit deiner Gruppe angehender Kunsthistoriker gewesen und wolltest auch mich mit den Schönheiten der Moskauer Umgebung bekanntmachen. Wir fuhren lange in einer überfüllten Elektritschka, aneinandergepresst. Dann besichtigten wir Ruinen. Es war wunderschön: der Boden übersät mit goldgrünen Blättern, die roten, halb zerfallenen Mauern von Kloster-Kirchen, beschienen von der untergehenden Sonne.

Du warst in gehobener Stimmung, erzähltest mir alles, erklärtest mir alles. Ich hatte nur sehr vage Vorstellungen von Architektur, deshalb war ich eine dankbare Zuhörerin.

Wir kehrten schon am Abend zurück. Aus irgendeinem Grund war außer uns niemand da. Wir gingen händchenhaltend zum Bahnhof, raschelten durch die Blätter und sangen laut (versuchten es zweistimmig): „Eh, dorogi, pyl da tuman…" [„Ach, Straßen, Staub und Nebel…"] Das Ende des Refrains, „und die Kugeln pfeifen", schafften wir nie — zu hoch — und wir lachten.

Es war warm — ich knöpfte meinen Mantel auf. Du bemerktest mein Kleid. Es war tatsächlich ein schönes Kleid: schwarz, eng anliegend, das Oberteil mit Perlen bestickt. Es stand mir sehr gut. Du warst so begeistert von dem Kleid, dass ich, verlegen geworden, gestand: Es war nicht meins. Ich hatte es mir für festliche Anlässe von einer Freundin geliehen. Ihr Vater hatte es ihr aus Deutschland mitgebracht. Du warst verblüfft, errötetest, fingst an, mich zu trösten, wischtest mir die Tränen ab.

Wir kamen erst spät in Moskau an, aber du ludest mich in die Cocktailhalle am Anfang der Gorki-Straße ein.

Das war das erste Restaurant meines Lebens — ich erinnere mich an jede Kleinigkeit. Wir tranken den Cocktail „Druschesski" [„Freundschaftlich"], aßen Gebäck.

Um Mitternacht, berauscht nicht so sehr vom Cocktail wie vom gemeinsam verbrachten Tag, erreichten wir Stromynka. Wir wollten nicht in die stickigen Wohnheimzimmer gehen. Wir saßen auf ein paar Baumstämmen im Hof, und du sprachst zum ersten Mal über deine Gefühle für mich. Danach standen wir noch lange am Fenster in jener geheimen Nische an der Biegung des Korridors — dem festen Treffpunkt aller Verliebten unseres Wohnheims.

Gut erinnere ich mich auch an einen weiteren Tag — meinen Geburtstag. Gefeiert wurde, wie immer, bei Nata. Alle wussten, mein Traum war ein französisches Baguette, der Länge nach aufgeschnitten und mit Butter bestrichen. Ich sah es sogar im Traum, wie ich es mit beiden Händen halte und esse, esse.

Als die Gäste sich versammelt hatten, überreichten mir Nata und ihr Bruder zwei mit Butter bestrichene französische Baguettes.

Wir setzten uns an den Tisch, als du mit einem Paket kamst. Wir wickelten es aus — darin ein Weißbrot, genauso der Länge nach aufgeschnitten und mit Butter bestrichen. Unter allgemeinem Gelächter schaffte ich nur ein Baguette zu essen. Als wir vom Tisch aufstanden, nahmst du mich beiseite und überreichtest mir das zweite Geschenk — ein Medaillon an einer Kupferkette. Ich erinnere mich an jedes Wort, das du dabei sagtest: „Ich weiß, du wirst noch viele Kostbarkeiten besitzen. Aber wirf dieses Medaillon nie weg. Es wird dich immer an mich erinnern."

Du hast dich geirrt, Aljoscha, ich bin keine Besitzerin von Kostbarkeiten geworden. Den ersten Ring schenkten mir meine Kinder, als ich fünfzig war. Aber das Medaillon habe ich bewahrt. Eine Zeit lang trug es meine Tochter, und jetzt liegt es in einem Schmuckkästchen, und tatsächlich, ich denke immer an dich dabei.

Gut erinnere ich mich auch an eine spätere Episode.

Lena (du erinnerst dich sicher an sie) und ich wollten in unser „Hof"-Kino, das „Orion", als du aus irgendeinem Grund bei uns im Zimmer vorbeikamst. Lena, wie immer, albernte herum, stichelte dich an. Auch ich flirtete unbekümmert, wohl wissend, dass du dich mit irgendeinem Mädchen triffst. Wir baten dich, uns bis zu unserer Rückkehr etwas Zärtliches zu schreiben. Als ich das Bett aufschlug, fand ich unter dem Kissen deinen Zettel mit dem einzigen Satz: „Versuch mich nicht ohne Not!"

Ich schämte mich — mein Geflirte war tatsächlich „ohne Not": genau damals war ich die Verlobte eines glänzenden Hauptmanns, eines Hörers der Artillerieakademie (daher auch deine Vorstellung, ich hätte einen Militär geheiratet).

Zum Glück entdeckte ich bald, dass mein Verlobter nur zwei Vorzüge hatte: Er hatte im Kaukasus gekämpft (sein Geschütz stand auf dem Dach eines Maiskombinats unweit meiner Heimatstadt) und er roch nicht nach den Stromynka-Korridoren — von ihm ging immer der Duft guter Toilettenseife aus.

Und so fand die Hochzeit nicht statt, was ich nie bereut habe, obwohl nicht alles in meinem Leben danach glücklich verlief.

Aber das ist schon eine andere Seite meines Lebens, die nichts mit dir zu tun hat.

Nun, für heute reicht es wohl.

Alles Gute für dich!

Grüße an deine Familie, falls sie von mir wissen.

P.S. Vielleicht habe ich etwas Überflüssiges geschrieben, woran du dich lieber nicht erinnern möchtest — dann verzeih mir.

Alexej!

Gestern habe ich dir eine Schilderung einiger (das ist noch nicht alles, was ich über uns weiß!) Bruchstücke der lange vergangenen Zeit geschickt, und heute kam dein Brief mit den Fotos.

Es wäre komisch, wenn ich sagen würde: „Du hast dich überhaupt nicht verändert!" So viele Jahre sind vergangen! Ich sage es anders: „Man erkennt dich wieder!" Du mit einem Glas! Feiert ihr etwas? Nach der Fülle auf dem Tisch zu urteilen, ist der Hunger, mit dem man uns so erschreckt, noch nicht eingetreten.

Was für ein liebes, jugendliches Gesicht deine Frau hat! Ich freue mich sehr über dein Wohlergehen.

Und besonderen Dank für das Foto von Kaissanbek. Ich kann meine Augen nicht von ihm abwenden. Was für eine Tragödie, dass er so früh gestorben ist.

Es freut mich, dass du so warmherzig über ihn schreibst. Er ist schon lange nicht mehr da, und doch spüren du und ich seinen Einfluss. (Kommt nicht auch dein Interesse am Kaukasus von ihm?)

Weißt du, ich habe erst kürzlich erfahren, warum Kaissanbek bei all seiner Bildung, seinem Verstand immer versuchte, im Schatten zu bleiben.

Einmal im Zug kam ich mit einem Mitreisenden ins Gespräch, einem Namensvetter von Kaissanbek. Es stellte sich heraus, dass Kaissanbeks Eltern entkulakisiert, nach Sibirien verbannt worden waren und dort umkamen. Er selbst floh von dort, zog umher, arbeitete hier und da. Beim Studieneintritt hat er das natürlich alles verschwiegen. Seine ständige Vorsicht wurde mir plötzlich verständlich. Mir hat er nichts davon erzählt, obwohl er mich wie eine Verwandte behandelte — wir stammten aus derselben Heimat. Hat er es dir anvertraut? Ihr habt doch mehrere Jahre im selben Zimmer gewohnt, wart befreundet.

Kann ich je vergessen, wie wir (du, Kaissanbek, Nata und ich) uns zu einem Treffen mit Simonow durchgekämpft haben? Welche Begeisterung herrschte in dem riesigen Saal! Und er, auf dem Höhepunkt seines Ruhms, groß, gutaussehend, „einer von uns", las seine Gedichte über den Krieg, über die Liebe, beantwortete alle Zettel, manche taktlos, las wieder, bis er heiser wurde und flehte, man möge ihn gehen lassen. Wir haben damals kaum noch die Metro erreicht.

Und bald darauf gingen wir zu einem weiteren Treffen. Diskutiert wurde Ehrenburgs Roman „Der Sturm". Derselbe riesige Saal, gefüllt mit Philologiestudenten, aber die Distanz — nicht nur die des Alters — zwischen dem Publikum und dem Autor war deutlich zu spüren. Der Roman gefiel vielen nicht, das wurde scharf gesagt.

Ehrenburg hörte herablassend zu, von der Höhe seiner Jahre, seines Wissens, seiner Erfahrung herab.

Für mich waren diese Begegnungen eine Berührung mit dem Erhabenen, dem Echten. Ebenso wie der Große Saal des Konservatoriums mit den Konzerten von Richter, Gilels. Das bleibt für ein ganzes Leben!

Für immer in Erinnerung geblieben ist mir auch die Erschütterung beim Vortrag von Jachontow. Ich weiß nicht mehr, was er außer dem „Graf Nulin" noch vortrug. Aber wie er vortrug!

Nach solchen Abenden dachte ich immer: „Was für ein Glück, dass ich in Moskau bin!"

Nur im Wohnheim gab es andere Konzerte. Weißt du, warum bei uns so oft Ljadowa und Panteleewa auftraten? Vielleicht standen sie unter der Schirmherrschaft unseres Klubs, so wie das Maly-Theater über der Universität?

Übrigens warteten wir auf Samstag und Sonntag nicht wegen der Konzerte, sondern wegen der Tänze. Danach zerstreute sich alles paarweise und man ging bis Mitternacht durch das riesige Karree der Stromynka-Korridore.

Oh, diese Tänze zum Grammofon! Wie viele Leute sich da drängten! Die Hälfte der Jungs tanzte gar nicht. Manche hatten es nicht mehr geschafft, es zu lernen, bevor sie in den Krieg zogen, manche schämten sich ihrer Verwundungen. Auf unserer Etage wohnte ein Junge, der, glaube ich, keinen einzigen Tanz verpasste. Er ging an zwei Krücken, saß immer in derselben Ecke. In seinen Augen lag so viel Sehnsucht, dass ich zu ihm gehen, bei ihm stehen, mit ihm sprechen, seine Hand nehmen wollte.

Nun, wie du Kaissanbek, der auch fast nie tanzte, und dann mich, zur Lesginka provoziert hast, kannst du nicht vergessen haben.

Man kündigte einen Preistanz an. Als die Lesginka aufspielte, sprangen einige Paare hervor und begannen, mit den Armen fuchtelnd, gleichmäßig hüpfend — Jungen wie Mädchen — zu „lesginken".

Die Jungs vom Kaukasus traten nicht in den Tanz ein, lächelten nur herablassend, abseits stehend.

Und plötzlich kam Kaissanbek zu mir — wie sich später herausstellte, auf deine Anregung hin — und sagte: „Tanzen wir?!" Das passte so gar nicht zum zurückhaltenden Kaissanbek, dass ich nicht ablehnen konnte, obwohl ich noch nie vor einer solchen Menschenmenge getanzt hatte.

Ich weiß nicht, wie es mir gelang, aber Kaissanbek tanzte wie ein würdevoller Mann, der seinen eigenen Wert kannte. Er versuchte nicht, sich auf die Zehenspitzen zu stellen, aber sein Tanz war erstaunlich leicht trotz seiner kräftigen Gestalt.

Offenbar war doch etwas an unserem Tanz dran (die Mädchen im Zimmer sagten, sie hätten kaukasischen Geist gespürt), denn im Kreis blieben nur Kaissanbek und ich sowie die Leiterin des Tanzzirkels mit ihrem festen Partner übrig. Natürlich tanzten sie professionell, ihnen fiel der Preis zu. Aber auch ohne Preis waren wir zufrieden — als wären wir für einen Moment zu Hause gewesen. Ich erinnere mich, wie froh Kaissanbeks Augen glänzten, die sonst so traurig waren.

Nun, nach solchen Briefen wagst du wohl kaum zu behaupten, ich hätte etwas vergessen? Und woran erinnerst du dich? Schreib mir.

P.S. Man gab mir das Buch von Raissa Maximowna „Ich hoffe…" zu lesen.

Ein paar Seiten darin handeln von Stromynka, aber natürlich ohne jegliche „Dummheiten": Tänze, Wohnheim-Korridorwinkel und dergleichen. Das ist auch verständlich — nicht das Niveau!

Aljoscha, hallo!

Du schweigst schon so lange. Bist du krank? Rackerst du dich ab, um dein täglich Brot zu verdienen? Höchstwahrscheinlich — die Arbeit unserer Post.

Irgendetwas hat meine Erinnerungen aufgewühlt. Eins hakt sich am anderen fest. Verschiedene Varianten laufen mir durch den Kopf: Wenn ich damals nicht so, sondern so gehandelt hätte, dann… Leider, oder vielleicht zum Glück, lässt sich nichts mehr ändern.

Sag mir, Aljoscha, kennst du das Schuldgefühl gegenüber den Nächsten?

Ich habe ein ständiges, mit den Jahren stärker werdendes Gefühl, dass ich meinen Angehörigen zu wenig Aufmerksamkeit schenke, überhaupt den guten Menschen, mit denen mich das Leben immer so beschenkt hat.

Es plagt mich das Gewissen, dass ich abgewinkt habe, wenn Mama zum zehnten Mal dieselben Geschichten erzählte. Was hätte es mich schon gekostet, ihr noch einmal zuzuhören? (Alles wiederholt sich. Jetzt sagen auch meine Kinder oft: „Mama, das hast du schon erzählt!" Und wie sehr wünsche ich mir, dass sie es später nicht so bereuen wie ich jetzt!)

Auch dem Vater gegenüber fühle ich Schuld. Zweimal habe ich mich gewissermaßen von ihm losgesagt: In meiner Autobiografie, bei der Bewerbung um einen Studienplatz und dann um eine Arbeitsstelle, schrieb ich, mein Vater sei 1937 einfach gestorben (obwohl auch so klar war: In jenen Jahren starb kaum jemand eines natürlichen Todes). Vielleicht sind meine beharrlichen Versuche der letzten drei Jahre, die Einzelheiten von Vaters Schicksal herauszufinden, eine Art Reinigung, eine Beruhigung des Gewissens?

Und ganz unverzeihlich ist, dass ich es erst viele Jahre später schaffte, zum Grab meines im Krieg gefallenen geliebten Bruders zu fahren — als das Grab schon nicht mehr zu finden war.

Es gibt noch viele kleinere Vergehen, die ich bereue.

Auch dir gegenüber, Aljoscha, muss ich mich schuldig bekennen. (Nata wird mir nie verzeihen, sollte sie je erfahren, dass ich unser so viele Jahre gehütetes Geheimnis verraten habe.)

Du weißt ja, was Nata für mich bedeutet. Die Freundschaft mit ihr über vierzig Jahre hinweg ist eines der Geschenke, mit denen das Leben mich bedacht hat (schön gesagt, nicht wahr?). Mir hatte es in der Cocktailhalle, in die du mich mitgenommen hast, so gut gefallen, und ich liebte Nata so sehr, und bei uns beiden war alles so gleich — es war einfach unerträglich, dass sie ohne dieses Vergnügen blieb. Aber was tun? Unsere Stipendien warfen wir in einen gemeinsamen Topf. Woher 160 Rubel nehmen (so viel hattest du bezahlt)? Und da half wieder einmal „das Unglück" — ich verlor erneut meine Lebensmittelkarten. Als du das erfuhrst, gabst du mir sofort deine zweite Karte (du hattest irgendeine Vergünstigungskarte).

Das war die einzige Chance, an Geld zu kommen.

Wir verkauften diese Karte auf dem Tischinski-Markt für 200 Rubel!

Noch am selben Abend machten Nata und ich uns auf zur Cocktailhalle. Der Portier musterte uns misstrauisch, fragte dann: „Mit wem seid ihr?" Nata, mit betont unabhängiger Miene, winkte in Richtung Saal: „Man erwartet uns!"

Wir setzten uns an denselben Tisch, bestellten dasselbe Gebäck, denselben Cocktail „Druschesski". Ich verging vor Scham. Und dann setzten sich noch zwei Männer an unseren Tisch. Zunächst schenkten sie uns keine Beachtung, sprachen über Wissenschaft, zeichneten irgendwelche Formeln, aber als sie getrunken hatten (offenbar etwas Stärkeres als unseren Cocktail), begannen sie, uns anzusprechen, und versuchten sogar, für uns zu bezahlen. Doch die Kellnerin, eine nicht mehr junge Frau, wies sie zurecht: „Die Mädchen sind selbst gekommen, sie zahlen auch selbst." Wie verbrüht flogen wir aus der Bar, den missbilligenden Blick des Portiers im Rücken spürend.

Ich hatte Nata an den Cocktail herangeführt, aber wie ärgerlich war es, dass jener erste, helle Eindruck verdorben war.

Verzeih uns, Aljoscha, den beiden törichten Liebhaberinnen des Nervenkitzels.

Jetzt werde ich auf deine Reaktion auf meine Botschaften warten.

P.S. So ein seltsamer Zufall. Gestern, nach dem Brief an dich, nahm ich Bölls Erzählungen zur Hand (ich mag sie sehr) und stieß auf eine Stelle, die mir früher nicht aufgefallen war: „Durch Schweigen bewahrst du fremde Erinnerungen, doch erlaubst du dir, sie in sentimentalen Worten aufzulösen, verblassen sie sogleich. Gib nur all diesen ‚Weißt du noch…' freien Lauf, und die Vergangenheit würde ihre Farbe verlieren."

Sollte Böll wirklich recht haben? Mir scheint eher, dass das Ausgesprochene heller wird. Ganz zu schweigen von der Erleichterung, die ich zum Beispiel nach jedem Brief an dich empfinde.

Was denkst du?

Zefira Butaeva.

Der Duft des Heimatwinds

In der Lücke zwischen den Häusern der Straße, in der ich bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr wohnte, ist bei klarem Wetter deutlich der Stolowaja-Berg (Tafelberg) zu sehen. Man hat das Gefühl, man müsse nur bis ans Ende der Straße gehen, um den Berg besteigen zu können.

Als ich meine Heimatstadt verließ, schien es mir lange in meiner Sehnsucht, als fehle mir gerade dieser Berg.

Erst jetzt, nach vielen Jahren, habe ich verstanden, was mir noch gefehlt hat.

...Im vergangenen Sommer war ich zu Besuch bei meiner Schwester. Ich konnte nicht schlafen und trat frühmorgens auf den Balkon hinaus.

Stille. Ein leichter Wind weht. Eine Art Erregung erfasste mich, mir wurde eng ums Herz. Ich verstand nicht einmal gleich, woran es lag.

Und plötzlich wurde es mir klar — der Duft des Windes! Der Wind war warm, roch aber gleichzeitig nach Schnee, nach Bergen und nach etwas Außergewöhnlichem, Unwiederholbarem! Nirgendwo, wo ich gewesen bin, hatte der Wind einen solchen Duft.

Also, „womit beginnt die Heimat"?

Ich weiß: für mich — mit dem Stolowaja-Berg und dem Duft des Heimatwinds.

Zefira Butaeva.

Kurze Freizeichen

Eine Erzählung

Beim Durchsehen der Glückwünsche zum 8. März stellte Saira fest, dass von Tamara Iwanowna wieder nichts gekommen war. Das passte so gar nicht zu der stets pflichtbewussten Tamara, die immer lange, ausführliche Briefe voller Familienneuigkeiten schickte, dass Saira unruhig wurde. Noch am selben Abend schrieb sie nach Isjum und drückte ihre Verwunderung und Sorge aus. Sie fand Tamaras letzten Brief — er war fast ein Jahr alt! Da hatte man sich versprochen, einander nie zu vergessen, schließlich hatten „Sie und ich dieselbe Krankheit, Sie und ich!"

***

Als Saira zufällig einen kleinen, festen Knoten an ihrem Körper entdeckte, dachte sie, sie habe sich wohl irgendwo gestoßen. Einen Monat später erkältete sie sich, der Husten wollte nicht vergehen, und sie bat die „Hausärztin" — eine Nachbarin, die auf demselben Treppenabsatz wohnte und die klaglos nicht nur das Treppenhaus, sondern das ganze Haus versorgte —, sie abzuhören: ob es wieder eine Lungenentzündung sei. Als Sofja Moisejewna die entkleidete Saira ansah, fragte sie erstaunt:

  • Und seit wann haben Sie das schon?
  • Ich weiß nicht. Ich habe es vor ein paar Wochen bemerkt.
  • Warum haben Sie sich nicht bei mir gezeigt?
  • Ich hatte keine Zeit, Sie wegen solcher Kleinigkeiten zu behelligen!

Nachdem sie Saira abgehört hatte, sagte Sofja Moisejewna:

  • Die Lunge ist sauber. Aber morgen zeigen Sie sich unbedingt einem Chirurgen.
  • Nun, sagen wir, morgen habe ich andere Dinge zu tun. Ich gehe schon noch irgendwann.
  • Nein, nicht irgendwann, sondern morgen oder übermorgen!
  • Ich gehe ja, ich gehe. Machen Sie sich nur keine Sorgen!

Aber nichts tat weh, vor dem Chirurgen standen immer lange Schlangen, und weder morgen noch übermorgen ging Saira zum Arzt.

Am dritten Tag kam die Nachbarin selbst zu ihr.

  • Was hat der Chirurg gesagt?
  • Ich war noch nicht bei ihm.
  • Sie wundern mich. Ich will Ihnen keine Angst machen, aber wie kann man mit seiner Gesundheit so leichtfertig umgehen? Sie sind doch eine gebildete Frau!
  • Also gut! Ich verspreche es. Morgen gehe ich, ganz bestimmt.

Und am nächsten Tag machte sich Saira auf zur Poliklinik, wohl wissend, dass Sofja, die nach dem Grundsatz „lieber einmal zu viel nachsehen, als etwas übersehen" lebte, ihr sonst ohnehin keine Ruhe lassen würde. Nach der Untersuchung schickte der Chirurg sie ins Nebenzimmer, wo gerade ein Onkologe Sprechstunde hatte.

  • Lassen Sie sich vom Onkologen beraten.

Der Onkologe, mit einer Miene, die ihr wie Widerwillen vorkam, berührte sie kaum und presste durch die Zähne:

  • Ich finde nichts Beunruhigendes. Die Geschwulst kann sich zurückbilden. Wir beobachten das. Kommen Sie in zwei, drei Monaten wieder.

Am Abend erschien Saira bei Sofja Moisejewna.

  • Ich melde: War nicht nur beim Chirurgen, sondern auch beim Onkologen. Nichts Beunruhigendes. Man muss abwarten.
  • Worauf?
  • Vielleicht bildet sie sich ja zurück.
  • Und wenn nicht? Das geht nicht. Es gibt nichts abzuwarten. Morgen habe ich Frühschicht, Sie kommen mit mir. Ich zeige Sie dem Onkologen unserer Poliklinik.

In solchen Fällen mit Sofja zu streiten, hatte keinen Sinn, und am nächsten Morgen stand Saira wieder vor einer Onkologin. Die betastete lange den angeschwollenen Knoten und sagte schließlich:

  • Keine Sorge, ich bin überzeugt, dass die Geschwulst gutartig ist, aber man sollte sie trotzdem nicht mit sich herumtragen. Hier eine Überweisung für die Untersuchungen und für das regionale Onkologiezentrum. Zögern Sie nicht, sobald die Ergebnisse da sind, fahren Sie hin und lassen Sie sich in die Warteliste eintragen. Diese Operation ist ganz einfach, in ein paar Tagen sind Sie wieder zu Hause.

Eine Woche später fuhr Saira ins Krankenhaus.

Das Onkologiezentrum lag am Stadtrand, dort, wo der Stadtpark in den Wald übergeht. Die Gegend heißt deshalb Lessopark — „Waldpark". Es ist die grünste Ecke der Stadt. Die Gebäude des Zentrums sind von ziemlich dichtem Baumbestand umgeben, durchzogen von Alleen und zahllosen Pfaden.

Saira kannte jeden dieser Pfade genau: Sie hatte zwanzig Jahre in der Nähe gewohnt. Sie war sie alle abgelaufen, als sie ihre Kleinen spazieren führte. Als sie nach der Heirat ihres Sohnes Alan die Wohnung getauscht hatte, ging sie trotzdem noch zweimal täglich einen dieser Pfade entlang, denn das Werk „Dserschinez", in dessen Konstruktionsbüro sie achtundzwanzig Jahre lang gearbeitet hatte, lag ganz in der Nähe. Auf dem Weg zur Arbeit und zurück begegnete Saira oft spazierenden Patienten und versuchte, den Blick abzuwenden, weil sie in jedem von ihnen einen Todgeweihten vermutete. Besonders unangenehm war es ihr, an dem düsteren eingeschossigen Gebäude mit dem Schild „Pension des Onkologiezentrums" vorbeizugehen. Im Sommer saßen dort am Eingang auf einer Bank immer abgezehrte Menschen, und ihr schien, als brächte man hierher jene, die ihre letzten Tage verbrachten.

An einem Wintermorgen ging Saira zum Krankenhaus und versuchte, nicht an das Bevorstehende zu denken — bis zur Operation war ja noch Zeit! Und heute schien die Sonne, der Schnee knirschte unter den Füßen, die Bäume waren märchenhaft schön unter ihren Schneehauben!

Im Wartezimmer warteten mehrere Frauen mit ihren Sachen. Saira erkundigte sich, wie lange sie schon angemeldet seien.

  • Ich seit drei Wochen, - sagte eine von ihnen.
  • Und ich seit einem Monat, - fügte eine zweite hinzu.

Ihr wurde ganz ruhig zumute: ein paar Wochen lang musste sie nicht an diese unangenehme Sache denken.

Eine Schwester füllte die Krankengeschichte aus und hieß sie, auf den Abteilungsleiter zu warten, der den Aufnahmetag festlegen sollte. Bald kam der Abteilungsleiter — ein großer, gut aussehender Mann.

Als sie sich auszog, empfand Saira Verlegenheit. Irgendwie dachte sie: Wie unangenehm muss es für einen so blühenden Mann sein, einen nicht mehr jungen Körper mit schon schlaffen Muskeln zu untersuchen. Und gleich darauf ertappte sie sich: „Was denke ich da? Er ist doch Arzt."

Er untersuchte sie lange, tastete schmerzhaft die Verhärtung ab. Auch Saira selbst sah jetzt, wie sehr die Geschwulst gewachsen war. Schließlich fragte der Arzt:

  • Sind Sie mit Ihren Sachen gekommen?
  • Nein. Man hatte mir gesagt, dass Sie eine Warteliste haben.
  • Wo wohnen Sie? In der Stadt?

Saira nannte ihre Adresse.

  • Wir nehmen bis zwölf Uhr Patienten auf. Sie schaffen es, Ihre Sachen zu holen. — Und, als er ihr angespanntes Gesicht bemerkte, fügte er hinzu: — Heute wird ein Platz im ersten Zimmer frei. Stationsarzt ist Wladimir Leonidowitsch Dubowoi, Kandidat der Wissenschaften. Ein sehr erfahrener Chirurg. Und regen Sie sich nicht auf, alles wird gut. Gehen Sie, und kommen Sie unbedingt noch heute zurück.

Saira ging denselben Pfad zur Straßenbahnhaltestelle entlang, nahm aber schon nichts mehr um sich herum wahr.

Sie musste ihre Gedanken sammeln! Jemand musste sie begleiten, um die Sachen zu holen. Sie hatte ihrem Sohn nichts von ihrem Leiden erzählt — Alan war ohnehin auf Dienstreise —, auch nicht seiner Frau Ljuda, die jetzt bei der Arbeit war. Ihre Tochter Fatima hatte einen Säugling, bei dem sie niemand zurücklassen konnte. Der Schwiegersohn Serjoscha war auch bei der Arbeit. Aber es gab ja die „rettende Hand" — Lara, ihre langjährige Freundin. Sie würde sie begleiten. Was sollte sie mitnehmen? Morgenmantel, Hausschuhe, Zahnbürste, Zahnpasta. Nicht die Zeitschrift vergessen — gerade war das neue Heft von „Nowy Mir" gekommen.

Bis sie zu Hause ankam, hatte Saira sich wieder gefasst.

  • Weißt du, Fatima, zufällig ist ein Platz frei geworden, deshalb muss ich heute noch aufgenommen werden, - teilte sie ihrer Tochter ruhig mit. - Pack mir alles Nötige zusammen, ich rufe inzwischen Lara an.

Nach der Hektik zu urteilen, mit der Fatima sich zu schaffen machte, ließ sie sich von der aufgesetzten Heiterkeit ihrer Mutter kaum täuschen. Als Saira die Tasche aus Fatimas Händen nahm, streckte sie sich ihrer Tochter entgegen, doch als sie deren blasses Gesicht sah, begriff sie: Würden sie sich umarmen, würden beide in Tränen ausbrechen. Also winkte sie nur ab:

  • Bis dann!

Sie schafften es noch rechtzeitig vor Ende der Aufnahmezeit. Lara nahm die Sachen. Saira ging zur Station. Die diensthabende Schwester brachte die Krankengeschichte ins Ärztezimmer und setzte sie auf einen Hocker neben dem ersten Zimmer.

  • Warten Sie, bis das Bett gerichtet ist.

Und sie wartete... eine halbe Stunde, eine Stunde… Niemand beachtete sie.

Auf der Station geschah irgendetwas. Alle liefen hin und her, telefonierten irgendwohin. Vom Flimmern der weißen Kittel wurde ihr schwindelig. Saira wandte sich seitlich von der Hektik ab und beobachtete einen Mann und eine Frau, die am Fenster am Ende des Korridors standen.

Eine kleine, hübsche Frau im Krankenhausmantel redete ununterbrochen und lachte laut, ganz offensichtlich kokettierend. Der Mann — groß, dunkelhäutig, gut gekleidet — schwieg fast, lächelte nur. Saira begann zu rätseln: was waren sie füreinander? Mann und Frau — unmöglich: sie ging auf die fünfzig zu, er war höchstens dreißig. Mutter und Sohn — auch das passte nicht: sie sah typisch russisch aus, er war Ausländer, wahrscheinlich Araber. Schließlich verabschiedeten sie sich. Der Mann reichte ihr eine Tüte mit Orangen und Saft, sie winkte ihm zu und ging in das Zimmer, neben dem Saira saß.

In diesem Moment öffnete sich die Tür, aus dem gegenüberliegenden Zimmer kamen ein Arzt und eine Krankenschwester heraus, zwei Pfleger fuhren eine mit einem Laken bedeckte Trage hinaus. Mit einer Hand an der Trage ging eine weinende Frau daneben her. Die Zimmertür blieb offen. Das Zimmer war winzig, nur ein Bett. An der Wand lehnte eine zusammengeklappte Liege.

Saira begriff: Jemand war gestorben. Ihr wurde unheimlich zumute. Sie wollte sofort weglaufen, nach Hause laufen, zu den vertrauten Gesichtern. Jemand berührte ihre Schulter. Sie zuckte zusammen. Die Frau, die eben noch am Fenster gestanden hatte, sah sie mit einem sanften Lächeln an.

  • Warum sitzen Sie hier? Sie sind wohl neu in unserem Zimmer? Dann kommen Sie doch herein. Das Bett an der Tür ist frei, die Wäsche wurde schon heute Morgen gewechselt. Auf der Station ist heute ein schwerer Tag. Haben Sie es gesehen? Deshalb hat man Sie vergessen. Legen Sie Ihre Sachen ab, und kommen Sie mit in die Kantine, es ist Mittagszeit.

Essen wollte sie eigentlich nicht, aber Saira war es leid, zu sitzen, und es war ihr unangenehm, dieser freundlichen Frau mit der sanften Stimme nicht zu folgen. In der Kantine kümmerte sich die Frau um sie wie eine alteingesessene Patientin, obwohl sich herausstellte, dass sie selbst erst seit zwei Tagen im Krankenhaus war.

  • Ich heiße Tamara Iwanowna. Und Sie?
  • Saira Kasbekowna.
  • Sie kommen wohl aus dem Kaukasus? Ich dachte, Sie wären Jüdin.
  • Ich bin Ossetin.
  • Wie interessant! Ich habe noch nie eine Ossetin kennengelernt. Georgier, Armenier, Aserbaidschaner habe ich schon getroffen, aber Osseten — nie.
  • Nun, dann haben Sie jetzt Glück gehabt. Auch wenn es besser gewesen wäre, wir hätten uns an einem anderen Ort kennengelernt…
  • Ach, das ist nicht schlimm. Sie haben wahrscheinlich dasselbe wie ich. In einer Woche sind wir wieder zu Hause. Operation ist nur so ein großes Wort. Ich bin Krankenschwester, Sie können mir glauben.

Nach dem Mittagessen lernte Saira auch die übrigen Bewohnerinnen des Zimmers kennen, und bis zum Abend wusste sie fast alles über jede von ihnen. Es ist längst bekannt, dass man sich im Krankenhaus, wie auch im Zug, schnell kennenlernt und bereitwillig von sich erzählt.

In dem kleinen Zimmer standen sechs Betten mit dazwischengezwängten Nachttischen. Man konnte nur seitwärts hindurchgehen. Am Fenster lag Nadja, eine ungepflegt wirkende Frau, aus irgendeinem Grund ungekämmt. Sie wirkte nicht ganz normal im Kopf und sprach mit niemandem. Tamara Iwanowna, die dank ihres gemeinsamen Berufs schon Bekanntschaften mit den Schwestern geschlossen hatte, flüsterte Saira zu, Nadja sei schon vor einem Monat operiert worden, werde aber aus irgendeinem Grund nicht entlassen. Einmal in der Woche kam ihr Mann aus dem Bezirk, rief, ohne das Zimmer zu betreten, den Arzt heraus, sprach lange mit ihm, huschte dann für eine Minute zu seiner Frau, ließ ihr eine große Tasche mit Lebensmitteln da und fuhr wieder. Sie aß unaufhörlich — sowohl das Krankenhausessen als auch das, was ihr Mann mitgebracht hatte. Für alle war es ein Rätsel, warum man sie nicht entließ. Patienten sind ja gerissen und wissen nicht schlechter als die Ärzte, wen man wann entlassen sollte.

Auf dem Bett gegenüber lag Ljubow Wassiljewna, eine nicht mehr junge, blasse Frau, die man einen Tag vor Sairas Ankunft aus der postoperativen Station verlegt hatte. Sie hatte einen Monat lang eine Strahlentherapie durchgemacht, die Operation schwer überstanden und strahlte jetzt still vor sich hin im Bewusstsein, dass alles vorbei war.

Tamara Iwanownas Bett stand dicht an Sairas, und sie hatten einen gemeinsamen Nachttisch für beide. Tamara Iwanowna lebte in Isjum mit ihrem Mann und einer kleinen Enkelin, deren Mutter — Tamaras jüngere Tochter — irgendwohin gefahren war, um Geld zu verdienen. Die ältere Tochter hatte einen Syrer geheiratet. Der war jetzt zu einem Praktikum gekommen, und da seine Frau an ihren kleinen Sohn gebunden war, besuchte Amin seine Schwiegermutter jeden Tag.

Schon am ersten Tag erfuhr Saira alles oder fast alles über ihren behandelnden Arzt Wladimir Leonidowitsch. Er galt als der beste Chirurg der Abteilung. Er war um die fünfzig, Junggeselle, wortkarg, gegenüber den Patienten sehr förmlich, weshalb man ihn ein wenig fürchtete, und pünktlich. Er lebte mit seiner Mutter außerhalb der Stadt. Er hatte einen alten „Moskwitsch". Er liebte die Jagd, das Angeln, das Pilzesammeln. Es war unbegreiflich, woher die Patientinnen solche Einzelheiten wussten! Nur eines blieb ein Geheimnis: warum Wladimir Leonidowitsch keine Frau hatte — hatte er sie verlassen, hatte sie ihn verlassen, war es unerwiderte Liebe?

Am Morgen weckte sie eine Schwester, um Fieber zu messen und Blut abzunehmen. Und wozu hatte man das alles schon in der Poliklinik machen müssen, wenn sich hier alles wiederholte?

Punkt neun Uhr schaute eine Schwester ins Zimmer:

  • Die Neue, ins Ärztezimmer!

Am Schreibtisch im Ärztezimmer saß der Arzt, über den Saira schon so viel wusste. Ein kräftiger, jugendlich wirkender Mann. Vor ihm lagen mehrere Krankengeschichten.

  • Setzen Sie sich. Wer sind Sie?
  • Kulajewa.
  • Saira Kasbekowna? — in seiner Stimme lag Verwunderung. — Ossetin?
  • Ja.
  • Und was hat Sie in die Ukraine verschlagen? Sind Sie schon lange hier?
  • Etwa dreißig Jahre. Ich habe hier am Institut studiert und bin einfach geblieben.
  • Nun, ziehen Sie sich aus, ich untersuche Sie.

Nach der Untersuchung sprach er plötzlich von etwas ganz anderem:

  • Ich habe einen ossetischen Freund, wir haben uns allerdings lange nicht gesehen. Auch Chirurg. Gibisow. Vielleicht haben Sie von ihm gehört?
  • Aber natürlich! Er ist doch der „Patriarch" der hiesigen Osseten.
  • Ein guter Mensch, er hat mir viel Gutes getan... Ziehen Sie sich wieder an. Übermorgen operieren wir.
  • Wie, so schnell? — erschrak Saira.
  • Warum denn „so schnell"? Nicht sofort, sondern übermorgen. Wovor haben Sie denn Angst? Alles wird gut.

Vor der Tür des Ärztezimmers wartete Tamara Iwanowna auf sie.

  • Ich habe Ihre Tasse und Ihren Löffel mitgenommen. Kommen Sie, wir frühstücken, und Sie erzählen mir alles. Wann ist die Operation?
  • Übermorgen.
  • Meine ist morgen. Sie sind ja ganz blass geworden! Haben Sie keine Angst! Nun, wie gefällt Ihnen unser Doktor? Ziemlich mürrisch, nicht wahr? Sagt kein Wort zu viel.
  • Nein, eigentlich nicht, so kam er mir nicht vor.

Der Tag verging erstaunlich schnell. Alle hatten viel Besuch. Tagsüber kam der aufgeregte Alan angelaufen, gerade von seiner Dienstreise zurück. Nach der Arbeit brachte seine Frau Ljuda allerlei Leckereien — sie war eine große Meisterin im Backen. Ganz spät am Abend schob sich der kurzgeschorene Kopf von Fatimas Mann Serjoscha durch die Tür:

  • Saira Kasbekowna! Hallo! Wo sind Sie? Wie geht es Ihnen?

Ljubow Wassiljewna lag weinend da: ihr Sohn war wieder etwas angetrunken gekommen, hatte etwas Unzusammenhängendes gemurmelt, wollte sie umarmen. Als er gegangen war, setzte sich Saira zu Ljubow Wassiljewna und versuchte, sie zu beruhigen, doch sie weinte weiter:

  • Nicht die Krankheit wird mich ins Grab bringen, sondern mein eigener Sohn. Seine Frau hält es schon nicht mehr aus, sie will die Kinder nehmen und gehen. Dann wird er vollends zugrunde gehen!

Womit hätte Saira sie trösten können?

Allmählich wurde es im Zimmer still. Nur aus der Ecke war das Rascheln von Tüten und Schmatzen zu hören: Der Mann der zerzausten Nadja war gekommen und hatte ein großes Paket mit allerlei Essen mitgebracht.

Am nächsten Tag wurde Tamara Iwanowna operiert. Sie war nur eine Stunde weg. Eine Schwester brachte sie zurück. Tamara lächelte, obwohl sie merklich blass geworden war. Sie sagte, sie habe überhaupt keine Schmerzen gespürt.

Saira fiel ein Stein vom Herzen. Tatsächlich, alles ging schnell und einfach. Wie gut, dass sie nicht erlaubt hatte, ihre Schwester Asa anzurufen — das hätte sie nur unnötig aufgeschreckt. Asa geriet ohnehin schon wegen jeder Kleinigkeit in Unruhe. Saira liebte Asa sehr und erinnerte sich immer daran, wie sehr ihre Schwester ihr geholfen hatte, bevor die Kinder auf eigenen Beinen standen.

Zu Lebzeiten der Mutter zeigten die Schwestern ihre Gefühle füreinander irgendwie nicht sehr offen. Einmal, kurz vor ihrem Tod, rief die Mutter sie sogar an ihr Bett und bat:

  • Ich beschwöre euch bei Gott: Wenn ich nicht mehr bin, bleibt ihr nur noch zu zweit auf der Welt. Entfremdet euch nicht voneinander!

Jeden Sommer fuhr Saira zu Besuch zu Asa. Schon am ersten Tag gingen sie auf den Friedhof, umarmten sich fest und standen am Grab der Mutter, als wollten sie zeigen, dass sie das Vermächtnis der Mutter erfüllt hatten — sich nicht entfremdet zu haben. Mit den Jahren wurden sie fürsorglicher zueinander, das kleinste Unwohlsein der einen löste bei der anderen endlose Anrufe und die Suche nach Medikamenten aus.

Den ganzen Tag über kümmerte sich Saira um Tamara und Ljubow Wassiljewna. Die Geschäftigkeit lenkte sie von den Gedanken an die bevorstehende Operation ab.

Am nächsten Morgen kam eine Schwester aus dem Operationssaal, um sie zu holen.

  • Kommen Sie, Sie sind die Erste. Das ist besser so.

Alle wünschten ihr „Hals- und Beinbruch", und die schon erholte Tamara Iwanowna begleitete sie bis zur Tür des Operationssaals. Saira blieb ruhig, bis sie den Operationssaal betrat — ganz mit weißen Kacheln ausgekleidet, mit einer riesigen Lampe über dem Tisch. Doch als sie Wladimir Leonidowitschs strenge Augen über der Mundbinde sah, die lange dunkle Wachstuchschürze über dem weißen Kittel, die erhobenen Hände in Gummihandschuhen, und das Klirren der Instrumente hörte, die die Schwester zurechtlegte, begriff sie: Auch wenn man ihr versichert hatte, alles sei ganz einfach, war dies eine echte Operation. Und Saira bemerkte, wie wenig Dubowoi sich selbst glich. Wohin war seine sonstige Bedächtigkeit verschwunden! Schnell, konzentriert, wirkte er plötzlich jünger.

  • Na, na, Kulajewa. Nicht nervös werden, legen Sie sich ruhig hin.

Saira legte sich auf den Operationstisch. Etwa zwanzig Minuten später war alles vorbei. Die ganze Zeit über redete Wladimir Leonidowitsch mit ihr. Er fragte nach ihrer Ausbildung, ihrer Arbeit, ihrer Familie. Das lenkte von dem unangenehmen Gefühl ab, dass in ihrem eigenen Körper herumhantiert wurde. Schmerzen gab es überhaupt keine. Nur einmal warnte der Chirurg sie:

  • Jetzt wird es kurz etwas wehtun, halten Sie durch. So, das war's schon. Können Sie allein gehen? Schwester, begleiten Sie sie besser bis zum Zimmer.

Im Zimmer gab es eine Neuigkeit: einen kleinen Fernseher, den Amin für Tamara Iwanowna mitgebracht hatte. Alle sahen sich den Zeichentrickfilm „Mowgli" an. Saira betrat das Zimmer gerade in dem Moment, als Mowgli seinen berühmten Satz sprach: „Du und ich sind von demselben Blut, du und ich." Froh, dass alles hinter ihr lag, rief Saira aus:

  • Da bin ich wieder! Sie und ich haben dieselbe Krankheit, Sie und ich!

Alle lachten.

Donnerstags fand auf der Station die Professorenvisite statt. Als eine ganze Schar Ärzte ins Zimmer strömte und jeden freien Raum füllte, konnte Saira unter ihnen kaum den alten Professor ausmachen. Zunächst dachte sie, er sei nur eine Art „Ehrengast", doch offenbar irrte sie sich: Man hörte den Worten des Professors aufmerksam zu, und es war deutlich, dass das nicht nur aus Höflichkeit geschah.

An Sairas Bett hielten sie sich nicht lange auf. Wladimir Leonidowitsch sagte nur:

  • Sektorale Resektion. Alles in Ordnung. In etwa zwei Tagen zur Entlassung.

Ljubow Wassiljewna wurde vom Professor untersucht. Er riet ihr, mehr zu laufen und spezielle Übungen zu machen, um den Arm zu trainieren. Zu Nadja gingen sie gar nicht erst hin, der Professor lächelte ihr nur zu wie einer alten Bekannten und fragte:

  • Ist bei Ihnen alles in Ordnung?

Nadja nickte freudig mit dem Kopf.

Schließlich Tamara Iwanownas Bett.

  • Die Operation war sektoral, aber optisch... — Wladimir Leonidowitsch begann in Fachausdrücken zu sprechen. — Morgen bekommen wir die Ergebnisse, dann wird alles klar sein.

Tamara wurde unruhig, aber der Professor legte ihr die Hand auf die Schulter und sagte sanft:

  • Na, na, warum machen Sie sich Sorgen. Alles wird gut.

Zwei Tage lang herrschte Friede und Ruhe im Zimmer. Ljubow Wassiljewna stand auf und lebte auf: Ihr Sohn war nüchtern zu Besuch gekommen. Zu Tamara Iwanowna kamen ihr Mann und ihre Tochter. Nacheinander kamen auch alle Angehörigen zu Saira. Saira und Tamara tauschten Adressen und Telefonnummern aus. Nach ihrer Rechnung sollte Tamara am Freitag entlassen werden, Saira am Samstag.

Am Freitagmittag wurde Tamara Iwanowna ins Ärztezimmer gerufen. Eine halbe Stunde später kam sie zurück, bleich, von Schluchzen geschüttelt, und sank auf ihr Bett. Saira lief zu ihr, brachte sie dazu, Wasser zu trinken, und begann sie auszufragen.

  • Der Befund ist da. Schlecht. Ich muss eine radikale Operation machen lassen… Ich muss bestrahlt werden… Und ich hatte doch schon gesagt, man solle mir meine Sachen bringen! — sagte Tamara unter Tränen.

Saira versuchte, sie zu trösten, obwohl sie selbst merkte, dass sie nur Plattitüden von sich gab. Ljubow Wassiljewna kam hinzu, ihre Worte waren natürlich überzeugender.

  • Tamara Iwanowna, schauen Sie mich doch an. Ich wurde bestrahlt, habe die Operation überstanden. Und? Ich lebe, wie Sie sehen. Meine Schwester hatte vor zwanzig Jahren so eine Operation, keinerlei Folgen. Und die Großmutter meiner Nachbarin ist mit achtzig gestorben, nachdem sie fünfunddreißig Jahre nach so einer Operation gelebt hatte.

Wie oft hatte Saira in den Jahren nach ihrer eigenen Operation solche Sätze gehört! Jeder, der von der Krankheit erfuhr, begann sich an nahe und entfernte Bekannte zu erinnern, die genau so eine Operation durchgemacht hatten und danach noch viele Jahre lebten oder gelebt hatten. Alle sprachen in bester Absicht, aber ihnen war nicht bewusst, wie wenig das jemanden tröstet, über dem eine schreckliche Krankheit hängt.

Den Rest des Tages blieben Saira und Ljubow Wassiljewna bei Tamara. Sie fasste sich ein wenig, begann sich um ihre Enkelin zu sorgen, die in ihrer Obhut war. Sie rief Amin an und sagte ihm, ohne am Telefon ins Detail zu gehen, dass er die Sachen nicht bringen müsse. Aber Tamara schlief offenbar erst gegen Morgen ein. Saira wachte mehrmals auf: Tamara lief im Zimmer umher und stieß im Dunkeln manchmal an ihr Bett.

In dieser Nacht fiel so viel Schnee, wie den ganzen restlichen Winter über nicht gefallen war. Der Schnee reichte fast bis zur Fensterbank des Zimmers. Alan, der vor der Arbeit bei Saira vorbeischaute, erzählte, der Verkehr sei zum Erliegen gekommen, alle seien von der Arbeit abgezogen und zum Schneeräumen geschickt worden.

Die tägliche Ärztevisite fand statt. Über Sairas Entlassung sagte Wladimir Leonidowitsch kein Wort. Dabei wollte sie so gern schon am Sonntag zu Hause sein! Mehrmals schaute Saira ins Ärztezimmer, in der Hoffnung, doch noch heute entlassen zu werden. Aber Wladimir Leonidowitsch war nirgends zu sehen. Nach dem Mittagessen gab sie das Suchen auf: Er ging immer pünktlich um zwei Uhr.

Unerwartet, gegen drei Uhr, als sich im Zimmer schon alle zum Ausruhen hinlegen wollten, öffnete sich die Tür, und Wladimir Leonidowitsch trat ein. Saira dachte, er suche Tamara, und wollte sie holen gehen — sie hatte Tamara mit ihrem Mann im Foyer gesehen —, aber der Arzt schwieg, und Saira blieb auf ihrem Bett sitzen.

Wladimir Leonidowitsch ging langsam zwischen den Betten hindurch zum Fenster, stand dort eine Weile, kehrte zurück, blieb bei Saira stehen, nahm die auf dem Nachttisch liegende Zeitschrift und las:

  • Daniil Granin. „Der Auerochse". Ein Roman? Interessant?
  • Nicht ganz ein Roman. Es geht um den Wissenschaftler Timofejew-Ressowski, sehr aufschlussreich.
  • Habe ich noch nie gehört. — Wladimir Leonidowitsch ging wieder zum Fenster. — Was für eine Menge Schnee gefallen ist. — Dann drehte er sich abrupt um und kam zu Saira. — Nun, Kulajewa, wir werden noch eine Operation machen. Heute kam der Befund, nicht ganz einwandfrei, deshalb sichern wir lieber ab. Sie bekommen fünf verdoppelte Sitzungen Strahlentherapie, die restlichen zwanzig nach der Operation. Ende nächster Woche operieren wir. Kulajewa, hören Sie mich?
  • Ja…
  • Warum schweigen Sie denn?
  • Ich fange an zu weinen, wenn ich zu sprechen beginne…

Da setzte sich Wladimir Leonidowitsch auf das Bett, legte den Arm um Saira und sprach mit ungewohnter Sanftheit:

  • Wozu denn weinen? Das ist doch nur eine Vorsichtsmaßnahme, wissen Sie, für alle Fälle… Die Krankheit ist nicht fortgeschritten. Sie haben es gut gemacht — Sie sind rechtzeitig gekommen. — Und da Saira nun doch zu weinen begonnen hatte, fügte er hinzu: — Wischen Sie sich die Tränen ab und beruhigen Sie sich. Übrigens, können Sie ossetische Pasteten backen? Wie heißen die noch gleich? Ich hab's vergessen...
  • Olibach. Natürlich kann ich das.
  • Genau, Olibach! Und Bier, trauen Sie sich das zu brauen?
  • Dafür braucht man Hopfen.
  • Das ist kein Problem, Hopfen finden wir. Ihre Pasteten sind bestimmt köstlich. Gibisows Frau, obwohl sie Russin ist, backt sie immer. Wenn Sie entlassen sind, backen Sie welche und laden Sie mich ein. Dann vergleiche ich, wessen besser schmecken. — Dann stand er auf und sagte in seinem gewohnt trockenen Ton:
  • In einer Stunde kommt die Ärztin aus der radiologischen Abteilung, sie erklärt Ihnen alles. Sie gehen zusammen mit Tscherednitschenko.

Tamara Iwanowna kam zurück. Jetzt tröstete sie Saira. Und es schien leichter zu sein, dass keine von beiden allein war, dass bei ihnen alles gleich war und sie es gemeinsam durchstehen würden.

Bis zum Abend, bis Alan und Ljuda kamen, hatte Saira sich gefasst und erzählte ihnen die Neuigkeit ruhig, wie es ihr schien. Aber das Zittern in ihrer Stimme verriet ihre Erregung. Sie bat sie, ihr Mantel, Stiefel und Mütze zu bringen — zur radiologischen Abteilung musste man über den Hof gehen.

Und so gingen Saira und Tamara fünf Tage lang zur „Kanone", wie die Patienten es nannten. Von dem Monat, den sie im Krankenhaus verbrachte, waren diese fünf Tage die schwersten. Die Bestrahlung selbst dauerte nur wenige Minuten. Aber wenn Saira den betonierten Raum betrat, sich auf den kalten Tisch legte, die Schwester schnell den Strahl ausrichtete und dann fast im Laufschritt hinauseilte, wenn danach das metallische Klirren der zufallenden Riegel zu hören war und das eingeschaltete Gerät zu summen begann — dann packte Saira das nackte Entsetzen. Es schien ihr, als würde sie für immer in diesem Raum zurückbleiben.

Die Sitzung endete, und ohne Eile, bemüht, sich mit frischer Luft vollzusaugen, kehrten sie in die muffigen Korridore des seit Ewigkeiten nicht renovierten Gebäudes zurück, die nach dem typischen Krankenhausgeruch rochen, vermischt mit dem Gestank kaputter Toiletten. Außerdem lag hier noch etwas anderes Bedrückendes in der Luft, das Saira, die schon mehrmals in Krankenhäusern gelegen hatte, nirgendwo sonst so gespürt hatte. Die Nähe des Todes? Vielleicht... In jenes winzige Zimmer, das Saira am Tag ihrer Aufnahme beobachtet hatte, brachte man schon die Hoffnungslosen, und die Klappliege war für die Angehörigen bestimmt, denen erlaubt wurde, die Sterbenden zu pflegen, wenn man sie nicht nach Hause holen konnte. Saira sah noch einmal, wie ein Mann von dort weggebracht wurde. In seinem Gesicht waren nur noch die riesigen Augen und die zu einem Lächeln verzerrten Lippen übrig. Eine Schwester führte eine Frau mit grauem Gesicht und entzündeten Augen am Arm — die Mutter des Sterbenden. Man sagte, er sei Soldat (Saira dagegen hielt ihn für einen alten Mann!), der bei den Raketentruppen seinen Wehrdienst leistete und bei irgendeinem Unfall zufällig eine hohe Strahlendosis abbekommen hatte.

...Saira hatte oft gelesen, dass ein Mensch kurz vor dem Tod in wenigen Minuten sein ganzes Leben noch einmal vor sich sieht. Saira wusste genau, dass das nichts weiter als ein literarisches Stilmittel war. Wer kann wissen, was ein Mensch vor dem Tod denkt? Ist denn schon einmal jemand zurückgekehrt und hat davon erzählt?

Zu sterben hatte Saira nicht die Absicht, doch bis zu der schwierigen Operation blieben ihr nur noch fünf Tage. Die Tage vergingen mit allerlei Besorgungen, aber nachts konnte sie in Ruhe nachdenken, sich erinnern. Saira wusste, dass das Schlafmittel etwa eine Stunde brauchte, bis es wirkte, deshalb nahm sie es erst nach dem Lichtlöschen, wenn sich alle beruhigt hatten. Getreu ihrer Gewohnheit, alles fein säuberlich in Fächer zu sortieren — worüber ihre Freundinnen sie immer neckten —, versuchte sie auch jetzt, nicht an alles gleichzeitig und durcheinander zu denken, sondern der Reihe nach.

***

Ihre früheste Erinnerung war der Umzug in ein neues Haus. Saira war drei Jahre alt. Sie ging mit zwei Verwandten, von denen eine einen Samowar an den Bauch gepresst trug, die andere eine Wanne zum Marmeladekochen unter dem Arm. Sowohl die Wanne als auch der Samowar waren gelb, Saira erinnerte sich, wie sich die Sonne darin spiegelte und manchmal ein Sonnenstrahl auf sie fiel, sodass sie die Augen zukniff und fröhlich lachte. Sie liefen sehr lange. Wie Saira später erfuhr, hatte ihr Vater zwei kleine Zimmer und einen Flur näher an seiner Arbeit gekauft. Das frühere Haus stand in der letzten Straße der Stadt, und auf der anderen Straßenseite stand eine Kirche. Saira erinnerte sich schwach daran, wie sie abgerissen wurde. Jahre später baute man an dieser Stelle eine Schule. Die Ruinen der Kirche lagen auch in der Nähe des neuen Hauses.

Als Saira schon erwachsen war und mit der Mutter allein in dieser Wohnung zurückblieb — 1937 hatte man den Vater weggeholt, ein Auto hatte den Großvater überfahren, der Bruder war gestorben, Asa hatte geheiratet —, konnte sie sich beim besten Willen nicht mehr erinnern, wie sie damals alle in diesen winzigen Zimmerchen Platz gefunden hatten. Und dazu wohnte ständig irgendein Neffe des Vaters bei ihnen, dazu noch Gäste vom Dorf, die zum Einkaufen in die Stadt kamen. Es ist unbegreiflich...

Gut erinnerte sich Saira auch an den ersten Tag nach Abschaffung der Lebensmittelkarten im Jahr 1934. Man hatte sich schon am Vorabend in der Schlange angestellt und alle eingeschrieben, Groß und Klein, denn man wusste: Pro Person würde es nur einen Laib geben. Den ganzen Tag über wurde immer wieder Brot herangefahren, aber die Schlange rückte kaum voran. Saira döste schon, als ihr Bruder sie wachrüttelte, und sie liefen zum Laden, gerade als die Eltern am Tresen waren. Saira drückte den warmen Laib an die Brust und war stolz, selbst zur Versorgerin geworden zu sein. Um Mitternacht türmte sich auf dem Tisch ein ganzer Berg Brotlaibe, und der Großvater murmelte kichernd: „Gepriesen seist du, Herr, du hast uns beschenkt! Jetzt werden wir überleben!"

In jenem Jahr kam Saira in die Schule. Die Konrektorin, die sie einschrieb, fragte:

  • Ich hoffe, du wirst uns nicht so viel Ärger machen wie dein Bruder?

Saira verstand sie nicht, antwortete aber folgsam:

  • Werde ich nicht.

Erst in der achten Klasse, als die Konrektorin bei ihr Russisch unterrichtete, begriff Saira, was für Ärger ihr Bruder der Lehrerin bereitet hatte. Belesen, wie er war, brachte er sie oft in eine unangenehme Lage, stellte Fragen, auf die sie schwer eine Antwort fand. Und ihr Unterricht beschränkte sich, wie Saira aus eigener Erfahrung wusste, auf das Nacherzählen des Lehrbuchs. Natürlich schleppte der Bruder Bücher mit in die Schule und las in jeder Stunde. Und als die Lehrerin einmal einen Maupassant unter seiner Schulbank hervorzog, gab es einen Skandal, von dem die ganze Schule sprach. Der Vater wurde zum Direktor bestellt, und der Bruder bekam es ordentlich zu spüren. Bei den Prüfungen erinnerte sich die Lehrerin an alles und gab ihm in Literatur eine Fünf — obwohl er das Fach kaum schlechter kannte als sie selbst.

Die Zeit von 1937 bis 1945 war so schwer, so viel Kummer und Unglück war durchlebt worden, dass ihr jetzt, im Krankenhaus, wo ohnehin ein Stein auf ihrer Seele lag, die Kraft fehlte, sich daran zu erinnern. Saira klammerte diese Zeit gedanklich aus. Aus irgendeinem Grund dachte sie darüber nach, wie lange der Geruchssinn Düfte bewahrt. Ihr schien, sie würde noch jetzt die Sachen ihres Vaters und ihres Bruders am Geruch erkennen.

In die große ukrainische Stadt geriet Saira durch reinen Zufall. Geträumt hatte sie natürlich von Moskau, doch sie fürchtete, den Auswahlwettbewerb in der Hauptstadt nicht zu bestehen. Auch ihre technische Ausbildung war ein Zufall. Eigentlich hätte sie an eine geisteswissenschaftliche Hochschule gehört! Aber zwei ihrer Freundinnen schickten ihre Unterlagen an das Ukrainische Institut für Bauingenieurwesen und überredeten Saira mitzumachen. Im Studentenleben ereignete sich nichts Besonderes: Institut, Lesesaal, Wohnheim, Prüfungssemester.

Das Wichtigste waren die Fahrten nach Hause in den Ferien, zu den Ihren, zum Vertrauten, zur Heimat.

Im vierten Studienjahr lernte sie Ruslan kennen. Kennengelernt... auf dem Friedhof.

In dieser großen ukrainischen Stadt gibt es das Grab des Helden der Sowjetunion, des Osseten Achsarow, dessen Panzer als Erster in die Stadt vordrang, als man sie den Deutschen wieder entriss. Es gibt in der Stadt eine nach ihm benannte Schule, und auch die Straße, in der er fiel, trägt seinen Namen. Viele Jahre lang fand am 9. Mai und am Tag der Befreiung der Stadt mittags am Grab Achsarows eine Gedenkfeier statt, bei der Schulkinder Ehrenwache hielten. Zu dieser Zeremonie versammelten sich auch alle ortsansässigen Osseten. Man lernte sich kennen, unterhielt sich, sprach die Muttersprache, teilte sich dann nach Alter und Interessen in Gruppen auf und ging auseinander — die einen, um auf die Seelenruhe Achsarows und aller gefallenen Osseten und Nicht-Osseten zu trinken, die Jüngeren fuhren vor die Stadt zum Schaschlik. Organisator dieser Zeremonie war der Arzt Gibisow, der, wie es hieß, ebenfalls an der Befreiung der Stadt teilgenommen hatte.

Und diese Tradition ist, wie viele andere auch, verlorengegangen. Gibisow starb, viele Osseten zogen fort. Vor zwei Jahren gingen Saira und eine ossetische Freundin zum Grab. Dort war keine einzige Person. Zwar lagen frische Nelken auf der Steinplatte — jemand war schon vor ihnen dagewesen. Als sie sich beim Weggehen umsahen, bemerkten sie, dass sich noch ein Mann mit Blumen dem Grab näherte. Und das war alles…

An eben diesem Grab, am Tag des Sieges, lernte Saira ihren zukünftigen Mann kennen. Er war älter als Saira, hatte gerade seine Kandidatendissertation verteidigt und war gekommen, um an irgendeinem geheimen, nur mit einer Nummer bezeichneten Betrieb zu arbeiten. Vom Friedhof gingen sie zusammen weg, spazierten lange im Park, dann brachte er sie bis zum Wohnheim, gab ihr beim Abschied seine Telefonnummer und bat sie anzurufen. Saira gefiel er: gesetzt, ruhig, viel gereist und viel gesehen. Nachdem sie anstandshalber eine Woche gewartet hatte, rief Saira ihn an, und er lud sie ins Kino ein. Später gingen sie auch ins Theater. Mit Ruslan fühlte man sich sicher, ruhig, nach der ganzen Hektik des Wohnheims. Man hatte Ruslan eine Wohnung versprochen, vorerst mietete er ein Zimmer. Einmal lud er sie zu sich ein. Er bewirtete sie mit Suppe, die zwar sehr dickflüssig war — der Löffel stand aufrecht darin —, aber schmackhaft. Dazu tranken sie Kompott, das in einer Milchkanne gekocht worden war. Das Zimmer war sauber, alle Sachen an ihrem Platz, das Bett ordentlich gemacht, aber man spürte sofort, dass dies das Zimmer eines Junggesellen war. Ruslan besaß ein Grammophon. Bevor Saira ging, schlug er vor, Musik zu hören, und legte eine der Platten auf.

„Der Frühling kam, und das Herz begann zu schlagen…" „Die ganze Seele öffnete sich wie eine Blume im Morgengrauen…" — sang Zara Dolukhanowa. Warum hatte Ruslan von mehreren Platten ausgerechnet diese gewählt? Über Musik hatten sie nicht gesprochen, und er konnte nicht wissen, dass Dolukhanowa Sairas Lieblingssängerin war. Wie sehr passten diese Dalila-Arien damals zu ihrer Stimmung! Und vielleicht auch zu seiner?

Bald begann die Prüfungssession, und gleich nach den Prüfungen bereitete sich Saira auf die Abreise vor. Sie rief Ruslan an, um sich zu verabschieden. Er kam mit zwei Paketen zum Bahnhof, eines bat er sie, seiner Mutter vorbeizubringen.

  • Und das ist für dich, - sagte er und reichte ihr das zweite Paket. Im Zugabteil packte sie ihr Paket aus. Ein Flakon Parfüm „Krasnaja Moskwa" — damals das teuerste —, Pyramidontabletten (sie hatte sich über häufige Kopfschmerzen beklagt) und eine Zara-Dolukhanowa-Schallplatte. Sairas Herz war gerührt von seiner Aufmerksamkeit, und schon am zweiten Tag nach ihrer Ankunft brachte sie das Paket vorbei. Die Mutter empfing Saira sehr herzlich. Wie sich herausstellte, hatte Ruslan sie bereits angerufen und vorgewarnt, dass jemand vorbeikommen würde. Sie bewirtete Saira mit Tee, fragte nach ihrer Familie, ihren Angehörigen, musterte sie aufmerksam, und es war klar, dass das nicht ohne Grund geschah.

Einen Monat später, als Ruslan im Urlaub war, wurde um Sairas Hand angehalten. Und bald darauf kam der „Morgen der Rosen", wie Saira jenen Junimorgen nannte, an dem sie mit Ruslan zu einem Gewächshaus vor der Stadt fuhr und der Gärtner nach ihrer Wahl Rosen schnitt, die im Licht der aufgehenden Sonne vom Tau glänzten. Am Abend war die Hochzeit, und unter Bruch der ossetischen Tradition setzte der Trauzeuge sie, nachdem er die Älteren um Erlaubnis gebeten hatte, mit Ruslan an den gemeinsamen Tisch der jungen Leute. Saira lebte mit dem Gefühl, dass dieses Glück nie enden würde.

Die fünf Jahre, die sie mit Ruslan verbrachte, blieben ihr wie im Nebel in Erinnerung. Das letzte Studienjahr, die Diplomverteidigung, die Geburt des Sohnes, Windeln, Wäsche waschen, der Herd, schlaflose Nächte. Vier Jahre später — die Ankunft der Tochter, und wieder Windeln, wieder der Markt, endloses Waschen. Und immer wollte sie schlafen, schlafen… Sie konnte kaum noch glauben, dass es auf der Welt Menschen gab, die genug Schlaf bekamen.

Ruslan bekam eine Dreizimmerwohnung — wieder neue Sorgen: einrichten, Ordnung halten. Im Haushalt war der Mann keine große Hilfe. Von morgens bis Mitternacht war er bei der Arbeit, und an seinen seltenen freien Tagen war er ganz in sich gekehrt, es schien, als ließen ihn die Gedanken an die Arbeit keine Minute los.

Heute weiß Saira, dass sie nicht die beste Ehefrau war: Ihre ganze Zeit und Fürsorge gingen an die Kinder und den Haushalt. Aber mit dreiundzwanzig Jahren, wie soll man da schon wissen, was wirklich wichtig ist! Die Schwiegermutter, die gekommen war, um zu sehen, wie sie sich in der neuen Wohnung eingerichtet hatten, bemerkte sofort alles und sagte unverblümt:

  • Als Mutter bist du gut, da kann ich nichts Schlechtes sagen, aber als Ehefrau taugst du nicht viel: Du kümmerst dich schlecht um deinen Mann.

Besonders empört war die Schwiegermutter, als sie in irgendeiner Kiste Ruslans Stiefel und seine Militärmütze nebeneinanderliegend fand. Sie waren in Eile umgezogen, und Saira hatte mit einer Hand das Kind gehalten, mit der anderen die Sachen gepackt, ohne groß darüber nachzudenken, was sie worauf legte.

  • Wie kann man nur auf so etwas kommen, - die Schwiegermutter konnte sich gar nicht beruhigen, - eine Männermütze auf Schuhe zu legen!
  • Aber er trägt doch schon lange keine Schirmmütze mehr, er geht mit Hut.
  • Egal! Eine Männermütze ist eine Kopfbedeckung für den Mann, und sie so achtlos hinzuwerfen heißt, auch dem Kopf selbst keine Achtung zu schenken.

Saira schluckte ihre Tränen hinunter, wagte aber nicht, der Schwiegermutter zu widersprechen.

...Fatima war zwei Monate alt, als sie an einer sehr schweren Lungenentzündung erkrankte. Stieg das Fieber über neununddreißig Grad, wurde das Mädchen von Krämpfen geschüttelt, und Saira erstarrte vor Entsetzen, überzeugt, dass dies das Ende sei. Man rief den Krankenwagen, brachte Fatima und Saira, die den glühenden kleinen Körper an sich drückte, ins Krankenhaus. Mehrere Tage lang wurde Fatima so oft Spritzen gegeben, dass an ihrem Körper kaum noch eine unversehrte Stelle blieb. Endlich begann das Fieber zu sinken, der Husten wurde ruhiger und seltener. Zum ersten Mal seit einer Woche konnte Saira einschlafen, doch auch im Schlaf ließ sie die winzige Hand ihrer Tochter nicht los.

Genau an diesem Tag geschah die Tragödie… Ruslan fuhr in einem Pkw zu einer benachbarten Organisation. Der Wagen prallte mit einem plötzlich querenden Kleinbus zusammen. Die beiden Männer, die hinten saßen, kamen mit dem Schrecken davon, der Fahrer wurde von Glassplittern verletzt, und Ruslan, der neben ihm saß, schlug mit der Schläfe gegen die scharfe Kante eines Geräts, das er auf den Knien gehalten hatte. Der Tod trat augenblicklich ein…

Ruslans Angehörige kamen, um seinen Leichnam nach Hause zu holen. Es galt als selbstverständlich, dass auch Saira nach Ossetien reisen würde. Aber die behandelnde Ärztin warnte sie, dass sie das geschwächte Kind verlieren würde, wenn sie es ohne Muttermilch zurückließe. Und so fuhr Saira nicht mit Ruslans Sarg. Alle Verwandten ihres Mannes wandten sich gegen sie und verziehen ihr diesen „Verrat", wie sie es nannten, nie.

Saira war achtundzwanzig, als sie mit zwei Kindern auf dem Arm zurückblieb — dem fünfjährigen Alan und der zwei Monate alten Fatima —, ohne Verwandte, in einer fremden Stadt. Zwar gab es Landsleute, Bekannte, aber die engsten Menschen — Mutter und Schwester — waren in Ossetien. Sie drängten Saira zum Umzug, doch sie wollte nicht: Sie fürchtete, dass das Mitleid und die Anteilnahme, mit denen die Verwandten sie umgeben würden, sie ständig an die Tragödie erinnern würden. Sie widmete sich ganz den Kindern. Beim Heranwachsen wurden sie kräftiger, erkrankten seltener. Saira wachte eifersüchtig darüber, dass ihre Kinder nicht schlechter aussahen als die der Nachbarn — die einen Vater hatten. Sie lernte nähen, schneiderte nicht nur für die Kinder, sondern fertigte sich auch alles für sich selbst an. Es kam die Mode auf, Kindern Englisch beizubringen — sie meldete Alan und später auch Fatima in einer Gruppe an. Sie kaufte ein altes Klavier in der Hoffnung, dass sich wenigstens in ihren Kindern ihr langgehegter Traum erfüllen würde, spielen zu lernen. Aber die Kinder machten nur unter Zwang Musik, und nach einigen Jahren begriff sie, dass es hinausgeworfenes Geld war, sie zu unterrichten.

Als Fatima ein Jahr alt wurde, ging Saira arbeiten, im Konstruktionsbüro eines großen Werks, das Fernseher und Teile für Raumschiffe herstellte. Ihr Nachbar Andrej hatte ihr geholfen, die Stelle zu bekommen. Er und seine Frau Ljussja wurden aus Nachbarn allmählich zu so etwas wie Familienmitgliedern. Auch sie hatten zwei Kinder, gleichaltrig mit Alan und Fatima, und die Kinder waren unzertrennlich. Wäre es nicht Andrej und Ljussja gewesen, wäre sie wohl kaum hiergeblieben. Sie waren es, die ihr davon abrieten, ihr Leben umzuwerfen und das bereits Aufgebaute und Errungene aufzugeben.

***

Je mehr sich ihre Zeit und ihre Gedanken von den Kindern lösten, desto stärker spürte sie ihre Einsamkeit, wohl wissend, dass sie noch jung war. Man konnte nicht sagen, dass ihr männliche Aufmerksamkeit ganz fehlte, aber das alles war nicht das Richtige.

Walera… Interessant, wie sich sein Leben wohl entwickelt hat? Jetzt müsste er um die fünfzig sein. Damals aber, als Andrej ihr einen Diplomanden zuteilte, um ihr die Möglichkeit zu geben, sich etwas dazuzuverdienen, war er erst dreiundzwanzig. Er war der dritte Diplomand, dem sie half, aber die ersten beiden waren Mädchen gewesen. Für Saira war es bequemer, mit ihnen zu Hause zu arbeiten, deshalb kamen sie oft mit ihren Fragen zu ihr. Sie gab ihnen Tee, im Bewusstsein, wie wichtig häusliche Geborgenheit für Wohnheimbewohner war. Und nun also ihr dritter Diplomand — ein großer, gebildeter, ernster junger Mann. Sehr bald bemerkte Saira, dass er lieber zu ihr nach Hause kam, als sich im Labor zu treffen. Nachdem die Diplomarbeit erledigt war, spielte er mit den Kindern, brachte ihnen Postkarten mit, die er viele Jahre lang gesammelt hatte, und schenkte sie ihnen. Saira wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass sie ihn als Frau interessieren könnte — bei diesem Altersunterschied! Sie war schließlich schon über dreißig. Zumal Walera erzählt hatte, er habe eine Freundin, nett, bescheiden, offensichtlich in ihn verliebt.

...Saira kam von einem Elternabend — Alan ging schon in die erste Klasse — und sah Walera bei der Schule stehen.

  • Was machst du denn hier? — wunderte sich Saira.
  • Ich warte auf Sie. Ich möchte Sie ins Kino einladen.
  • Mich?
  • Ja. Die Sache ist die: Lena ist beschäftigt, und ich möchte die Karten nicht verfallen lassen. Außerdem, glaube ich, dürfte Sie der Film interessieren — „Der große Walzer".
  • Ich habe ihn als Schulmädchen bestimmt zehnmal gesehen. Ich könnte ihn noch genauso oft sehen, aber die Kinder...
  • Ich weiß, ich weiß. Ich bin bei Ihnen vorbeigegangen, die Nachbarin hat versprochen, sie ins Bett zu bringen.

Und Saira ging mit. Und tauchte wieder ein in die betörende Musik, in fremde Leidenschaften und Trauer, so ganz anders als ihre eigenen.

Sie kehrten irgendwie erhellt zurück. Aber alles wurde verdorben. Sie näherten sich schon ihrem Zuhause, als eine Rowdy-Bande in die Straßenbahn hereinfiel. Einer der Angetrunkenen, unanständige Worte murmelnd, fing an, sie zu belästigen. Hätte Walera geschwiegen, wäre alles gutgegangen: Sie näherten sich bereits ihrer Haltestelle. Aber Walera schob, Saira schützend, den jungen Mann weg. Saira hatte das nicht erwartet und konnte ihn nicht mehr aufhalten. Und genau das war es, was die Rowdys wollten. Sie fielen über Walera her, fingen an, ihn zu schlagen, und als Erstes zerschlugen sie seine Brille. Und sofort wirkte Walera so hilflos, so bemitleidenswert, dass in Saira ein mütterliches Gefühl für ihn aufstieg. Sie stürzte sich wie von Sinnen auf den Angreifer und schlug ihm, jede Beherrschung verlierend, ins Gesicht. Schließlich griffen die Fahrgäste ein, die jungen Männer wurden aus dem Wagen geworfen, und Saira und Walera fuhren an ihrer Haltestelle vorbei und mussten zurückfahren. Saira spürte, wie beschämt Walera war, während ihr eigenes Herz vor Dankbarkeit überquoll, dass er nicht feige geschwiegen hatte.

Zu Hause betupfte Saira seine Schürfwunden mit Jod und gab ihm Tee. Die ganze Zeit über sagte er außer „Danke" kein Wort und sah Saira kein einziges Mal an. Eine Woche lang ließ sich Walera nicht blicken, sie begann sich zu sorgen. Doch dann erschien er mit einer neuen Brille und Karten für die Philharmonie.

  • Ich gehe mit, wenn du versprichst, dass es diesmal nicht wieder in Blutvergießen endet.

Und da mussten beide plötzlich lachen. Der Vorfall erschien nicht mehr so tragisch.

  • Sie sind wohl eine Tigerin. Wie Sie ihm das Gesicht zerkratzt haben!
  • Schweig nur. Ich habe verstanden, dass deine ganze Kraft in der Brille steckt — kaum warst du sie los, warst du völlig hilflos.

Sie gingen zu einem Konzert eines auswärtigen Geigers. Mit Walera war es sehr leicht und angenehm, Musik zu hören. Die Musik wirkte so stark auf Saira, dass sie nach dem Konzert noch lange nicht reden wollte, und sie war froh über Waleras Schweigen. Er lud sie noch einige Male in die Philharmonie ein. Dann verteidigte Walera sein Diplom und zog in die Stadt Schukowski, wohin er zugeteilt worden war.

Genau einen Monat später erhielt Saira ein kleines Päckchen, das allerdings recht teuer versichert war — fünfundvierzig Rubel. Sie wickelte es aus: darin Watte, zerknülltes Papier und schließlich ein Brief und ein kleines Etui. Ein Ringlein! Golden, mit einem klaren Bergkristall. Walera schrieb, das Ringlein sei von seinem ersten Gehalt gekauft worden. Es sei ein Dank nicht nur für die Hilfe bei der Diplomarbeit, sondern dafür, dass Saira in seinem Leben gewesen sei; er habe extra einen klaren Stein gewählt als Symbol für die Reinheit seiner Gefühle für sie. Außerdem schrieb er, er habe sich von Lena getrennt, weil er nach der Begegnung mit ihr, Saira, nur noch ein Mädchen heiraten könne, das ihr ähnle.

Zwei Jahre später kam noch ein Brief. Walera berichtete, bei ihm sei alles gut, er sei mit der Arbeit zufrieden, man habe ihm ein Zimmer versprochen. Am Ende ein Nachsatz: „Ich habe vor kurzem geheiratet."

Und das war alles! Aber war das wirklich so wenig? Mochte es auch nur kurz gewesen sein, sie hatte seine bewundernden Blicke gesehen, und sie hatten ihr geholfen, sich wieder als Frau zu fühlen.

***

Einmal, nachdem sie Alan ins Pionierlager geschickt hatte, fuhr Saira mit der achtjährigen Fatima in ein Werkserholungsheim nicht weit von der Stadt. Sie zogen in dasselbe Häuschen wie ihre Freundin Lara und deren Tochter, die gleichaltrig mit Fatima war. Gutes Wetter, ein Fluss in der Nähe, Wald, die Mädchen spielten den ganzen Tag zusammen. Saira und Lara strickten, es gab genug zu erzählen. Sie waren schon eine Woche dort, als ein „Moskwitsch" bei den Häuschen vorfuhr, ein nicht mehr junger Mann im Trainingsanzug stieg aus, stellte schnell ein Zelt auf und begann, Angelruten aus dem Kofferraum zu holen. Saira und Lara beobachteten ihn aus Langeweile. Beim Mittagessen trafen sie ihn in der Kantine. Es stellte sich heraus, dass er Werkstattleiter des Werks war. Saira kannte ihn nur vom Sehen, Lara war ihm schon begegnet, dienstlich. Er kam an ihren Tisch, grüßte, stellte sich Saira vor: „Nikolai Wassiljewitsch" — und bat um Erlaubnis, an ihrem Tisch zu essen, mit der Erklärung, er sei ohne seine Frau gekommen und allein sei es langweilig. Niemand widersprach. Er war fröhlich, gesellig, brachte die Mädchen zum Lachen, zeigte ihnen Zaubertricks. Am Ende des Mittagessens sahen ihn beide Mädchen mit verzückten Augen an. Am Abend machte Nikolai Wassiljewitsch ein Feuer bei seinem Zelt und kochte Tee. Lara und Saira, nachdem sie die Mädchen ins Bett gebracht hatten, gingen ans Feuer und hörten bis Mitternacht Nikolai Wassiljewitschs endlose Jagd- und Angelgeschichten. Er war auch sportbegeistert — spielte Tennis, war Sportmeister im Skifahren. Alles erzählte er mit Humor. Als Nikolai Wassiljewitsch zehn Tage später abreiste — er und seine Frau hatten Reisegutscheine nach Bulgarien —, wurde es sehr langweilig. Saira und Lara warteten kaum das Ende ihres Urlaubs ab.

Etwa drei Wochen später rief Nikolai Wassiljewitsch Saira an und sagte, er sei bereit, seine Bulgarien-Eindrücke zu teilen. Saira freute sich:

  • Wir hören uns das gern an. Kommen Sie am Abend zu uns, ich rufe Lara an und sage ihr Bescheid.
  • Nein, Saira. Machen wir es anders. Ich habe gemerkt, Sie sind eine Stubenhockerin, kommen nie an die frische Luft, ich habe ein Auto. Kommen Sie nach der Arbeit zur Landstraße, ich zeige Ihnen Orte, die Sie allein nie sehen würden. Der Herbstwald ist wunderschön!
  • Das haben schon andere vor Ihnen bemerkt. Puschkin zum Beispiel.
  • Eins zu null für Sie. Ich erwarte Sie um fünf.

Saira kam zur vereinbarten Zeit an die Landstraße. Der Wagen fuhr innerhalb einer Minute vor. Sie trat zur vorderen Tür, bemerkte aber, dass die hintere zuvorkommend einen Spalt offen stand. Etwas verlegen setzte sie sich auf den Rücksitz. Nikolai Wassiljewitsch lächelte ihr im Spiegel zu und fuhr los, konzentriert auf die Straße blickend. Als sie an der Kreuzung vorbeikamen, wo die Werksangestellten gewöhnlich auf Straßenbahn und Obus warteten, drehte er sich schnell um und flüsterte:

  • Ducken Sie sich, bitte!

Sie verstand nicht, duckte sich aber automatisch. Nachdem sie die Haltestelle passiert hatten, seufzte er:

  • Puh, scheint gutgegangen zu sein. Da waren jede Menge von unseren Leuten. Ich wollte nicht, dass man uns zusammen sieht.
  • Warum haben Sie mich dann eingeladen?
  • Verstehen Sie nicht, warum? Sie sind doch kein Kind mehr. Sie gefallen mir, aber ich möchte nicht, dass meine Frau davon erfährt. Wissen Sie, wer sie ist? Die Tochter von Gurwitsch!
  • Und wer ist dieser Gurwitsch?
  • Wie, Sie wissen nicht, wer Gurwitsch ist! Ach ja, Sie sind ja zugezogen. Jedem alteingesessenen Stadtbewohner ist der Name bekannt. Er ist eine medizinische Koryphäe!
  • Das heißt, seine Frau betrügen darf man, aber Gott bewahre, wenn sie die Tochter einer Berühmtheit ist, das ist dann etwas anderes, oder wie?
  • Seien Sie nicht ironisch, Saira, das steht Ihnen nicht. Sie sind sanft, weiblich, bleiben Sie so. So, da wären wir an diesem wundervollen Ort, den ich Ihnen so gern zeigen wollte. Sehen Sie die Bäume, gekleidet „in Purpur und Gold"? Und die Luft, was für eine Luft! Entspannen Sie sich, atmen Sie tief durch, genießen Sie die Schönheit, und ich erzähle Ihnen von Bulgarien.

Saira hörte seiner tatsächlich interessanten Erzählung zu, aber das schale Gefühl blieb, und sie beeilte sich bald, nach Hause zu kommen, mit dem Vorwand der zurückgelassenen Kinder. Bevor sie die unselige Kreuzung erreichten, bat sie ihn, den Wagen anzuhalten, dankte für die Fahrt und ging nach Hause, fest entschlossen, nie wieder mit ihm zu fahren.

Doch ein paar Tage später traf sie eine aufgeregte Fatima.

  • Mama, mach schnell dich fertig. Nikolai Wassiljewitsch hat angerufen, er wartet auf uns. Wir fahren wilde Äpfel sammeln. Er sagt, man kann daraus sehr leckere Marmelade kochen.

Alan stand schon mit dem Rucksack bereit. Und Saira musste mitgehen. Nikolai Wassiljewitsch wartete nicht weit vom Haus. Im Auto saß ein etwa dreijähriges Mädchen.

  • Lernen Sie meine Tochter Ninotschka kennen.

Ninotschka hätte eher seine Enkelin sein können als seine Tochter, aber Saira schwieg. Er brachte sie zu einer Stelle mit mehreren wilden Apfelbäumen. Sie sprachen kaum, während sie Äpfel sammelten. Schließlich waren alle Behälter voll, es dämmerte schon, und sie fuhren langsam zurück in die Stadt. Nikolai Wassiljewitsch brachte sie bis direkt vors Haus, und Saira begriff, dass er absichtlich die Zeit hinausgezögert hatte, um die Dunkelheit abzuwarten.

Zweimal lehnte Saira Treffen ab, dann rief Nikolai Wassiljewitsch wieder bei den Kindern an. Diesmal fuhren sie wilde Birnen sammeln und nahmen auch Lara mit ihrer Tochter mit. Und allmählich gewöhnte sie sich an ihn und seine Anrufe. Sein Verhalten Alan und Fatima gegenüber bestach sie. Er liebte offenbar Kinder allgemein: eigene hatte er keine. Nina hatten sie mit sechs Monaten aus dem Kinderheim genommen. Und obwohl Saira sich mit ihm traf, gefiel ihr vieles an ihm nicht. Besonders störte es sie, wenn er anfing, sie zu belehren, wie man Kinder erziehen müsse. Das Wichtigste, meinte er, sei, sie an den Sport heranzuführen. Insgeheim stimmte sie ihm zu, was sie nur noch mehr aufbrachte. Er verstand überhaupt nicht, dass sie für alles nicht ausreichte. Wenn er sie nach dem Tennis anrief und aufgeregt erzählte, welchen Satz er wie gespielt hatte, hasste sie ihn und dachte: „Hätte ich doch deine Sorgen!" Aber im Winter, als er den Kindern Skier kaufte, für Saira irgendwo welche auslieh und alle buchstäblich mit Gewalt in den Wald schleppte, sah sie die geröteten, vertrauten Gesichtchen, spürte selbst eine außergewöhnliche Leichtigkeit im ganzen Körper, und begriff, dass Nikolai Wassiljewitsch recht hatte. Allmählich wurden die Skiausflüge gewohnt und notwendig, und Saira war Nikolai Wassiljewitsch dankbar für die Einführung ins Skifahren. Etwa zehn Jahre lang, solange sie im Lessopark wohnte, ging sie jeden Winter Ski fahren.

Der Wald war Nikolai Wassiljewitschs Element. Er kannte jeden Baum, jeden Vogel, jeden Grashalm. Die Fülle seines Wissens war sogar ermüdend. Er konnte stundenlang von den Bewohnern des Waldes erzählen. Hätte er doch die Menschen ebenso geliebt! Über fast niemanden sprach er gut, machte sich über Bekannte lustig, verspottete alle. Einmal hielt Saira es nicht mehr aus:

  • Denken Sie über irgendjemanden gut? Nun, lieben Sie wenigstens irgendjemanden? (Ihre Zunge brachte es trotz der Nähe zwischen ihnen immer noch nicht über sich, ihn zu duzen.)
  • Wie meinen Sie das? Und Sie? Zwar bin ich, glaube ich, nicht in Sie verliebt. Normalerweise schreibe ich, wenn ich mich verliebe, Gedichte. Aber über Sie will nichts entstehen…
  • Vielleicht liegt es ja nicht an mir, sondern an Ihnen? Sie sind nicht mehr in dem Alter…
  • Das glaube ich nicht, Verliebte schreiben in jedem Alter Gedichte.

Und noch etwas konnte Saira nicht hinnehmen: In den drei Jahren, die sie sich trafen, hatte sie ihn nur ein einziges Mal in Anzug gesehen. Auf der Arbeit lief er im Kittel durch das ganze Werk, außerhalb der Arbeit in verknitterten Trainingsanzügen, abgetragenen Jacken. Und selbst als sie einmal zusammen in Moskau waren — wenn man das „zusammen" nennen konnte —, trug er dieselbe alte Jacke.

Es war eine seltsame Reise. Saira wurde für vier Tage nach Moskau geschickt. Als Nikolai Wassiljewitsch davon erfuhr, freute er sich:

  • Fahren wir zusammen. Ich brauche gerade ein paar Autoteile. Bei Moskau gibt es einen guten Flohmarkt.
  • Aber ich habe schon eine Fahrkarte.
  • Macht nichts, ich fahre sofort zum Bahnhof. Welcher Waggon? Der siebte? Wir treffen uns auf dem Bahnsteig vor Abfahrt des Zuges.

Sie trafen sich, und Saira wich zurück: Er trug nicht nur seine verknitterten Kleider, er schleppte auch einen antiquierten Koffer mit einem Loch an der Seite. Saira brachte nur heraus:

  • Wofür ist das Loch?
  • Wie, wofür? Mit diesem Koffer gehe ich zum Tennis. Das Loch ist für den Schlägergriff, sonst passt er nicht hinein.
  • Aber für Moskau hätten Sie doch einen anderen Koffer nehmen können?
  • Aber ich fahre doch wegen der Autoteile. Sie sind mit Fett bedeckt, deshalb ist gerade dieser Koffer richtig dafür. Leider konnte ich keine Fahrkarte für Ihren Waggon mehr bekommen. Macht nichts, warten Sie in Moskau bei Ihrem Waggon, ich komme dazu.

Saira dachte grimmig: „Nicht leider — zum Glück!"

Auf dem Bahnsteig in Moskau erkundigte sich Nikolai Wassiljewitsch geschäftig:

  • Haben Sie eine Bleibe?
  • Ja, ich wohne immer bei meiner Cousine.
  • Sehr gut. Und ich muss die Frau meines Bruders anrufen. Zwar ist mein Bruder von ihr geschieden, aber ich denke, für ein paar Tage nimmt sie mich auf.

Sie suchten nach einer Telefonzelle. Nachdem er eine Übernachtung organisiert hatte, gingen sie durch die Geschäfte: Saira wollte sich Schuhe kaufen. Sie ging in ein Geschäft, probierte Schuhe an, während Nikolai Wassiljewitsch draußen wartete und Plakate las. Sie kaufte nichts, verabschiedete sich von ihm und ging ihren dienstlichen Angelegenheiten nach, verabredet, sich am nächsten Tag um zwei Uhr zu treffen. Am Abend erzählte Saira ihrer Cousine, dass sie nicht allein gekommen sei.

  • Dann lade ihn doch morgen zum Mittagessen ein, - schlug die Cousine vor.
  • Ich überlege es mir.

Um zwei Uhr war Nikolai Wassiljewitsch nicht am vereinbarten Ort. Er kam eine halbe Stunde zu spät, rannte, Leute beiseiteschiebend, ein Gebäckstück in der Hand. Er strahlte, trug denselben abgewetzten Koffer.

  • Ich habe alles bekommen, was ich brauchte! So ein Glück! Das liegt daran, dass ich bei Ihnen bin!

„Du bist bei mir", dachte Saira bitter. Von einem Mittagessen konnte nun keine Rede mehr sein! Sie stellte sich das Erstaunen ihrer Cousine bei diesem Gast vor.

  • Ja, und noch eine Freude: Die Frau meines Bruders hat mir ihre Theaterkarte überlassen, so war ich gestern noch im MChAT.
  • Das freut mich sehr für Sie! Und jetzt muss ich los, man erwartet mich bei meiner Schwester.
  • Natürlich, natürlich. Ich fahre wohl zum Bahnhof. Wenn ich eine Karte bekomme, fahre ich noch heute nach Hause. Und Sie, wann?
  • Ich bleibe noch zwei Tage.
  • Nun, dann bis daheim.

Saira war fest entschlossen, dass sie nach dieser Reise nicht mehr mit ihm zusammensein könne. Aber als sie es ihm nach der Rückkehr aus Moskau sagte, war Nikolai Wassiljewitsch bestürzt:

  • Warum? Ich habe mich so an Sie gewöhnt, an die Kinder. Ich dachte, Ihnen ginge es auch gut mit mir.

Keinerlei Erklärungen verstand er, wollte sie nicht hören.

  • Geben Sie zu, dass Sie einen anderen Mann haben. Das könnte ich verstehen.

Mit ihm zu streiten hatte sie keine Kraft mehr, und Saira ging einfach weg, ließ ihn auf der Straße stehen! Es begannen endlose tägliche Anrufe, erschöpfende Aussprachen. Einen Monat später erwischte sie Nikolai Wassiljewitsch vor ihrem Haus und sagte, er habe etwas Wichtiges zu besprechen.

  • Kommen Sie zu mir hoch. Man spricht doch nicht auf der Straße über Wichtiges, - schlug Saira vor.

Als sie oben in der Wohnung waren, holte er feierlich ein Blatt Papier hervor und reichte es ihr.

  • Hier, lesen Sie. Ich habe mich entschieden, mich von meiner Frau scheiden zu lassen. Ich kann nicht ohne Sie leben.

Saira las den Scheidungsantrag und dachte darüber nach, wie sehr er sich wohl als eine Art Held sah, sich nicht einfach von einer Ehefrau, sondern von Gurwitschs Tochter zu trennen. Sie wollte es so gerne laut sagen, schwieg aber. An diesem Tag war sie sehr müde, hatte keine Kraft für lange Gespräche, und Saira sagte, sie müsse nachdenken.

  • Nur bitte, denken Sie schnell nach. Wenn Sie nicht zustimmen, werde ich mich nicht ins Leere scheiden lassen. Ich habe mich schon einmal scheiden lassen — Gurwitsch ist immerhin meine zweite Frau.

Am Abend beim Essen sagte Saira lächelnd zu den Kindern:

  • Nikolai Wassiljewitsch hat mir einen Antrag gemacht. Soll ich ihn heiraten oder nicht?

Alan zuckte erwachsen mit den Schultern und sagte gewichtig:

  • Wie du willst, Mama. Das ist deine Sache.

Fatima sprang vom Tisch auf und lief ins Zimmer, die Tür zuschlagend. Ihre Reaktion überraschte Saira. Sie hatte gedacht, von den dreien sei Fatima ihm am meisten zugetan. Und wenn Saira auch nur für eine Minute daran gedacht hätte, dem Antrag von Nikolai Wassiljewitsch zuzustimmen, dann nur der Kinder wegen. Sie ging zu Fatima, rief sie, aber die schwieg, tat, als schliefe sie, und auch Saira ging schlafen. Kaum war sie eingedöst, kam eine schluchzende Fatima hereingetappt, kroch zu ihr unter die Decke, drückte sich an sie.

  • Mama, liebste Mama, verzeih mir. Denk nur nicht, ich sei wie das egoistische Mädchen aus dem Film. Heirate, aber warum Nikolai Wassiljewitsch? Er liebt dich doch nicht! Er liebt nur sein Auto. Wenn ihr heiratet, rollt er es in unsere Wohnung. Uns dreien geht es so gut, und er, ein Fremder, kommt und wird bei uns wohnen... - sagte Fatima unter Tränen.

Wahrlich, „aus dem Mund der Kinder"! Denn auch Saira selbst war es schon vorgekommen, wenn er liebevoll „Traawka" streichelte — der Wagen war grün —, dass es für ihn nichts Teureres gab. Er wachte über den Wagen, und Gott bewahre, wenn er einen Kratzer, einen Fleck entdeckte. Beim Fahren empfand er offensichtlich Genuss. Am Steuer wurde er still, ganz auf die Straße konzentriert. Der Wagen fuhr sanft dahin, und geriet er in irgendwelche Schlaglöcher, verfluchte er die Behörden, die sich nicht um die Straßen kümmerten.

Am nächsten Tag rief Lara Saira an, sagte, sie müsse sie sehen. Sie trafen sich, und Lara erzählte, dass Nikolai Wassiljewitsch am Abend zuvor bei ihr zu Hause gewesen sei, gesagt habe, er habe sich entschieden, sich von seiner Frau scheiden zu lassen und Saira zu heiraten. Von Lara wollte er herausfinden, ob man sich auf Sairas Wort verlassen könne: „Ich lasse mich scheiden, und im letzten Moment macht sie einen Rückzieher, und ich bleibe mit leeren Händen zurück."

  • Und außerdem hat er offensichtlich versucht, aus mir herauszubekommen, ob es in deiner Vergangenheit irgendwelche 'dunklen Flecken' gibt, - beendete Lara ihren Bericht.

Und Saira überlegte noch, wie sie ihm möglichst schonend absagen könnte, ohne ihn zu kränken. Doch dann fiel ihr zum Abschied alles wieder ein: die Reise nach Moskau „zusammen", ihr eigenes demütigendes Ducken beim Vorbeifahren an belebten Orten, seine krankhafte Liebe zum Auto... Er hörte verwirrt zu, schwieg, und nur als Saira sagte, die Kinder hätten Angst, das Auto könnte in der Wohnung landen, sagte er leise:

  • Warum sollte ich das Auto denn hereinrollen? Nun, für den Winter vielleicht den Motor zur Reparatur hereinbringen...

Sie trennten sich. Saira ging bedrückt fort. Sie fühlte sich wie eine Marktschreierin, bereute ihre eigene Grobheit. Und letztlich, wenn es ihr mit ihm nur schlecht gegangen war, was hatte sie dann fast drei Jahre lang bei ihm gehalten? Angehängt war sie ihm ja nicht gewesen!

Etwa zwei Monate später fand Nikolai Wassiljewitsch sie auf der Arbeit. In der Hand hielt er einen Laufzettel: Er kündigte, hatte eine passende Stelle in einem anderen Werk gefunden. Beim Abschied reichte Nikolai Wassiljewitsch Saira einen Umschlag mit den Worten:

  • Ich habe gelogen, als ich sagte, mir fielen keine Gedichte über dich ein. Hier das letzte. Behalte es zur Erinnerung.

Etwa zehn Jahre später traf Saira Nikolai Wassiljewitsch zufällig auf der Straße und erkannte ihn kaum wieder. Er war prächtig gekleidet, immer noch schneidig, wenn auch schwerer geworden. Er prahlte, sehr erfolgreich geheiratet zu haben. Seine Frau sei ständig auf Auslandsreisen, er bleibe bei ihrem erwachsenen Sohn aus erster Ehe.

  • Ich habe mal von weitem Fatima gesehen. Ein hübsches Mädchen. Man könnte sie mit meinem Stiefsohn verheiraten. Obwohl, das wird wohl nichts: Er ist ein talentierter junger Mann, sehr anspruchsvoll.
  • Aber was Sie sagen! Wo kommen wir denn an talentierte junge Männer heran! Und wie geht es Ihrer Nina? Sie schließt wohl bald die Schule ab?
  • Nina ist ziemlich haltlos geworden: Sie hat die Schule abgebrochen, übernachtet irgendwo auf Dachböden.

Saira sah Nikolai Wassiljewitsch nie wieder.

Aber die Gedichte waren wirklich sehr gut! Sie bewahrte sie mehrere Jahre lang auf, bis...

Der 100. Geburtstag Lenins wurde im Werk ebenso feierlich begangen wie im ganzen Land. Das Werk hatte keinen eigenen Klub, deshalb mietete man für die Feierstunde und das Konzert das Gebäude des Opernhauses. Für den nächsten Tag war ein werksweiter Subbotnik zur Reinigung des Geländes geplant.

Saira konnte sich nicht entscheiden, ob sie in die Oper gehen sollte oder nicht. Man versprach ein gutes Konzert, aber sie war es so leid, immer die Dritte neben irgendeinem Ehepaar zu sein, dass sie eher dazu neigte, zu Hause zu bleiben und Hausarbeit zu erledigen oder zu lesen. Doch eine Stunde vor Beginn der Feier kam die Nachbarin Njussja vorbei und sagte, sie könne nicht mitkommen, deshalb „vertraue" sie ihr ihren Mann für den ganzen Abend an. Bald erschien auch Andrej selbst, herausgeputzt, aufgeregt: Offenbar hatten die Jubiläumsfeierlichkeiten schon bei der Arbeit begonnen.

Saira und Andrej gingen zur Obushaltestelle, als ein vorbeifahrender Pkw hupte und anhielt. Die Türen öffneten sich, Andrej setzte sich zum Fahrer, Saira neben... Wiktor Sergejewitsch, den Leiter des größten Labors des Konstruktionsbüros, einen talentierten Konstrukteur, bekannt für seine Erfindungen nicht nur im Land, sondern auch im Ausland. Klug, praktisch veranlagt, kannte er keine Ruhe, lud auch seine Untergebenen mit Energie auf, die ihn abgöttisch liebten, obwohl er, trotz seiner scheinbaren Offenheit und Einfachheit, wie es hieß, auch streng und manchmal sogar hart sein konnte. Beruflich hatte Saira nichts mit ihm zu tun: Er leitete das führende Labor, sie war einfache Ingenieurin im benachbarten. Aber kein Fest in der Familie von Andrej und Njussja verging je ohne die Anwesenheit von Wiktor Sergejewitsch: Er und Andrej hatten in derselben Studentengruppe studiert und waren enge Freunde geblieben.

Saira war ihm schon am ersten Tag ihrer Bekanntschaft aufgefallen. Und es war auch unmöglich, ihn nicht zu bemerken — groß, mit schönem grauem Haar, entfernt einem bekannten Schauspieler ähnlich.

Manchmal kam Wiktor Sergejewitsch mit seiner Frau, einer äußerlich unauffälligen, kleinen, üppigen Frau, nicht unklug, aber sehr selbstsicher, apodiktisch. Wenn Saira sie beobachtete, wie betont aufmerksam er zu seiner Frau war, wie er sich um sie kümmerte, wie er verstummte, wenn sie ihn grob unterbrach, konnte sie einfach nicht verstehen, was diese scheinbar so unterschiedlichen Menschen miteinander verband. Saira hatte gehört, er liebe seinen Sohn Igor über alles, und viele meinten, gerade dadurch halte ihn seine Frau. Sie musste wohl gewisse Vorzüge haben, wenn ein solcher Mann zwei Jahrzehnte bei ihr blieb.

Wenn Wiktor Sergejewitsch ohne seine Frau bei Andrej war, war er ein ganz anderer — heiter, gelöst. An solchen Abenden fing Saira seinen aufmerksamen, warmen Blick auf, auf den sie zu reagieren bereit war, doch sofort ermahnte sie sich selbst, erinnerte sich, wie er um seine Frau warb.

Und nun saß er neben ihr. Nach ein paar Minuten hielt der Wagen wieder, und Sairas direkter Vorgesetzter, Alexej Fjodorowitsch, stieg zu. Von beiden roch es leicht nach Kognak. Saira saß eingezwängt im engen Wagen zwischen zwei so ansehnlichen Männern und dachte, dass sich allein diese kurze Fahrt gelohnt hatte, um überhaupt aus dem Haus zu gehen. Und sie ließen die Federn spielen: witzelten, warfen sich leichte Bemerkungen zu. Saira begriff, dass dieses Spiel für sie inszeniert wurde, und Freude stieg in ihr auf.

Im Theater gingen alle drei ihrer Begleiter ins Präsidium, ließen sie zwischen leeren Sesseln sitzen und versprachen, zum Konzert wieder auf ihre Plätze zurückzukommen. Aber sie erschienen nicht. Und so saß Saira allein bis zum Ende des Abends.

Nach dem Konzert beschloss sie doch, sie zu suchen. Es war spät, allein zurückzugehen war etwas beängstigend, außerdem hatte Njussja gebeten, den leicht ablenkbaren Andrej nicht aus den Augen zu lassen.

Wo konnten sie sein? Natürlich im Buffet. Sie sah sie durch die offene Tür, bemerkte die vollen Gläser vor ihnen und begriff, dass sie allein nach Hause fahren müsste. Aber sie holten Saira ein, als sie schon mit einem Fuß auf der Stufe des Obusses stand, zogen sie zurück und begannen, mit lautem Geschrei die ganze Hauptstraße entlang ein Taxi zu suchen. Endlich hielt ein Taxi. Alexej Fjodorowitsch, der in der Nähe wohnte, verabschiedete sich, küsste ihr galant die Hand, und Saira saß wieder mit zwei Männern im Wagen.

Sie fuhren zu ihrem Haus. Der Abend war warm, frühlingshaft. Die Stimmung gehoben. Sie hatte keine Lust nach Hause, in ihre Einsamkeit. Und, als hätte er das gespürt, fragte Wiktor Sergejewitsch plötzlich:

  • Saira, haben Sie es eilig? Sollen wir spazieren gehen? Was für eine wunderbare Nacht!
  • Ja, ja! Spazieren gehen! - Andrej antwortete als Erster. Sie machten drei Runden um den Weg ums Haus. Wiktor Sergejewitsch schwieg, Saira wartete gespannt, was geschehen würde. Der arglose Andrej erzählte unaufhörlich irgendetwas. Als sie wieder einmal von der Seite ans Haus kamen, wo Andrejs Fenster lagen, sagte Wiktor Sergejewitsch zu ihm:
  • Schau, im Schlafzimmer brennt Licht. Njussja schläft nicht, wartet auf dich.

Daran, wie eilig Andrej sich verabschiedete, war zu erkennen, dass ihm endlich etwas gedämmert war. Noch waren Andrejs Schritte im Treppenhaus zu hören, als Wiktor Saira mit kräftigen Armen an sich zog und zu küssen begann. Dann gingen sie, nun zu zweit, wieder den Weg entlang, blieben bei jedem Baum stehen und küssten sich, küssten sich.

Als sie sich trennten und Saira ihr Stockwerk erreichte, konnte sie lange nicht mit dem Schlüssel ins Schloss finden — ihre Hände zitterten. Sie schaute in den Spiegel — das Gesicht glühte. Sie legte sich hin und ließ den ganzen Abend noch einmal in den kleinsten Einzelheiten Revue passieren. Mit diesem Gefühl der Freude schlief sie ein.

Der erste Gedanke, der ihr am Morgen kam — nichts davon würde sich wiederholen. Sie hatte keine Lust auf den Subbotnik, wo sie unweigerlich Wiktor begegnen würde, der, schamhaft die Augen abwendend, so tun würde, als sei nichts gewesen, und wenn doch, dann nur aus Trunkenheit. Das hatte sie ja schon erlebt!

Saira kam etwas verspätet zum Subbotnik. Wiktor sah sie schon von weitem. Er stand direkt am Eingang zum Werkshof, sprach mit jemandem und musterte gleichzeitig alle Ankommenden. Sie war ihm schon ziemlich nahe, als sein Blick auf ihr ruhte. Sein Gesicht verwandelte sich in einer Minute, strahlte auf. Er machte einige Schritte auf sie zu, und sie erschrak, dass er sie jetzt, gleich hier, vor den Augen des ganzen Werks in die Arme schließen würde. Saira betrachtete damals zum ersten Mal seine klugen, funkelnden, jugendlichen braunen Augen, die für den Rest ihres Lebens in ihrer Erinnerung bleiben sollten.

Den ganzen Subbotnik über pendelte er zwischen seinem Labor und ihr. Er griff nach der Trage, trug mit ihr Müll in die ferne Ecke des Hofs, und auf dem Rückweg redete und redete er. Es schien, als sei der Rausch von gestern noch nicht verflogen.

  • Ich bin wohl im Alter verrückt geworden! Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen, wollte zu dir laufen. Wie nennt man dich abgekürzt? Saira ist schön, aber lang. Du bist einfach Ra! Für mich bist du Ra, so werde ich dich jetzt nennen. Wann sehen wir uns? Morgen? Nein, das dauert zu lange. Komm heute Abend zu Andrej, ich komme auch dorthin.

So begann ein jahrelanges Märchen mit vollständigem Ineinander-Aufgehen, mit Unverständnis, mit Nähe, mit einer dem Alter nicht angemessenen Leidenschaft, mit wahnsinniger Eifersucht, mit Wärme, mit Zärtlichkeit, mit Streitereien am Rand des Bruchs, mit Selbstvergessenheit, mit Entfremdung...

***

Plötzlich stellte sich heraus, dass die beiden Labore gemeinsame Angelegenheiten hatten, die nicht nur Telefonate, sondern auch persönliche Treffen erforderten. Wiktor ging auf dem Weg ins Büro von Alexej Fjodorowitsch an Sairas Schreibtisch vorbei und legte, ohne den Blick von ihr zu wenden, entweder eine lange Botschaft mit dem Ausdruck seiner Gefühle und Sorgen oder ein Zettelchen mit lieben Worten und angehefteten Veilchenblütenblättern auf den Tisch. Wiktor erzählte später, seine Sekretärin sei ratlos gewesen, was mit der Blume auf der Fensterbank seines Büros geschehen sei, warum sie so gerupft aussah.

Sie suchten jeden Vorwand, um sich zu sehen, auch nur kurz, auch nur aus der Ferne, und wenn das an einem Tag nicht gelang, erschrak Saira: Er hatte es sich anders überlegt, er fürchtete, wie jeder verheiratete Mann, dass eine alleinstehende Frau ihn „um den Finger wickeln" würde. Sie wollte Wiktor zu verstehen geben, dass sie ihn nicht belasten und nichts in seinem Leben zerbrechen wolle, solange er nur in der Nähe sei! In welcher Rolle auch immer!

Bei den zahllosen Versammlungen — gewerkschaftlichen, betrieblichen, offenen Parteiversammlungen — setzten sie sich nebeneinander und schoben sich scherzhafte Zettel zu. Bei einer dieser Versammlungen schrieb sie ihm: „1. Ich garantiere die Geheimhaltung unserer Treffen. 2. Ich erhebe keinen Anspruch auf die Legalisierung unserer Beziehung..." und noch etwas, längst vergessen. Sie ahnte nicht, welchen Fehler sie damit beging!

Sairas Geburtstag rückte näher, sie hatte sich schon überlegt, wie sie ihn mit Wiktor feiern würde, aber am Vorabend schickte er ihr einen Zettel, dass er für eine Woche nach Moskau fahre. Natürlich war sie enttäuscht. Am nächsten Tag rief Alexej Fjodorowitsch sie zu sich.

  • Saira, folgende Sache: Sie müssen heute nach Moskau fahren, dringend einen Vertrag bringen. Die Fahrkarte ist schon gekauft, stellen Sie die Dienstreisepapiere aus.
  • Alexej Fjodorowitsch, warum ich? Morgen ist mein Geburtstag.
  • Macht nichts, feiern Sie nach der Rückkehr. Ich habe niemand anderen zu schicken, alle haben dringende Arbeit.

Und plötzlich begriff Saira: Sie wusste, dass Wiktor in der „Rossija" wohnte, leicht zu finden. Vielleicht... Alexej Fjodorowitsch wich ihrem Blick etwas zu auffällig aus.

Saira musste Wiktor nicht suchen. Er stand auf dem Bahnsteig mit einem riesigen Strauß Tulpen und beobachtete die Fenster des langsam einfahrenden Waggons. Er sah so feierlich aus, dass sich alle Vorbeigehenden nach ihm umdrehten. Saira fiel ihm um den Hals, konnte die Freudentränen, die Glückstränen nicht zurückhalten.

  • Meine geliebte Ra, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Komm, man wartet auf uns im Auto.

Saira fragte nichts. Wie lange hatte sie darauf gewartet, dass jemand sich um sie kümmerte, sie irgendwohin führte, sodass sie selbst nichts entscheiden musste!

Im Auto saß ein Mann mit typisch georgischem Aussehen.

  • Das ist Giwi, ein alter Freund von mir. Er promoviert gerade, wohnt in der „Rossija". Er hat auch für dich ein Zimmer reserviert.

Sie betraten das Zimmer. Auf dem Tisch Obst, Süßigkeiten, Champagner, ein Flakon Parfüm. Sie stellten die Blumen in eine Vase — es wurde ganz festlich. Alles war wie im Film, und, wie es Saira bis zu diesem Tag geschienen hatte, so etwas gab es im Leben nie. Sie tranken. Giwi hielt einen blumigen Trinkspruch auf das Wohl der Geburtstagskindes.

  • Siehst du, Giwi, was für eine Frau ich habe? Und du hast gesagt: „Hör mal, wozu brauchst du eine Ossetin, die sind doch..."

Aber Giwi ließ ihn nicht ausreden:

  • Genug, genug! Ich nehme meine Worte zurück.

So erfuhr Saira nie, wie die Osseten nach Giwis Meinung waren, aber für Saira blieb er bis zuletzt ein treuer Freund.

Nach dem Frühstück gingen sie ein Geschenk für Saira kaufen. Im Kaufhaus lebte Giwi sich richtig in seine Rolle ein. Er ging die aufgehängten Kleider entlang, musterte sie kritisch, wählte schließlich drei aus, und Saira musste alle anprobieren. Sobald sie ein Kleid angezogen hatte, trat sie aus der Kabine, und die beiden betrachteten sie kritisch, und es war unklar, wer mehr Vergnügen daran hatte — sie oder die beiden Männer. Sie entschieden sich für ein schönes blaues Kleid. Saira blieb darin, als sie sich von Giwi verabschiedeten und zu ihrer Schwester Olja fuhren. Wiktor bezauberte Olja und ihren Mann mit seiner Einfachheit, seiner Ungezwungenheit. Von Olja fuhren sie zu einem Konzert: Für jeden Tag ihres Moskau-Aufenthalts hatte Wiktor Theaterkarten besorgt. Und nach dem Konzert gingen sie umschlungen wie junge Verliebte den Kalininski-Prospekt entlang zurück zur „Rossija".

Tagsüber ging Saira mit Wiktor seinen Angelegenheiten nach — ihre eigenen bestanden nur darin, einen Vertrag beim Ministerium abzugeben, der, wie sich herausstellte, überhaupt nicht dringend hätte gebracht werden müssen, man hätte ihn ruhig mit der Post schicken können. Wiktor wurde überall sehr herzlich empfangen, er stellte Saira allen vor: „Meine Freundin!" — und Stolz klang in seiner Stimme mit. Saira erschien sich selbst plötzlich so schön, wie sie es nicht einmal als Mädchen gewesen war.

***

Im Sommer fuhr Lara mit ihrer Tochter zur Erholung ans Asowsche Meer. Ein paar Tage später rief sie Saira an:

  • Hier ist es so schön! Wenig Leute, der Strand ist reiner Sand. Ich miete euch ein Zimmer, kommt her.

Wiktors Frau und Sohn waren den zweiten Monat auf der Krim, Alan war im Praktikum, Fatima auf einer Wolgareise — nichts hielt sie zurück, und sie fuhren los. Sie waren einen Tag lang unterwegs. Bis zum Abend erreichten sie Kirillowka und quartierten sich bei einer sympathischen älteren Ukrainerin ein. Am Morgen gingen sie mit Lara und deren Tochter an den Strand. Wirklich sehr wenige Leute, alle wie auf der Handfläche zu sehen. Die Erste, die sie sahen, war die allwissende Sekretärin des Werksdirektors. Als sie sie bemerkte, wurde sie verlegen, wandte sich ab, aber Wiktor ging zu ihr, sprach übers Wetter, erkundigte sich, ob das Wasser gut sei.

Saira war eine hoffnungslose Schwimmerin, hielt sich kaum über Wasser. Aus Angst, Wiktor könnte es langweilig werden, sich mit ihr im Flachwasser abzugeben, ging sie bald an Land und setzte sich in den warmen Sand, beobachtete, wie schnell er zur Boje hinausschwamm. Dann legte sie sich hin, schloss die Augen und versuchte zu verstehen, warum sie das Gefühl hatte, das alles schon einmal erlebt zu haben. Es war ihr erstes Mal am Meer ohne die Kinder — was daran kam ihr so vertraut vor? Sie erinnerte sich! „Der Flüchtling" — eine kürzlich gelesene Erzählung von Dubow. Zwei Menschen schlagen am Meer nicht weit von einem Dorf ein Zelt auf, dessen Bewohner mit Rührung und Neid ihre Beziehung zueinander beobachten und sie für ein Ehepaar halten. Ein Sturm. Der Mann ertrinkt. Seine Frau und der erwachsene Sohn kommen, um die Leiche zu holen, kleinlich, streitsüchtig. Sie bleibt allein zurück, ohne die Möglichkeit wegzukommen, unter den spöttischen, schadenfrohen Blicken der Dorffrauen.

Saira wurde unruhig, sie stand auf. Wiktor war nirgends zu sehen. Wie ähnlich das der Situation in der Erzählung war. Obwohl — nein, dort hatte es einen Sturm gegeben. Endlich sah sie einen lächelnden Wiktor, der sich mit jemandem unterhielt.

Am Abend gingen sie am Meeresufer spazieren. Sie stiegen einen Hang hinauf, blickten auf die Lichter des Dorfs unten, auf das Meer mit den Silhouetten der Schiffe in der Ferne. Saira stand, an Wiktor gedrängt, er legte den Arm um ihre Schultern, und wieder schien es, als geschähe das nicht ihr, sondern im Film. Sie hatte nie vermutet, dass es ein so greifbares Gefühl vollkommenen Glücks geben könnte.

Sie hatten geplant, etwa zwei Wochen in Kirillowka zu bleiben, aber schon nach ein paar Tagen, am Abend, als es schon Zeit zum Schlafengehen war, kam eine aufgeregte Lara angelaufen. Ihre Vermieterin, die beim Telegrafenamt arbeitete, hatte sie gewarnt, dass ab dem nächsten Tag wegen einer Choleraepidemie eine Quarantäne verhängt würde. Wenn sie es nicht rechtzeitig schafften wegzufahren, würden sie hier vierzig Tage lang festsitzen! Eine wenig verlockende Aussicht, und binnen einer halben Stunde saßen alle vier im Auto. Sie fuhren ohne Halt etwa fünf Stunden, und erst als sie die mögliche Quarantänegrenze hinter sich gelassen hatten, hielten sie zur Übernachtung an. Zu Hause fand Saira Fatima vor, die wegen der Cholera von halbem Weg zurückgeschickt worden war.

Ein paar Tage nach der Rückkehr beging Saira ihren zweiten unwiederbringlichen Fehler. In einem Moment der Offenheit erzählte Wiktor ihr von seinen früheren Verliebtheiten. Saira, die vermutete, er könnte von jemandem aus dem Werk von Nikolai Wassiljewitsch erfahren haben, hatte längst nach einer passenden Gelegenheit gesucht, es ihm selbst zu erzählen. Und nun bot sich die Gelegenheit. Sie erzählte alles, zeigte sogar die Gedichte. Er las sie, verzog angewidert die Lippen, gab ihr das Blatt schweigend zurück. Bald darauf ging er.

Zwei Tage lang rief er sie nicht an. Das war noch nie vorgekommen! Wenn Saira anrief, nahm niemand ab. Sie dachte, er sei dringend irgendwohin gefahren. Am dritten Tag kam Wiktor unangemeldet. Saira wollte sich zu ihm hinneigen, aber er schob sie kühl weg.

  • Ich bin gekommen, um mit dir zu sprechen. Wir werden uns nicht mehr treffen! Es fällt mir nicht leicht, das zu sagen. Ich wollte ohne Erklärungen auskommen, aber das wäre unehrlich. Seit einigen Monaten nimmst du immer mehr Raum in meinem Leben ein. Ich schlafe mit Gedanken an dich ein, wache auf und strebe wieder zu dir. Leider habe ich mich in dich verliebt, aber du kannst nicht die Meine sein...
  • Aber ich habe dir doch von Anfang an gesagt, dass ich keine Ansprüche stelle.
  • Genau darin liegt das ganze Problem. Für dich bedeute ich nichts. Gestern war es Nikolai Wassiljewitsch, vielleicht noch jemand, heute ich, morgen — wer weiß. Übrigens hast du all deine Gefühle schon an Nikolai Wassiljewitsch verschwendet. Du bist bei mir, lebst aber von Erinnerungen an ihn. Nicht umsonst bewahrst du seine Gedichte so viele Jahre auf, und von dem Ring trennst du dich nicht...
  • Der Ring hat nichts mit ihm zu tun!
  • Lüg nicht! Du hättest dich sehen sollen, als du von ihm erzähltest — deine Augen glänzten. Ich will keine ausgetretenen Pfade gehen. Du nimmst mir zu viel Kraft und Zeit weg. Es geht nicht einmal um mich, alles, was ich in dich investiere, nehme ich meinem Sohn weg, meiner Mutter. Seit einem Monat war ich nicht mehr bei ihr, aus Angst, auch nur einen Tag ohne dich zu sein. Also, ich will unsere Treffen beenden, solange ich noch dazu in der Lage bin. Ich glaube nicht, dass du sehr trauern wirst, du hast mich ja von Anfang an nicht ernst genommen, hattest sogar Angst vor meiner Zuneigung, sonst wäre deine erste Bedingung nicht gewesen — wie hast du es geschrieben? — 'Ich erhebe keinen Anspruch auf offizielle Anerkennung der Beziehung.' Kann eine liebende Frau überhaupt 'keine Ansprüche stellen'?

Saira sah ihn an, versuchte nicht einmal zu erfassen, was er sagte, und dachte entsetzt: „Ist das wirklich er, Wiktor, der mich noch vor ein paar Tagen mit so verliebten Augen ansah?" Sie hätte nie vermutet, dass er eine solche Stimme haben könnte — kalt und hart!

Er ging, und Saira saß, ausgehöhlt, ohne sich zu rühren, nur ihr eigenes klopfendes Herz war zu hören. Sie legte sich hin und schlief sofort ein. Gegen Morgen wachte sie auf. Was drückte da so? Wiktor! Vorbei, er war weg! Sie wollte nicht aufstehen, zur Arbeit gehen, überhaupt nicht leben. Wenn sie doch nur wieder einschlafen könnte! Sie hörte Stöhnen. Wer? Fatima! Saira sprang auf.

  • Was ist mit dir?
  • Meine Seite tut sehr weh.
  • Warum hast du mich nicht geweckt?
  • Ich wollte. Ich kam zu dir, aber du hast dich so seltsam hin und her geworfen, und ich traute mich nicht.

Saira rief den Krankenwagen. Blinddarmentzündung. Das Notfallkrankenhaus lag am anderen Ende der Stadt. Saira wartete, bis Fatima operiert worden war, fuhr dann zur Arbeit, nahm drei Tage frei. Am Abend ging sie hinaus, um ins Krankenhaus zu fahren. Auf der Straße stand Wiktors Auto. Er öffnete die Tür, sie stieg ein, schob eine Tüte mit Äpfeln und Zitronen beiseite. Sie fuhren los. Nach einer Weile sprach Wiktor:

  • Keine Sorge, ich habe tagsüber im Krankenhaus angerufen, mit dem Arzt gesprochen. Alles in Ordnung.

Zusammen gingen sie ins Zimmer. Fatima sah schon gut aus. Auf dem Heimweg schwiegen sie ebenso. Saira öffnete die Tür, um auszusteigen, als Wiktor fragte:

  • Willst du mich nicht mal auf einen Tee einladen?
  • Komm mit rein.

Sie betraten die Wohnung. Er nahm Saira in die Arme.

  • Um Gottes willen, verzeih mir! Ich habe dir wehgetan, ich weiß. Ich sehe, wie schwer es dir fällt, aber auch ich habe mich zwei Tage lang gequält. Versteh mich, mir kommt es die ganze Zeit so vor, als bräuchtest du mich nicht. Und dann noch deine Geschichte... Ich habe den selbstgefälligen, sich jung gebenden Nikolai Wassiljewitsch nie gemocht, und jetzt hasse ich ihn. Warum ausgerechnet er? Es würde mir nicht so wehtun, wäre es jemand anderer gewesen. Mir scheint, du wirst auch meine Zettel dem nächsten zeigen, nach mir...

Saira schob ihn weg, holte das Blatt mit den Gedichten hervor und zerriss es in kleine Stücke. Sie überlegte kurz und zerriss auch Wiktors Zettel.

  • Jetzt kannst du beruhigt sein, ich zeige sie niemandem, selbst wenn ich wollte.

Das war ihr erster Streit. Und wie viele es danach noch geben sollte! Einer pro Jahr! Aber Saira konnte sich nie an sie gewöhnen, jedes Mal schien es das Ende zu sein, und er würde nie wiederkommen. Sie weinte an Fatimas Schulter, die sie tröstete:

  • Mamachen, es wird sich schon regeln. Erinnere dich! So war es letztes Jahr, und vorletztes Jahr auch.

Anlass für alle Streitereien war die Eifersucht. Es genügte, dass Wiktor irgendjemandes Blick auf Saira auffing oder ihm schien, sie hätte nicht richtig gelächelt, und schon kam alles wieder hoch: Nikolai Wassiljewitsch, und der Ring (obwohl der unerklärlich verschwunden war), und die lange aufbewahrten Gedichte, und die leicht zerrissenen Zettel...

Sich zu rechtfertigen war zwecklos. Nicht sofort, aber irgendwann begriff Saira, dass er diese Streitereien brauchte. Bei seiner offenen, stolzen Natur fiel es ihm schwer, ein Doppelleben zu führen. Er brauchte gewichtige Selbstrechtfertigungen, und er versuchte, vielleicht sogar unbewusst, ihr die Schuld dafür zuzuschieben, dass er ganz am Anfang keinen entschlossenen Schritt getan hatte. Zunächst hielt ihn die Angst zurück, seinem Sohn zu schaden, dann, als Igor eine eigene Familie hatte und die Fürsorge des Vaters nicht mehr brauchte, änderte sich Wiktors Lage — der hohe Posten verpflichtete ihn, den Anschein eines vorbildlichen Familienvaters zu wahren. Und wohl war es auch bequem geworden, Gefühle und Alltag nicht zu vermischen. Auch Saira hatte sich an die Rolle der inoffiziellen Ehefrau gewöhnt. Bei Saira fand Wiktor auch das, was ihm zu Hause fehlte, woran er sich bei der Arbeit gewöhnt hatte — Macht. Er war der Chef, er „dirigierte die Parade"! Und sie, vom Leben schon belehrt, spielte mit, versuchte, noch gehorsamer zu erscheinen, als sie es tatsächlich war. Auf all seine Vorschläge antwortete Saira mit dem Satz der Heldin aus einer schlichten Erzählung von Juri Nagibin, die sie zusammen in Kirillowka gelesen hatten: „Wie du sagst, Aurelio!" Und es bleibt offen, ob eine so starke Bindung sich sonst über so viele Jahre, bis ins nicht mehr junge Alter, gehalten hätte.

Sie waren fünfzehn Jahre zusammen! Viel Wasser war in diesen Jahren den Fluss hinabgeflossen, vieles war geschehen. Die Kinder schlossen ihr Studium ab, die Söhne heirateten. Saira tauschte ihre Wohnung, damit Alan sein Leben selbstständig aufbauen konnte. Fatima wurde verheiratet. Sie begruben ihre Mütter. Sie überstanden schwer den Tod des treuen Freundes Andrej. Wiktor wurde Leiter des Konstruktionsbüros.

Jedes Jahr feierten Saira und Wiktor den Jahrestag ihrer „Hochzeit". Zum fünfzehnten Jahrestag bereitete sie seine geliebten „Olibach" zu. Sie deckte den Tisch, stellte eine Flasche Araka mit Maiskolben-Stopfen hin. Trinken würden sie zwar etwas ganz anderes, aber traditionsgemäß wurde immer Araka aufgestellt, und nicht einfach Araka, sondern mit hervorstehendem Maiskolben. Einmal hatte ihre Mutter, zu Besuch bei Saira, so eine Flasche mitgebracht. Wiktor und Andrej hatte das so gerührt, dass sie seitdem darauf bestanden, die unter der Mutter eingeführte Ordnung zu wahren. Wiktor hegte überhaupt großen Respekt vor kaukasischen Traditionen. Er kannte georgische und kabardinische Bräuche gut — dort hatte er viele Freunde —, und übertrug später seine Zuneigung zu Saira auch auf Ossetien. Hörte oder las er irgendwo auch nur ein paar Worte über Osseten, teilte er es ihr sofort mit, machte sich Notizen. Auch ossetische Sprichwörter waren bei ihm im Umlauf. Er war begeistert, als Saira ihm eine Geschichte erzählte, die sie von ihrer Mutter gehört hatte.

In dem Dorf, in dem die Mutter aufwuchs, gab es einen Dummkopf, der auf den üblichen ossetischen Gruß an einen auf dem Weg Begegneten: „Möge dein Weg gerade sein!" — immer ausrief: „Wozu? Soll die Straße sich winden, dann laufe ich länger, vielleicht stoße ich auf etwas Interessantes."

Seither gab es keinen Fall, dass Wiktor, wenn sie gemeinsam irgendwohin aufbrachen, nicht gefragt hätte: „Fahren wir gerade oder im Zickzack?"

Einmal, als er sich abfällig über jemanden geäußert hatte, fügte er hinzu: „Allerdings, vielleicht habe ich auch unrecht. Du hast doch selbst gesagt: 'Wen man nicht liebt, der isst schmatzend und schlurft beim Gehen.'"

Einmal lobte er ausgiebig seinen Sohn, dann besann er sich und sagte lachend zu Saira:

  • Du hörst mir zu, denkst dir aber wahrscheinlich: 'Für den Frosch ist sein Kaulquappe ein Sonnenstrahl!' — stimmt's?

Und noch eine Redewendung war bei ihnen im Umlauf, aus einem ossetischen Gleichnis, das Saira Wiktor bei passender Gelegenheit erzählt hatte.

Ein Bergbewohner fuhr die Straße hinunter, mit einem Ochsenkarren. Plötzlich sieht er: Da steht ein Mann und hält einen Felsen. „Warum stehst du so merkwürdig da?" fragte ihn der Bergbewohner. „Oh, gleich geschieht ein großes Unglück: Der Felsen wird einstürzen, und alles Lebendige im Tal wird umkommen!" — „Was ist zu tun?" — „Steh du an meiner Stelle und halte den Berg, und ich fahre mit deinen Ochsen in den Wald, Stützen holen." Er sprang auf den Karren — und war verschwunden. Und der arglose Bergbewohner steht bis heute da und stützt den Felsen.

Wenn Saira sich verspätete, rief Wiktor an und begann immer mit dem Satz: „Wie lange muss ich diesen Felsen noch stützen?" Allerdings musste in letzter Zeit immer öfter Saira „den Felsen stützen". Seit Wiktor zum Leiter des riesigen Konstruktionsbüros ernannt worden war, fiel es ihnen schwer, Zeit für Treffen zu finden. Als er sie vor der Zusage zu dem Posten um Rat fragte, warnte er, sie könnten wohl nicht mehr so viel Zeit zusammen verbringen, frei durchs Land reisend. Saira begriff genau, dass die Nachfrage bei ihr reine Formalität war. Längst schon waren die Grenzen eines einzelnen Labors, ja sogar einer ganzen Abteilung, für ihn zu eng geworden. Die Arbeit unter einem wenig kompetenten Leiter des Konstruktionsbüros band ihm die Hände und ärgerte ihn. Und als der Leiter schließlich abgesetzt wurde, war ein besserer Kandidat als Wiktor kaum vorstellbar. Man erzählte Saira, dass, als seine Kandidatur im Parteikomitee besprochen wurde, einer der besonders rechtschaffenen Kommunisten fragte: „Ist den Mitgliedern des Parteikomitees bekannt, dass Wiktor Sergejewitsch eine Affäre mit Saira Kasbekowna hat?" Geantwortet auf die Frage hatte Alexej Fjodorowitsch: „Das ist keine Affäre, das ist Liebe!" Diese Erklärung schien die Mitglieder des Parteikomitees zufriedenzustellen: Sie empfahlen Wiktor einstimmig für den Posten.

Mit Wiktors neuer Ernennung änderte sich vieles. Saira entdeckte an ihm Züge, die ihr vorher nicht aufgefallen waren. Dass Wiktor ehrgeizig war, hatte sie immer gewusst. Aber dass er so leicht auf Schmeichelei hereinfallen würde, dass er Menschen nicht besonders gut einschätzen konnte und bald von nicht gerade würdigen Leuten umschwärmt werden würde — das hatte sie nicht erwartet. Saira war bei der offiziellen Feier zu seinem Geburtstag anwesend, es war ihr peinlich, den unterwürfigen Lobhymnen zuzuhören, und sie wartete jeden Moment darauf, dass Wiktor sie unterbrechen würde, aber er hörte sich alles schweigend an. Am nächsten Tag äußerte Saira ihm gegenüber ihre Empörung, aber er winkte ab: „Sollen sie reden, ich weiß ja, was sie wert sind." Aber das waren nur Worte. Eine Handvoll Schmeichler drängte sich in Positionen als seine Stellvertreter, Assistenten — manche grüßten Saira jetzt schon von weitem —, während Andrej und Alexej Fjodorowitsch, die Einzigen, die ihm nach wie vor die Wahrheit sagten, an den Rand gedrängt wurden.

Während sie über all das nachdachte, „stützte" Saira „den Felsen", stand am Fenster und war nervös, dass die Pasteten kalt würden. Wiktor stieg aus dem Auto und ging, von den Blicken der auf der Bank sitzenden Nachbarinnen begleitet, ins Treppenhaus, wie es sich für einen Mann gehört, Callablumen in ausgestreckten Armen tragend. Zusammen mit den Blumen überreichte er ihr einen Zeitungsausschnitt.

  • Ich werde das Rad nicht neu erfinden. Alles, was ich fühle und dir sagen möchte, hat Boris Lawrenjow schon seiner Geliebten geschrieben.

Saira las die von ihm unterstrichene Stelle: „Wie viel ist verloren und vertan worden auf den Umwegen über unebenes, zerklüftetes Land, und wie zieht sich das Herz zusammen bei dem Bewusstsein, dass so wenig Zeit bleibt, um für dich zu atmen und zu leben, wo man doch ein ganzes Leben lang von dieser unrechtmäßigen Freude hätte erfüllt sein können. Aber vielleicht ist es so besser, so muss es sein.

Vielleicht musste man, um mit nie gekannter Schärfe und Klarheit die durchdringende Kraft wahrer Liebe zu spüren, einen schweren Weg durch Dornen gehen..." Wie oft hatte auch Saira selbst so gedacht!

Irgendwie still geworden, saßen sie lange am Tisch. Dann tranken sie auf das Glück, auf die Gesundheit, gedachten des vor einem Jahr verstorbenen Andrej. Die Pasteten waren hervorragend gelungen!

Das war an einem Freitag. Für Samstag hatte Saira den Frühjahrsputz der Wohnung geplant. Sie verabredeten, am übernächsten Tag nach dem Werkssamstag irgendwo essen zu gehen.

Der Samstagmorgen begann mit Wiktors täglichem Anruf:

  • Guten Morgen, mein teurer Mensch! Was machst du?
  • Ich mache mich ans Fensterputzen.
  • Nun, dann an die Arbeit. Ich unterschreibe Papiere, empfange Leute, dann rufe ich an.

Etwa zwei Stunden später rief er wieder an:

  • Ra, ich habe in die Aktentasche geschaut — habe das Geschenk gefunden, das ich dir gestern zu geben vergessen habe. Ich bin so gehetzt, dass ich sogar so etwas vergesse.
  • Macht nichts, gib es mir morgen.

Saira putzte das Fenster, fing an zu fegen. Noch ein Anruf:

  • Also, soll ich dir vielleicht das Geschenk vorbeibringen?

Sie sah sich im halbfertigen Zimmer um, wollte die Arbeit nicht unvollendet lassen.

  • Mach dir keine Mühe, wir sehen uns morgen ohnehin...

Wiktor rief noch eine halbe Stunde später an:

  • Nun, ich werde mich wohl fertig machen. Ich bin heute irgendwie müde. Bis morgen, mein Liebling!

Saira legte auf, und ihr wurde unruhig zumute: Wiktor hatte offensichtlich darauf gehofft, eingeladen zu werden, und sie hatte sich wegen einer belanglosen Putzerei stur gestellt. Fünf Minuten später wählte sie seine Nummer — das Telefon klingelte, ohne dass jemand abnahm. Also war Wiktor nach Hause gefahren.

Am nächsten Tag kamen Saira und Lara pünktlich um zehn Uhr zum Werkssamstag. Im Werkshof standen die zum Subbotnik Gekommenen in Gruppen, aber aus irgendeinem Grund arbeitete noch niemand. Saira ging in ihr Labor, um die Schuhe zu wechseln. Das Telefon klingelte. Laras aufgeregte Stimme:

  • Saira, ein Unglück ist geschehen. Wiktor Sergejewitsch.
  • Sag schon! Was? Ein Unfall? Ist er verletzt?
  • Es gibt ihn nicht mehr... gestern gestorben...

Saira ließ den Hörer fallen. Sie rannte aus dem Labor. Lara musste sich irren. Wie, gestorben? Erst gestern hatte sie noch mit ihm gesprochen...

An der Tür stieß sie mit Alexej Fjodorowitsch zusammen, blickte ihn hoffnungsvoll an, aber er sagte traurig:

  • Ja, Sairatschen, es gibt Wiktor nicht mehr.

Sie kehrte ins Labor zurück und begann leise zu weinen, obwohl sie, wie jede Ossetin im Leid, sich am liebsten die Wangen zerkratzt und die Haare gerauft hätte. Dann begann es ihr zu scheinen, sie müsse etwas tun, etwas erfahren, irgendwohin laufen. Sie verließ das Labor, vor der Tür stand Alexej Fjodorowitsch und ließ Lara nicht hinein:

  • Lass sie eine Weile allein sein, lass sie sich ausweinen.

Saira ging über den Werkshof, ohne sich auch nur die Tränen abzuwischen. Es war ihr völlig gleichgültig, was die Leute, an denen sie vorbeiging, dachten, ob mit Mitgefühl oder mit Neugier. Wohin sollte sie gehen? Wer würde sie jetzt verstehen?

Sie ging zu ihrer Tochter, dem ihr nächsten Menschen!

  • Was ist mit dir? Was ist passiert? - fragte Fatima erschrocken.
  • Wiktor ist gestorben...
  • Oh, Mamachen, meine arme Mamachen!

Sie saßen umarmt da und weinten beide bitterlich...

Dann ging Saira zu Njussja.

  • Hast du von dem Unglück gehört?
  • Ja, Saira, ja. Igor hat mich in der Nacht angerufen.
  • Warum hast du mich nicht angerufen?
  • Ich wollte, dass du wenigstens die Nacht ruhig schläfst. Ich weiß aus eigener Erfahrung, was das für ein Kummer ist. Und von euch beiden wussten Andrej und ich schon vom ersten Tag an, wir haben nur so getan, als ahnten wir nichts.

Njussja erzählte, der diensthabende Werksmitarbeiter habe Wiktor spätabends im Ruheraum neben seinem Büro gefunden. Offenbar habe er sich unwohl gefühlt und sich aufs Sofa gelegt. Man habe die Familie benachrichtigt, den Krankenwagen gerufen. Vermutlich — ein Herzinfarkt.

  • Er ist jetzt in der Leichenhalle. Die Beerdigung ist übermorgen, vom Werk aus, nach Hause wird er nicht mehr gebracht, - schloss Njussja ihren Bericht.

Am Tag der Beerdigung wurde der Sarg mit Wiktors Leichnam morgens im Foyer aufgestellt. Saira ging, eingehakt bei Fatima, mit Njussja und deren Sohn an der langen Schlange von Mitarbeitern des Konstruktionsbüros, Werksangestellten vorbei: Wiktor Sergejewitsch war beliebt gewesen, die Trauer war aufrichtig. Bei Sairas Näherkommen verstummten die Gespräche. Sie waren schon an der Tür, als der Parteisekretär, nachdem er Njussja durchgelassen hatte, den Eingang versperrte.

  • Saira Kasbekowna, Sie brauchen nicht hineinzugehen. Ich weiß: Sie waren Wiktor Sergejewitsch der nächste Mensch, aber... jetzt ist es unpassend...
  • Wollen Sie, dass ich mich in die Schlange stelle?

Er hatte noch nicht geantwortet, als Fatima, ihre Mutter schützend, dicht an ihn herantrat und mit klirrender Stimme sagte:

  • Gehen Sie weg von meiner Mutter! Lassen Sie uns durch!
  • Ja, ja, bitte, - der Sekretär trat von der Tür zurück.

Alles war mit Blumen übersät. Durch die Schultern der in der Ehrenwache Stehenden erhaschte Saira einen Blick auf ein fremdes Gesicht im Sarg, ihr Blick blieb an den Revers des schwarzen Jacketts hängen. Warum glänzten sie so? Sie konnte nicht begreifen warum, aber es schien ihr sehr wichtig. Sie wollte nicht mehr dorthin sehen. Dort lag nicht Wiktor! In ihren Ohren klang noch seine Stimme, vor ihren Augen flackerte seine schnelle, bewegliche Gestalt, ihre Schultern spürten noch seine Hände... Dort lag jemand ganz anderer. Weinen wollte sie nicht. Sie stand da und sprach im Stillen mit ihm, folgte mechanisch dem Wechsel der Ehrenwache. Nun trat Giwi mit Trauerbinde ein. Wann war er eingeflogen? Wahrscheinlich gerade erst, sonst hätte er sie doch angerufen? Obwohl er es jetzt vielleicht auch könnte... Die Wache wechselte, und Giwi ging zu Wiktors Frau und Sohn, die beim Sarg saßen, beugte sich und umarmte sie. Als er den Kopf hob, bemerkte er Saira. Sie spannte sich an — würde er herüberkommen? Er umging die sitzenden Verwandten, kam zu ihr, den Kopf trauernd gesenkt. Er schaffte es nicht, etwas zu sagen — jemand rief ihn weg.

Auf dem Friedhof stand Saira ebenso teilnahmslos abseits, eingehakt bei Fatima. Sie hörte die Worte, die man gewöhnlich über dem Sarg eines bedeutenden Mannes spricht: talentiert sei er gewesen, weise, ein Vorgesetzter und Erzieher der Jugend, ein vorbildlicher Familienvater, zu früh gegangen, werde für immer in Erinnerung bleiben...

Alexej Fjodorowitsch kam heran, stellte sich neben sie, nahm ihre Hand...

Zu Hause nahm Saira ein Schlafmittel. Schlafen, schlafen, um an nichts denken zu müssen!

Es war schon dunkel, als Fatima sie weckte. Giwi war gekommen, mit ihm ein Kollege, der Wiktor gekannt hatte.

Und dort, endlich, an Giwis Schulter weinte sie alle Tränen aus, die sich den ganzen langen Tag über angestaut hatten. Auch er weinte, um den Tod eines engen Freundes trauernd. Sie saßen lange am Tisch, erinnerten sich, wie sie mehrmals gemeinsam Zeit in Moskau verbracht hatten, wie Saira und Wiktor bei Giwi auf der Datscha bei Suchumi zu Gast gewesen waren. Sie erinnerten sich auch an den Kauf des Kleides — Wiktors erstes Geschenk. Dann wurde Giwi empört:

  • So ein Mensch ist gestorben, und man hat ihm einen alten Anzug angezogen! Deshalb also glänzten die Revers so!

...Als Fatimas Sohn geboren wurde, nannten sie ihn Wiktor.

***

Am Tag der Operation wachte Saira sehr früh auf. Nach allen nötigen präoperativen Vorbereitungen ging sie zur Intensivstation und erfuhr von der Krankenschwester, dass es Tamara, die tags zuvor operiert worden war, zufriedenstellend gehe. Sie erfüllte das „Tassen"-Ritual, dessen Einhaltung alle für sehr wichtig für die spätere Genesung hielten: Man musste seine Tasse auf dem Nachttisch stehen lassen, eine Zitrone hineinlegen und darunter drei Rubel. Nach der Operation würde eine Pflegehelferin von der Intensivstation die Tasse und die Zitrone holen und das Geld behalten. Saira hatte keine drei Rubel, wollte fünf hineinlegen, aber alle protestierten einstimmig gegen den Bruch der üblichen Taxe. Sie musste Geld wechseln. Zu tun gab es nichts mehr, und bis zur Operation blieb noch eine lange Stunde. Saira schlenderte durchs Zimmer, ging dann in den Korridor hinaus und wartete auf Wladimir Leonidowitsch — vielleicht hatte er ihr noch etwas Wichtiges zu sagen. Als sie den Arzt am Ende des Korridors sah, ging sie ihm entgegen.

  • Warum sind Sie nicht im Zimmer? - fragte Wladimir Leonidowitsch. - Beunruhigt Sie etwas?
  • Ja.
  • Was denn?

Und, im Bewusstsein, dass sie etwas Dummes sagte, brachte Saira heraus:

  • Kann es nicht passieren, dass ich noch nicht eingeschlafen bin und Sie schon mit der Operation beginnen? Oder dass ich schon aufwache und Sie noch nicht fertig sind?

Ohne zu lächeln, antwortete der Arzt:

  • Ich verspreche Ihnen: weder das eine noch das andere wird geschehen. Seien Sie ruhig. Gehen Sie, wir fangen gleich an.

Und wieder der Operationssaal, das helle Licht, die Kälte des Tisches...

Saira erwachte von Worten:

  • Sie schläft noch. Da drüben, genau gegenüber der Tür.

Saira öffnete die Augen. Im Türspalt sah sie vertraute Gesichter: Alan, Ljuda, Fatima, Serjoscha. Sie begriff, dass sie schon auf der Intensivstation war. Sie schaffte es noch, ihnen zuzuwinken, bevor die Schwester die Tür schloss.

Im Nachbarbett lag Tamara. Wieder waren sie nebeneinander!

Einen Tag später wurden sie in das große, laute postoperative Zimmer verlegt, wo sich sowohl Saira als auch Tamara sehr unwohl fühlten. Sie waren erst einen Tag dort, als Wladimir Leonidowitsch nach ihnen schicken ließ und vorschlug, in ihr eigenes Zimmer zurückzukehren, solange ihre Betten noch frei waren, und sie ließen sich froh wieder in ihrem schon vertrauten, heimeligen Zimmer nieder.

Am selben Tag kam eine Neue ins Zimmer — Wera Nikolajewna, eine nicht mehr junge Frau mit erschöpftem Gesicht, nach ihrer Sprache zu urteilen gebildet. Zwei Söhne stützten sie, legten sie fürsorglich hin, deckten sie zu. Die Schwester gab ihr eine Spritze, und bald schlief sie ein. Am Abend kam Wera Nikolajewna zu sich und erzählte, sie sei sechzig Jahre alt, sei Chefingenieurin eines großen Werks gewesen, habe die Arbeit vor drei Jahren aufgegeben, als ihr Mann nach einem Schlaganfall gelähmt wurde. Beide erwachsenen Söhne lebten getrennt, und obwohl sie den Vater oft besuchten, laste die Hauptlast der Pflege des bewegungsunfähigen Mannes auf ihr. Seit einem halben Jahr schon tue ihr die Seite weh, genau an der Stelle, wo der kranke Mann sie beim Umdrehen mit dem Knie treffe. Sie habe den Schmerz ertragen, nie Zeit gehabt, zum Arzt zu gehen, den starken Gewichtsverlust auf Erschöpfung zurückgeführt. Die Söhne hätten sie mit Gewalt zur Poliklinik geschickt, und nun sei sie hier in der Onkologie. Schon am ersten Tag untersuchte der Stationsarzt sie lange, auch der Abteilungsleiter kam, dann wurde sie zu einem Konsilium geführt. Eine der Patientinnen hatte gesehen, wie Wera Nikolajewnas Söhne aus dem Ärztezimmer kamen, beide ratlos.

Die Sorge um den Mann verließ Wera Nikolajewna keine Minute. Beim Anblick ihrer Söhne überschüttete sie sie mit Fragen:

  • Wie geht es Papa? Wer ist heute bei ihm? Die saubere Wäsche liegt in der obersten Kommodenschublade. Morgens wacht er um acht Uhr auf. Bröckelt Zwieback in die Brühe. Der Brei sollte nur handwarm sein. Man muss ihn dreimal täglich umdrehen.

Sie war ganz zu Hause, bei ihrem Mann, sorgte sich nur um ihn, dachte überhaupt nicht an sich selbst, obwohl es, nach dem Verhalten der Ärzte zu urteilen, um sie selbst nicht gut stand.

Nach dem Lichtlöschen konnte Saira lange nicht einschlafen, sie hätte sich gern hin und her gewälzt, aber das Bett knarrte so laut, dass sie fürchtete, alle zu wecken.

  • Schlafen Sie nicht? - rief Wera Nikolajewna ihr zu. - Ich auch nicht, ich habe tagsüber nach der Spritze genug geschlafen.

Und sie begannen leise zu reden. Wera Nikolajewna erwies sich als sehr belesen. Sie hatten dieselben Bücher gelesen. Beide liebten Paustowski, Wassil Bykau, Aitmatow, Iskander.

Sie sprachen über Maurois' „Briefe an eine Unbekannte". Und Wera Nikolajewna eroberte Saira endgültig, als sie aus dem Gedächtnis ein Gedicht von Weronika Tuschnowa aus der Sammlung „Hundert Stunden Glück" rezitierte; Saira erinnerte sich, wie Wiktor ihr einst solch eine Sammlung geschenkt hatte.

Zum Schluss fragte Wera Nikolajewna:

  • Und Ihre Muttersprache, können Sie die?
  • Ja, natürlich.
  • Ich kenne nur einen Ihrer Dichter — Kosta Chetagurow. Ich habe noch nie gehört, wie Ossetisch klingt. Können Sie mir nicht etwas vortragen?

Saira überlegte, dann trug sie Kostas „Vermächtnis" vor, das sie noch aus der Schule kannte.

  • Danke, Saira! - sagte Wera Nikolajewna. - Wie schön, an einem so trostlosen Ort einen interessanten Menschen zu treffen.
  • Ihnen dasselbe zu sagen, hieße 'der Kuckuck lobt den Hahn' — besser, ich schweige. Gute Nacht!

Eine Woche nach der Operation begannen Saira und Tamara wieder, zur „Kanone" zu gehen. Aber es erschien nicht mehr so schrecklich — die furchtbare Operation lag hinter ihnen.

Einmal, aus dem Radiologiegebäude zurückgekehrt, fand Saira Asa im Zimmer vor. So sehr man auch versucht hatte, die Krankheit vor ihr zu verbergen, hatte sie etwas Übles geahnt, da Saira einen Monat lang nicht angerufen hatte, und war mit ihrer Tochter gekommen. Die Schwestern umarmten sich, und Saira spürte, wie Asa zitterte, und Asa sah auch so aus, dass unklar war, wer von ihnen beiden eigentlich krank war.

Mehrere Tage lang kam Asa jeden Tag ins Krankenhaus, dann vereinbarte Saira, dass Wladimir Leonidowitsch sie entlassen würde und sie für die übrigen zehn Sitzungen der Strahlentherapie von zu Hause aus kommen würde — Alan wohnte in der Nähe, es war nicht weit zu gehen.

An dem Tag, an dem Saira entlassen wurde, wurde Wera Nikolajewna operiert. Saira wartete auf den Arzt, um ihre Bescheinigung zu holen, aber er ließ sehr lange auf sich warten — die Operation zog sich offenbar hin. Irgendwann in der Tagesmitte sah Saira durch die offene Zimmertür, wie Wera Nikolajewna vorbeigefahren wurde. Saira ging schnell hinaus in den Korridor und ging neben der Trage her. Wera Nikolajewna schlief aus irgendeinem Grund nicht. Kaum die Lippen bewegend, versuchte sie etwas zu sagen. Saira beugte sich hinunter und hörte ihr Flüstern.

  • Verschwinde nicht...
  • Nein, nein, Wera Nikolajewna. Ich habe Ihrem Sohn meine Telefonnummer gegeben, Ihre genommen. Ich komme übermorgen und schaue nach Ihnen.

Einen Tag später kamen Saira und Asa ins Krankenhaus. Zuerst ging Saira ins Ärztezimmer. Wladimir Leonidowitsch war schlecht gelaunt. Er saß am Schreibtisch, starrte finster auf einen Punkt, rührte sein eingepacktes Frühstück nicht an. Saira überreichte ihm einen Blumenstrauß und stellte einen Teller mit heißen ossetischen Pasteten auf den Tisch.

  • Bedienen Sie sich an den versprochenen Pasteten. Gebacken habe allerdings nicht ich, sondern meine Nichte, aber ihre gelingen besser als meine.
  • Geben Sie die Blumen der Krankenschwester, aber vielen Dank für die Pasteten. Ich bringe auch meiner Mutter welche mit, ich habe sie ihr schon lange angepriesen.

Im Zimmer verteilte Asa Pasteten an alle.

  • Bleib hier, ich gehe nachschauen, wie es Wera Nikolajewna geht, - sagte Saira zu ihr.

Es trat Stille ein.

  • Saira, du musst nirgendwohin gehen, - sagte schließlich Tamara.
  • Warum?
  • Wera Nikolajewna gibt es nicht mehr... Vorgestern Nacht ist sie gestorben, das Herz hat nicht mehr mitgemacht...

Fassungslos stand Saira da, hielt den dummen Satz zurück, den alle gewöhnlich sagen, wenn sie vom Tod eines Menschen erfahren: „Ich habe doch erst vor kurzem mit ihr gesprochen!"

Mit einer Schwere in der Seele verließ Saira das Zimmer. Im Korridor hielten sie zwei Frauen auf.

  • Sagen Sie bitte, wie viel haben Sie gegeben?
  • Was gegeben? Wem? - Saira verstand nicht, dachte weiter an Wera Nikolajewna.
  • Na, dem Chirurgen. Er wird auch uns operieren, und wir wissen nicht, wie viel wir ihm geben sollen. Man hat uns gesagt, er sei Ihnen gegenüber sehr freundlich, aber niemand weiß, wie viel Sie gegeben haben.
  • Gar nichts habe ich gegeben, - antwortete Saira schroff.

Beide Frauen sahen sie ungläubig an, dann begannen sie, einander unterbrechend, zu versichern, sie würden niemandem ihr Geheimnis verraten.

  • Lassen Sie mich in Ruhe! Ich habe Ihnen gesagt, ich habe ihm nichts gegeben, er war umsonst gut zu mir!

Beleidigt entfernten sie sich schließlich von Saira, und sie ging, eingehakt bei Asa und Tamara, zur nächsten Sitzung im Radiologiegebäude.

***

Etwa zwei Wochen später kam ein Brief aus Isjum. Eine unbekannte Handschrift:

Guten Tag, liebe Saira Kasbekowna!

Ich habe Ihren Brief gelesen und mich entschlossen zu antworten. Ich erinnere mich an Sie, und Tamara hat auch viel von Ihnen erzählt. Acht Monate ist es her, dass meine liebe Tamaratschka von uns gegangen ist. Im Winter brachte sie die Enkelin in den Kindergarten und rutschte aus. Von der starken Prellung kam die Krankheit wieder zurück... Wir können es bis heute nicht fassen. Und für mich ist das Licht erloschen nach dem Tod meiner geliebten Frau.

Alles Gute für Sie! Bleiben Sie gesund!

Tscherednitschenko.

Saira konnte sich nicht fassen. Es fiel ihr schwer, sich die immer lächelnde, aufblühende, scheinbar völlig genesene Tamara als tot vorzustellen. Saira konnte sich nicht verzeihen, dass sie ihr erst nach einem Jahr geschrieben hatte, als ob es etwas geändert hätte, wenn sie es früher getan hätte. Auch mit Ljubow Wassiljewna telefonierten sie immer seltener und hatten sich lange nicht gesehen, obwohl sie fast nebeneinander wohnten.

Saira wählte Ljubow Wassiljewnas Nummer und überlegte, ob es sich überhaupt lohnte, sie mit der traurigen Nachricht über Tamara zu beunruhigen. Ein Mann antwortete.

  • Kann ich Ljubow Wassiljewna sprechen?
  • Wer fragt nach ihr?
  • Wir haben vor vier Jahren zusammen in einem Zimmer gelegen. Sie sind wohl der Sohn?
  • Ja.
  • Ist Mama zu Hause?
  • Mama...
  • Was ist mit Ljubow Wassiljewna?
  • Warum fragen Sie überhaupt, wenn Sie zusammen gelegen haben?

Und... kurze Freizeichen.

Zefira Butaeva, 1993.